Interview der Woche
Bahnverkehrsexperte Werner Schreiner aus Neustadt

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Neustadt. Sein ganzes Leben hat er dem Thema „Bahn“ gewidmet. Die Aufzählung der Verdienste von Werner Schreiner um einen funktionierenden und wirtschaftlich effizienten Zugverkehr in der Pfalz und über ihre Grenzen hinaus würden viele Bände füllen. Wir sprachen mit dem 74-jährigen leidenschaftlichen Verkehrsexperten unter anderem über die Zukunft der Bahn und die Chancen des digitalisierten autonomen Zugverkehrs.

Von Markus Pacher

??? Herr Schreiner, wie wird man als Lehrer und Historiker zum Bahnverkehrsexperten?
Werner Schreiner: Das ist eine ganz interessante Geschichte. Schon in meiner Jugend habe ich für die Medien, unter anderem für die Rheinpfalz geschrieben. Einmal bin ich auf einen fehlerhaften Artikel über die Bahn gestoßen und hatte mit dem verantwortlichen Redakteur Kontakt aufgenommen und Kritik geübt. Der hat mich dann gleich als Berichterstatter für die ganze Pfalz engagiert. Zum Studium bin ich dann mit dem Zug nach Mannheim gependelt und habe dabei beobachtet, warum der „Laden“ nicht funktioniert und wo es überall klemmt. Bereits während dieser Zeit knüpfte ich viele Kontakte mit der Bahn und ihren Mitarbeitern und baute mir ein Netzwerk auf. Schließlich wurde der damalige Schulleiter des Kurfürst-Ruprecht-Gymnasiums auf mich aufmerksam. Er suchte nach jemanden, der sich um den Schülerverkehr kümmert und holte mich an seine Schule nach Neustadt.

??? Damals ging es, wenn ich mich richtig erinnere, unter anderem um ein Konzept zur Einrichtung einer neuen Haltestelle am Böbig?
Werner Schreiner: Genau. Das war 1974. Ich hatte damals im Rahmen einen Vortrags beim Bundesverkehrsministerium ein Konzept zu einem neuen Angebot über einen aufeinander abgestimmten Bus- und Bahnbetrieb mit einheitlichen Tarifen vorgestellt, da die Bahnstrecke Neustadt–Bad Dürkheim stillgelegt werden sollte. Das „Modell Schreiner“ wurde zum bundesweiten Vorzeigemodell und später die neue Haltestelle am Böbig zum Muster für S-Bahnsteige.

??? Der Name Werner Schreiner wird auch gerne mit dem Kuckucksbähnel in Verbindung gebracht.
Werner Schreiner: 1983 kam das Kuckucksbähnel dazu. Zunächst ging es um die Errichtung eines Museumsbahnbetriebs der 1960 stillgelegten Strecke zwischen Lambrecht und Elmstein. Während ich mich um die vertragliche Seite kümmerte, zeichneten Horst Kayser für das Eisenbahntechnische und Lothar Volz und Werner Lautensack für die Bahnstreckeninfrastruktur verantwortlich. Als wichtiger Impuls für uns entpuppte sich ein Fernsehbeitrag über die Strecke anlässlich des Jubiläums „150 Jahre Eisenbahn in Deutschland“. Dies unterstützte unser Projekt.

??? Apropos Kuckucksbähnel: Warum wurden jüngst ausgerechnet die alten Schienen der Neustadter Museumsbahn als Teststrecke für künftige Versuche für den autonomen Zugverkehr ausgewählt und wie kam es überhaupt zu diesem Projekt?
Werner Schreiner: Gerade war ich auf einer Tagung in Dresden, denn das in Sachsen vergebene Bundesprojekt hat seinen Ausgangspunkt in Annaberg im Erzgebirge. Dort profitieren die per Funk gesteuerten Züge über eine bessere Einstrahlung. Das in das Projekt involvierte, in Ditzingen bei Stuttgart beheimatete Unternehmen Thales hat das Elmsteiner Tal insbesondere auch aufgrund seiner geografischen Verhältnisse für seine Digitalisierungsversuche ausgewählt. Und unsere 13 Kilometer lange eingleisige Eisenbahnstrecke bietet außerdem den Vorteil, dass die Strecke in der Regel nur an Wochenenden und Feiertagen betrieblich genutzt wird. Sobald ein Zug in die Strecke einfährt, darf kein weiterer Zug folgen. Das heißt, es ist sichergestellt, dass immer nur ein Zug auf der Strecke ist. Somit können die Testfahrten sehr flexibel stattfinden.

