Deportation der pfälzischen Juden vor 80 Jahren
Gegen das Vergessen

2008 in Gurs: erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg besucht Margot Wicki-Schwarzschild wieder das südwestfranzösische Lager, begleitet von Roland Paul, der seit Jahrzehnten das Schicksal der pfälzischen Juden aufarbeitet.
  • 2008 in Gurs: erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg besucht Margot Wicki-Schwarzschild wieder das südwestfranzösische Lager, begleitet von Roland Paul, der seit Jahrzehnten das Schicksal der pfälzischen Juden aufarbeitet.
  • Foto: Bezirksverband Pfalz
  • hochgeladen von Laura Braunbach

Update: Kein Zeitzeugenbericht im Pfalztheater Kaiserslautern

Aufgrund der Corona-bedingten Absage von Frau Wicki-Schwarzschild wird der, vom Bezirksverband Pfalz am Dienstag, 20. Oktober 2020, geplante Zeitzeugenbericht im Pfalztheater Kaiserslautern nicht durchgeführt.

Eigentlich wollte die 89-Jährige, in Kaiserslautern gebürtige Schweizerin von dem Schicksal ihrer Familie, von deren Deportation ins Lager Gurs (Südwestfrankreich) am 22. Oktober 1940, vom Leben im Lager und von der Zeit danach, erzählen. Leider musste Frau Wicki-Schwarzschild wegen den ansteigenden Corona-Infektionszahlen in Deutschland absagen.
Margot Wicki-Schwarzschild, geboren 1931 in Kaiserslautern, wuchs in einer behüteten, gutbürgerlichen Familie auf. Ihre Mutter war Katholikin, der Vater Jude. Die Familie wurde später in das Lager Rivesaltes bei Perpignan gebracht. Eine Schweizer Rotkreuz-Schwester erwirkte die Befreiung der Mutter und ihrer beiden Töchter. Der Vater wurde deportiert und in Auschwitz getötet. Seit den 1950er Jahren lebt Margot Wicki-Schwarzschild in der Schweiz.

Ihre Biographie war Inspiration für die Ausstellung „Als Kinder Auschwitz entkommen“, die vom 19. Oktober bis 15. November im Wadgasserhof des Theodor-Zink-Museums in Kaiserslautern, Steinstraße 48, zu sehen ist. Zudem liegt ein Begleitbuch vor, das beim Besuch der Ausstellung für 10,00 € käuflich zu erwerben ist.

Gedenken. Vor 80 Jahren, am 22. und 23. Oktober 1940, wurden rund 6.500 Juden aus der Pfalz, dem Saarland und Baden ins südwestfranzösische Internierungslager in Gurs verschleppt. Die Mehrzahl von ihnen kehrte nicht zurück, sondern fand den Tod. Mit mehreren Veranstaltungen gedenkt der Bezirksverband Pfalz diesem barbarischen Akt der Nationalsozialisten. Ein Programmheft, das die Aktivitäten des Regionalverbands und weitere Initiativen der Landkreise, Städte, Gemeinden, Vereine und engagierten Bürgerinnen und Bürger vorstellt, ist in den eigenen und mitgetragenen Einrichtungen des Bezirksverbands Pfalz sowie bei den weiteren Akteuren erhältlich und auf der Website www.bv-pfalz.de/gedenken-erinnern/80-jahre-gurs abrufbar.
Die Veranstaltungsreihe will „einen Beitrag gegen das Vergessen leisten, Anstöße zur Reflexion über bedenkliche Entwicklungen in unserer Gegenwart und Impulse zur Bewahrung unserer freiheitlichen Demokratie geben“, so der Bezirkstagsvorsitzende Theo Wieder.

