Der 123. Herrenweinabend der Liedertafel Neustadt
Freude schöner Götterfunken – auch im Himmel wird getrunken

Liedertafel-Präsident Frank Sobirey serviert zusammen mit Weihbischof Otto Georgens und den anderen Ehrengästen den 1000 Männern im Saal das erste Glas Herrenwein-Riesling

Alle Fotos: Mario Schaaf
38Bilder
  • Liedertafel-Präsident Frank Sobirey serviert zusammen mit Weihbischof Otto Georgens und den anderen Ehrengästen den 1000 Männern im Saal das erste Glas Herrenwein-Riesling

    Alle Fotos: Mario Schaaf
  • hochgeladen von Arno Metzger

„Wie im Himmel“ fühlen sich die Männer, die jedes Jahr am letzten Samstag im Januar in den Saalbau zum Herrenweinabend der Liedertafel Neustadt strömen. Die Liedertafel hat dieses Gefühl für ihren diesjährigen 123. Herrenweinabend in ihr Motto umgemünzt: „Freude schöner Götterfunken – auch im Himmel wird getrunken.“ Eine Aussage, die ja letztendlich nicht wissenschaftlich bewiesen werden kann und deshalb wie schon des Öfteren zu diesem Anlass von der Liedertafel mit einem Augenzwinkern verkündet wird, andererseits aber gerade die Freude ausdrückt, die ein solcher Abend den Männern beschert. Dass hinter diesem Motto aber auch mehr dahintersteckt als nur weinselige Ausgelassenheit zeigte Liedertafel-Präsident Frank Sobirey in seiner Begrüßungsrede auf.

Doch der Reihe nach: Schon gleich bei der feierlichen Eröffnung stellte sich erstmals bei den Gästen der sogenannte „Gänsehauteffekt“ ein. Unter den Klängen von Beethovens „Ode an die Freude“ und angeführt von Liedertafel-Präsident Frank Sobirey und dem Speyerer Weihbischof Otto Georgens als Ehrengast des Abends zogen die Ehrengäste in den abgedunkelten Saal ein. Das in Nebelschwaden eingehüllte Bühnenbild mit dem berühmten Deckenfresko Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle in Rom („Die Erschaffung Adams“) als zentralem Bild kam langsam zum Vorschein und verdeutlichte eindrucksvoll das Motto dieses Abend: Freude schöner Götterfunken – auch im Himmel wird getrunken. Allerdings ließ die Liedertafel-Darstellung leichte Zweifel aufkommen: ist das Gemälde in Rom vielleicht eine Fälschung, bei der wesentliche Einzelheiten retuschiert worden sind? Hat der liebe Gott dem Adam nicht doch ein Schoppeglas mit Riesling überreicht – und war vielleicht auch der Künstler ein Pfälzer namens Michel(angelo)? Der Comedian und Pfälzer Sprachakrobat Christian Chako Habekost hätte es bestimmt so gedeutet. Er war mit seinem Beitrag wieder ein Höhepunkt des Herrenweinabends und bewies dabei den Einfluss der „Pälzer Sprooch“ auf alle möglichen Sprachen dieser Welt. Vor allem aber punktete er mit seiner eindrucksvoll im Stakkato vorgetragenen kritischen Abrechnung mit den in manchen Dörfern der Pfalz aus dem Boden schießenden Schickimicki-Vinotheken, wo „die Porsche-Fahrer aus Karlsruhe und Wiesbaden möglichst bis an den Tresen vorfahren“ wollten. „Chako“ hatte die 1000-köpfige Männer-Runde im Griff und versprach, im nächsten Jahr wieder zu kommen.

Zunächst hatte jedoch Liedertafel-Präsident Frank Sobirey mit seiner Begrüßungsrede das Wort. Nach eigener Aussage ist er ja “für den seriösen Teil des Abends“ zuständig, bevor es ausgelassen lustig wird und die Stimmungswellen hochschlagen, und er hatte in dieser Richtung einiges Nachdenkenswertes zu sagen. Ist doch ein Teil des Mottos Beethovens „Ode an die Freude“ mit dem Text von Schiller (Freude schöner Götterfunken), die schließlich zur Europahymne gewählt worden ist. Die Liedertafel hat mit der Aufführung dieser Hymne und auch anderer Werke bereits des Öfteren ihr Statement für Völkerverständigung, Versöhnung und Brüderlichkeit abgegeben. Der Appell, für Europa nicht nur als Sänger sondern bei der bei anstehenden Europa-Wahl Ende Mai auch als Wähler die Stimme zu ergreifen, wurde mit viel Beifall aufgenommen.

Mit Blick zum Himmel wurden auch zwei Ehrenmitglieder der Liedertafel, die gerade vor wenigen Monaten verstorben waren, geehrt: Karlheinz Nestle war über Jahrzehnte der „Macher“ des Herrenweinabends mit der Lewwerworscht-Scharade, und zusammen mit Jakob Wahl bewahrte er vor 50 Jahren mit seinem Engagement die Liedertafel vor ihrer Vereinsauflösung; die 1000 Männer erhoben sich ihnen zu Ehren spontan von ihren Sitzen und prosteten ihnen im Himmel zu.