??? Worin liegen ihrer Ansicht nach die Chancen der Digitalisierung des Bahnverkehrs?
Werner Schreiner: Die Digitalisierung der Bahn leistet einen wesentlichen Beitrag zur besseren Ausnutzung des Netzes. Dichtere Zugfolgen werden möglich sein. Außerdem würde da durch der enorme Mangel an Betriebspersonal entschärft werden. Stichwort „Digitale Kupplungen“: Obwohl bereits in den 70er-Jahren im Osten vollautomatische Kupplungen eingesetzt wurden, werden heute die Kupplungen im Güterverkehr immer noch per Hand montiert.

??? Dann wird der Beruf des Lokomotivführers vermutlich irgendwann aussterben?
Werner Schreiner: Grundsätzlich ist der vollständige autonome Fahrbetrieb im Zugverkehr eher vorstellbar als beim Autoverkehr. Überall dort, wo man über gesicherte Fahrbereiche verfügt, ist das möglich. In Paris und Nürnberg gibt es zum Beispiel bereits U-Bahnstrecken mit autonomen Zugbetrieb.

??? Ihr Engagement als Historiker, Verkehrsexperte, Mitglied im Stadtrat, Laienrichter, Museumsbahngründer etc. ist unüberschaubar vielfältig. Bleibt da noch Zeit für die Familie und andere Freizeitaktivitäten?
Werner Schreiner: Seit meiner Pensionierung habe ich ja sehr viel Zeit und glücklicherweise ist meine Frau auch viel ehrenamtlich unterwegs, unter anderem engagiert sie sich im Vorstand der GEW Südpfalz und der DGB in Landau. So treffe ich mich, solange es meine Knie mitmachen, regelmäßig mit meinen alten Tennisfreunden zum gemeinsamen Doppel.

??? Eine weitere private Frage sei noch zum Abschluss erlaubt: Dreht in ihrem Haus irgendwo eine Modelleisenbahnbahn ihre Kreise?
Werner Schreiner [schmunzelt und führt mich in sein umfangreiches Eisenbahnarchiv]: Da muss ich sie leider enttäuschen. Zwar besitze ich eine Fleischmann-Spur-Eisenbahn, aber leider fehlt mir der Platz, um sie aufzubauen. pac


Vita Werner Schreiner

Neustadt. Werner Schreiner arbeitete nach seinem Studium derAnglistik und Geschichte in Mannheim und Manchester als Lehrer, unter anderem von 1974 bis 1990 am Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium Neustadt. 1990 wechselte er an das Werner-Heisenberg-Gymnasium Bad Dürkheim. Drei Tage in der Woche war er bei der Kreisverwaltung Bad Dürkheim als Referent für Nahverkehr tätig. Seit 1992 ist der gebürtige und wohnhafte Neustadter für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) im Rhein-Neckar-Raum aktiv. Zuletzt als Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Rhein-Neckar (VRN) prägte der Preisträger der Goldenen Umweltschiene wie kein anderer die Verbesserung des ÖPNV weit über die Region hinaus. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande (2013) engagiert sich seit 2014 ehrenamtlich als Beauftragter der Ministerpräsidentin Malu Dreyer für die grenzüberschreitende  Zusammenarbeit und in diesem Zusammenhang für das ab 2024 an den Start gehende Großprojekt „Sieben Mal direkt über die Grenze“, das Rheinland-Pfalz, das Saarland und Baden-Württemberg und unsere französische Nachbarregion einbindet. Als Historiker veröffentlichte Schreiner zahlreiche Schriften, Aufsätze und Bücher zur pfälzischen Eisenbahngeschichte. Ehrenamtlich war er außerdem als Laienrichter beim Amtsgericht Neustadt an der Weinstraße und beim Landgericht Frankenthal tätig. pac

Autor:

Markus Pacher aus Neustadt/Weinstraße

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