Die Ausstellung „Als Kinder Auschwitz entkommen“ zeigt vom 19. Oktober bis 15. November im Wadgasserhof des Theodor-Zink-Museums in Kaiserslautern 25 Acrylbilder der Landauer Malerin Monika Kirks und dazugehörige Skizzen, die in enger Abstimmung mit Margot Wicki-Schwarzschild entstanden; sie hat zusammen mit ihrer Schwester Hannelore die Deportation überlebt und ihre Lebens- und Leidensgeschichte in einem Buch festgehalten, das der Künstlerin als Grundlage diente. Skizzen und ausgewählte Originaltexte erläutern die historische Situation. Am selben Tag ist die Ausstellung vorab von 16 bis 19 Uhr zu besichtigen. Eröffnet wird sie dann in der Alten Eintracht in Kaiserslautern um 19 Uhr durch eine Einführung von der Kunsthistorikerin Dr. Claudia Gross; um 20 Uhr folgt der Vortrag von Dr. Christoph Kreutzmüller „Fast ein Blitzlichtgewitter. Die Fotos der Deportationen nach Gurs vom Oktober 1940“. Der Fotoexperte stellt die Aufnahmen in ihren historischen Kontext, vergleicht und analysiert sie.
Margot Wicki-Schwarzschild schildert am Dienstag, 20. Oktober, um 19 Uhr im Pfalztheater Kaiserslautern die Vorgänge im Herbst 1940, das Leben im Lager und danach. Einen Tag später, am Mittwoch, 21. Oktober, steht „Die Deportation der pfälzischen Juden nach Gurs vor 80 Jahren und das Schicksal der Deportierten aus der Pfalz“ im Mittelpunkt des Vortrags von Roland Paul, ehemaliger Direktor des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde, in der Pfalzbibliothek Kaiserslautern. „Joseph Bürckel und die Deportation der pfälzisch-saarländischen Juden am 22. Oktober 1940“ beleuchtet am Montag, 26. Oktober, um 19 Uhr Dr. Walter Rummel, Leiter des Landesarchivs Speyer, in der Alten Eintracht in Kaiserslautern. Das Pfalztheater Kaiserslautern beteiligt sich mit der Uraufführung des Schauspiels „Bürckel! Frau Gauleiter steht ihren Mann“ von Peter Roos, einem Auftragswerk, das am am 11., 22. und 30. Oktober, am 6. und 25. November sowie am 15. Dezember über die Bühne geht. Der Handlung liegen jahrelange Recherchen des Autors und die umfassende Akte von Bürckels Frau Hilde von 1949 zugrunde. Eine Anmeldung zu den Veranstaltungen wird erbeten unter gurs-gedenken@bv-pfalz.de (für 19., 20. und 26. Oktober) beziehungsweise info@pfalzbibliothek.bv-pfalz.de (für 21. Oktober).

Zu den weiteren Veranstaltungen in der Region gehören eine Reihe von Vorträgen im saarländischen Siersburg-Rehlingen (5. Oktober), in Frankenthal (7. Oktober), Homburg (22. Oktober), Pirmasens (22. Oktober und 6. November) und Speyer (28. Oktober); am 22. Oktober findet eine Kundgebung „Für unsere gemeinsame Zukunft in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ im französischen Wissembourg, eine Kranzniederlegung und ein Gedenken an die Opfer von Gurs in Neustadt an der Weinstraße, außerdem am gleichen Tag eine Führung durch das jüdische Zweibrücken statt. Darüber hinaus gibt es eine Filmvorführung am 27. Oktober in Frankenthal, eine Lesung aus den Briefen von Gretl Drexler am 1. November in Rockenhausen, eine Enthüllung weiterer Tafeln im Gedenkprojekt der Stadt Pirmasens am 6. November und ein Rundgang zu den Häusern der Gurs-Deportierten am 19. November in Bad Dürkheim.

Coronabedingt verschoben wurde die Landesausstellung „Gurs 1940. Die Deportation und Ermordung der Jüdinnen und Juden aus Südwestdeutschland“ auf April des kommenden Jahres, die im Wadgasserhof des Theodor-Zink-Museums in Kaiserslautern gezeigt und von der Bildungs- und Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz Berlin in Kooperation mit vielen Partnern in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland sowie dem Auswärtigen Amt erarbeitet wird. laub/ps

Autor:

Laura Braunbach aus Ludwigshafen

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