Für die Realisierung des Herrenweinabends konnte der Vorsitzende einer ganzen Reihe von Liedertafel-Akteuren danken: für die Gestaltung und den Aufbau des Bühnenbildes Johannes Joa mit seinen Helfern und dem Team der Schreinerei Löscher; für die Scharade-Bilder ebenfalls Johannes Joa und Dieter Sachs; dem Lewwerworschd-Scharade-Quartett: Peter Marz mit den „Bänkelsängern“ Rüdiger Boeckmann, Thomas Böhmer und Dennis Christmann; für die Moderation Norbert Schied; und für die Texte der Programmfahnen und der Scharade dem immer noch aktiven Ehrenmitglied Hans Fuder.

Eine Legende des Herrenweinabends leistete einen besonderen Beitrag: der 89jährige Pfälzer Mundartdichter Paul Tremmel trug ein speziell auf das aktuelle Motto zugeschnittenes Gedicht vor und erntete dafür einen Riesenbeifall. Er konnte aber nicht Werner Flügel mit seinen 91 Jahren den Rang als „ältester Herrenweinabend-Besucher“ ablaufen, der dafür vom Liedertafel-Präsidenten eine Flasche Herrenwein erhielt.

Das Besondere des Herrenweinabends ist aber unbestritten die Stimmung im Publikum: unter den Ehrengästen der erste Bürger der Stadt, Marc Weigel, sowie Landtags- und Bundestagsabgeordnete, Minister und Fraktionsvorsitzende. Zu den wesentlichen Aufgaben dieser Ehrengäste gehört es traditionsgemäß, das erste mit dem Herrenwein-Riesling gefüllte Glas den 1000 Männern im Saal zu servieren. Ausgeschenkt wurde ein 2017er Riesling Kabinett trocken der Lage Hambacher Schlossberg vom Hambacher Weingut Nägele. Dieser Wein wurde bereits im November 2018 bei einer verdeckten Probe von einer Expertenrunde als Siegerwein ermittelt. Weinguts-Inhaber Ralf Bonnet darf sich nun mit der Auszeichnung „Weinlieferant des Herrenweinabends 2019“ schmücken und erhielt dafür die Urkunde aus der Hand des Liedertafel-Präsidenten.

Traditionsgemäß hält auch der zum jeweiligen Motto speziell eingeladene Ehrengast des Abends eine passende Ansprache. Entsprechend dem „himmlischen“ Motto, dazu noch mit der Verknüpfung von „Weingenuss im Himmel“ konnte man sich keinen kompetenteren Ehrengast als den Speyerer Weihbischof Otto Georgens vorstellen. Auf einem Weingut in Weisenheim am Berg aufgewachsen, gilt er als ausgewiesener Weinexperte und ist zudem noch Mitglied der Weinbruderschaft der Pfalz. Vor genau 24 Jahren, am 27. Januar 1995 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof in Speyer. In seiner „Weinpredigt“ versuchte er mit Zitaten aus der Bibel bis zur von Wolfgang von Goethe 1814 notierten Weinpredigt auf dem Rochusberg bei Bingen Licht in die schwierige Frage zu bringen, ob es im Himmel vielleicht doch etwas vergleichbares wie Weingenuss gibt. Die kluge Erkenntnis und der wohlmeinende Ratschlag von Weihbischof Georgens an alle Weingenießer ist überliefert: „Wein saufen ist Sünde, Wein trinken hingegen beten – In diesem Sinne: lasset uns beten!“ … es ist zu befürchten, dass es doch einige Sünder an diesem Abend im Saalbau gab!

Seit einigen Jahren ist die Freddy Wonder Combo Garant für gute Musik beim Herrenweinabend. Ihr gelingt es immer wieder, das Stimmungs-Schwungrad auf die richtige Drehzahl zu bringen, sei es bei den Gesängen des 1000-köpfigen Männerchors, oder aber bei der ruhigen Zwischenmusik. Auch dieses Mal wurde den Besuchern mit zwei Show-Einlagen eine Pause bei ihren Gesängen eingeräumt: die mehrfach ausgezeichnete Hip-Hop-Tanzgruppe „The True Knights“ sprach mit „Wonderland“ und Breakdance vor allem das jüngere Publikum an. Ein „Selbstläufer“ war wie immer die von Peter Marz und seinen drei Mitsängern zelebrierten Lewwerworschd-Scharade, dem Kult-Song des Herrenweinabends. Danach stieg das Stimmungs-Barometer weiter schnell an. Dafür sorgten auch die auf das Motto gemünzten Mitsing-Lieder des Liedertafel-Männerchors „Riesling-Prinzen“; das war ganz nach dem Geschmack des Publikums. Zum Schluss, als es gegen 22 Uhr auf das Ende zuging, wurde zum fulminanten Endspurt von der Freddy Wonder Combo nochmals kräftig eingeheizt – dann stand auch trotz des himmlischen Mottos bei „Highway to Hell“ wieder alles auf den Stühlen. Und das ist das Schöne am Herrenweinabend, dass sich die Stimmung in den vier Stunden ganz langsam steigert – bis zum Schlusschoral „Bacchus wir danken dir“, bei dem es nochmal ganz feierlich wird. Und wie immer endete das Fest traditionsgemäß pünktlich mit dem Glockenschlag um 22 Uhr.

Alle Fotos: Mario Schaaf

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen