Neue Konzepte am Nationaltheater Mannheim – Teil IV
Bei Anruf Lyrik

Ragna Pitoll

Mannheim. Die Pforten des Nationaltheaters Mannheim bleiben aufgrund von Corona bis September geschlossen. Was bedeutet das für die Künstler? Wie erreichen sie die Zuschauer? In den letzten Wochen haben Ensemblemitglieder kreative Wege gefunden, um weiterhin mit den Zuschauern in Verbindung zu bleiben.

Wochenblatt-Redakteurin Jessica Bader sprach dazu mit Ragna Pitoll über die Aktion „Bei Anruf Lyrik!“ und über Chancen in der Krise.

In der vorstellungsfreien Zeit hast du auf noch direktere Art und Weise Kontakt zum Publikum aufnehmen können …

Es gab das Format „Bei Anruf Lyrik!“. Man konnte sich für eine bestimmte Zeitspanne anmelden, seine Telefonnummer hinterlassen und in diesem Zeitraum wurde man dann kontaktiert. Die Aktion war eine sehr bereichernde Erfahrung für mich. Man hat in der Corona-Zeit gemerkt, wie schwierig es ist, die Bühne zu ersetzen, dass das eigentlich nicht möglich ist. Aber dieser konkrete, direkte Kontakt mit dem Publikum war über das Telefon schon möglich. Meistens im Eins-zu-eins-Verfahren, manchmal auch Eins-zu-fünf … Es gab Menschen, die saßen gemeinsam im Garten und haben zugehört.

Welche Texte hast du gelesen? Hatten sie einen Bezug zur aktuellen Situation?

Mit der Textauswahl waren wir ganz frei. Ich habe mir von Erich Kästner „Die 13 Monate“ ausgesucht. Das ist ein Gedichtzyklus, mit dem er als Großstädter von einer Münchner Zeitung beauftragt war. Er sollte die zwölf Monate beschreiben und einen Wunschmonat. Es war verabredet, dass pro Anrufer ungefähr drei Gedichte gelesen werden. Ich wollte aber, dass das nicht einfach ein Sammelsurium wird, sondern doch an einem Faden hängt und darum habe ich dieses Thema zur Verfügung gestellt und habe ein bisschen erzählt, wie es zu diesen Gedichten kam: Dass der Autor, ähnlich wie wir gerade, aus der Vorstellung leben musste. Er musste die Natur beschreiben und saß mitten in Berlin und dann auch immer noch sieben Wochen, bevor der Monat überhaupt eintrat, weil die Redaktionszeiten eingeplant werden mussten. Insofern fand ich das ganz passend. Die Anrufer konnten sich drei Monate aussuchen und ich habe ihnen dann die jeweiligen Gedichte vorgelesen.

Wie hast du diese sehr persönliche Interaktion erlebt? Gab es besondere Momente oder Anekdoten?

Es waren eigentlich immer besondere Momente, da es intimer und persönlicher ist, als vor einem Publikum mit 500 Leuten, die man nicht persönlich kennenlernt. Das war eine sehr spannende Erfahrung, weil wir natürlich den direkten Kontakt mit den Leuten vermissen, aber so eine Eins-zu-eins-Erfahrung hat man ja dann auf der Bühne eher selten. Dieses Vertrauen oder das Interesse dafür hat mich schon sehr gerührt. Und ich habe, was mich sehr berührt hat, danach Postsendungen bekommen. Als Dankeschön habe ich eine Kästner-Geschichte von jemandem erhalten, der gesagt hat, dass das sehr schön für ihn war, dass er das Theater vermisst und er mir deshalb eine Lieblingskindergeschichte von ihm zusendet. Dann gab es einen Anruf von jemandem, der selbst Gedichte schreibt und sich an mich gewendet hat, um vorzuschlagen, dass man das ja vielleicht auch mal lesen könnte. Es gab sehr persönliche Gespräche im Anschluss an diese Aktion. Und es gab sogar jemanden der gesagt hat, das ist so eine schöne Sache, dass es toll wäre, wenn das weitergeführt werden würde, auch wenn wieder Theater gespielt werden kann.

Hat sich deiner Meinung nach das Theater als Institution in der aktuellen Krise weiterentwickelt oder sogar neu erfunden? Wo glaubst du könnte die Entwicklung hingehen?

Das Theater existiert seit vielen hundert Jahren und die Corona-Krise betrifft uns am Theater seit März, also erst ein paar Monate … Abgesehen davon, dass Theater immer versucht, sich neu zu erfinden, steht momentan alles auf dem Kopf, was wir eigentlich machen möchten. Aber es hat auch gute Seiten gezeigt. Ich bin zum Beispiel im Personalrat tätig und diese digitale Möglichkeit, zueinander zu kommen, ist ein wichtiges Mittel, welches wir nutzen, um verschiedene Versammlungen vorzubereiten. Das ist sehr effektiv und dadurch eine Bereicherung.

Ich denke, dass das Theater immer in Bewegung ist und auch diese Zeit Spuren hinterlassen wird. Es gibt momentan sowieso eine Entwicklung dahin, dass Aufführungen einen performativeren Charakter bekommen und ich glaube, die Corona-Krise beschleunigt diesen Prozess. Mir blutet da ehrlich gesagt manchmal das Herz, aber es ist ja wunderbar, dass es Formate gibt, bei denen man den Leuten trotzdem gegenüberstehen kann. Manchmal ist das sogar sehr spannend, weil man als Spieler auch oftmals aneinanderklebt und man jetzt ganz genau überlegen muss, ist das wirklich notwendig? Welche Form der Übersetzung findet man für diesen Moment?

Und mit etwas Glück bewirkt die Krise, dass Menschen enger zusammenrücken. Ich habe das Gefühl, dass die Aufmerksamkeit für andere Kunstschaffende und Solo-Künstler momentan noch mehr im Fokus liegt. Uns ist sehr wohl klar, wie privilegiert wir als Festangestellte gerade sind, aber man versucht sich für andere einzusetzen. Insofern gibt es da ein Miteinander und das ist ein ganz wichtiger positiver Effekt, bei allem Negativen.

Manchmal macht man Erfahrungen, die gar nichts mit Theater zu tun haben, sondern mit dem Leben. Wir spielen ja Leben, also ist so eine Erfahrung während einer Krise letztendlich für das Theater wichtig. Und bei allen Bemühungen finde ich es auch schön zu merken, dass digitale Formate nicht die Bühne ersetzen können.

Worauf freust du dich am meisten, wenn der reguläre Spielbetrieb wieder stattfinden kann?

Ich freue mich schon auf das Einlassgeräusch, das durch den Lautsprecher kommt: „Es ist das erste Zeichen. 19 Uhr. Noch 30 Minuten bis zum Beginn der Vorstellung.“ Leider ohne Maskenzeiten und ohne die üblichen Rituale, die dem vorausgehen. Aber ich freue mich darauf, dass wieder eine Live-Atmosphäre zwischen Publikum und Schauspielern entstehen kann. Das wird hoffentlich ein guter Start nach der langen Pause und ein guter Beginn einer neuen Theaterzeit.

Weitere Informationen:

Mehr zu aktuellen und zukünftigen Projekten am Nationaltheater Mannheim finden Interessierte unter www.nationaltheater-mannheim.de


Das Interview mit Robin Krakowski:

Wo sind eigentlich die Zuschauer?

Das Interview mit Eddie Irle:

Theater clubgerecht serviert

Das Interview mit László Branko Breiding und Arash Nayebbandi:

Die große Ungewissheit

Autor:

Jessica Bader aus Ludwigshafen

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