Neue Regeln im Altenheim
Zum Stolz gesellt sich leichtes Unbehagen

Schifferstadt. Seit Donnerstag gilt: Wer im Pflegeheim wohnt, darf eine Stunde am Tag Besuch von einer Person empfangen. Auch die Regeln für den Ausgang wurden gelockert. Bewohner dürfen mit ihren Angehörigen und mit Schutzkleidung die Einrichtung kurzzeitig verlassen.  Für einen gemeinsamen Spaziergang zum Beispiel. Die Verordnung gilt zunächst für 14 Tage. Seit Mitte April galt in Pflegeeinrichtungen in Rheinland-Pfalz wegen der Ausbreitung des Coronavirus ein generelles Besuchsverbot.

Bereits ab 13. März hatte die Römergarten Residenzen GmbH in Schifferstadt ein Betreten ihrer 18 Häuser in Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg nicht mehr zugelassen, um die Bewohner vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. "Unsere Bewohner haben dafür größtenteils viel Verständnis aufgebracht", sagt Antje Bender. Sie ist bei dem privaten Betreiber von Seniorenheimen, der unter anderem Residenzen in Lustadt, Harthausen und Neustadt betreibt, in Nicht-Corona-Zeiten für das Zentrale Qualitätsmanagement zuständig, derzeit aber Koordinatorin für alles rund um die Pandemie. Eine Herausforderung.

Stolz ist sie darauf, wie gut das gesamte Team die Krise bislang gemanagt hat; doch zum Stolz gesellt sich jetzt ein leichtes Unbehagen. "Je lockerer draußen mit dem Virus umgegangen wird, um so unsicherer wird es für unsere Bewohner drinnen", sagt Bender. Dass die Einrichtungen den Schutz ihrer Bewohner vielleicht nicht mehr so gewährleisten können wie vorher, das bereitet ihr an der neuen Regelung Sorge. "Ich bin zwiegespalten, denn natürlich freue ich mich auch für unsere Bewohner und ihre Angehörigen", sagt sie. 

Dass die Einrichtungen auf die neue Situation vorbereitet sind, dafür ist gesorgt. "Wir sind gut aufgestellt", sagt Antje Bender.  Es stehen extra Besucherräume mit langem Tisch zur Verfügung. Derzeit müssen sich Besucher vorab telefonisch anmelden, dann in eine Liste eintragen, einen Mundschutz tragen und sich die Hände desinfizieren. Zwischen den Besuchs-Zeitfenstern sind noch einmal 15 Minuten freigehalten für das Desinfizieren der Kontaktflächen und das Lüften des Raums.

Auch welcher Bewohner in wessen Begleitung die Einrichtung verlässt, wird sauber dokumentiert. Ebenso seine Rückkehr. Ein Kontakt zu weiteren Personen darf außerhalb des Heims nicht stattfinden. Auch nicht mit Familienangehörigen. Bewohner, die sich daran nicht halten, müssen für 14 Tage in Quarantäne und dürfen in dieser Zeit ihr Zimmer nicht verlassen. Doch wie ehrlich Bewohner und Angehörige dem Pflegepersonal gegenüber sind, lässt sich nicht beeinflussen.

"Wir belehren schriftlich, aber auf diesem Weg könnten wir uns das Virus in die Einrichtung holen, ohne dass wir Einwirkungsmöglichkeiten haben", begründet Antje Bender, warum sie gerade mit der Aufhebung des Ausgangsverbotes nicht ganz glücklich ist. Für manchen sei schwer zu verstehen, dass er jetzt nicht einfach - so wie früher - in den Supermarkt gehen kann, um sich seine Fernsehzeitschrift zu kaufen.

Das Pflegepersonal steht in dieser Krise einmal mehr vor neuen organisatorischen Herausforderungen, nachdem sich Aufgaben wie das tägliche Monitoring in den vergangenen Wochen bereits eingespielt haben. "Diesen Beruf machen Menschen, die sich gerne um andere kümmern, die muss man dann auch schon mal dazu auffordern, auf die eigenen Grenzen zu achten", sagt Bender. In der Krise seien die Mitarbeiter unglaublich kreativ geworden, um die Bewohner durch die schwierige Zeit zu begleiten: Vom "Fensterln" an Erdgeschoss-Fenstern der Einrichtung über Absperrband-Begegnungen auf der Terrasse wurden Live-Begegnungen mit Angehörigen möglich gemacht, aber auch Hilfestellung beim Skypen oder bei Videochats über WhatsApp geleistet. 

"Unsere Singkreise und Gymnastikangebote sind weitergelaufen, man trifft sich beim Essen und auf den Fluren - da ist die allein lebende Oma in ihrer Wohnung sicher isolierter und einsamer, als die Bewohner eines Seniorenheims", glaubt Bender. Von extern seien in dieser Zeit sehr viel Lob und Ermutigung gekommen: von Harfe- oder Alphornspiel im Garten über selbst gebackenen Kuchen bis hin zum selbst genähten Mundschutz. "Wir haben sehr viel Solidarität erfahren", sagt Antje Bender. Und dass sie hofft, dass alle etwas lernen aus dieser Krise. Entschleunigung zum Beispiel, Rücksichtnahme und Respekt. Aber die Krise rege auch dazu an, die eigenen Ansprüche zu überdenken. "Ich habe den Zweiten Weltkrieg überlebt, ich überlebe auch das", habe neulich eine Bewohnerin zu ihr gesagt. "Da erkennt man, dass viele unsere Probleme wirklich Luxusprobleme sind."

Autor:

Cornelia Bauer aus Speyer

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