Musik, die die Uhr vergisst
Piotr Beczała im Festspielhaus Baden-Baden: Silvesterglanz zwischen Carmen-Feuer und Danzón-Rausch
- Foto: Manolo Press/ Michael Bode
- hochgeladen von Marko Cirkovic
Das Festspielhaus Baden-Baden lädt an Silvester zur „Spanischen Nacht“ – und der Titel liefert die Pointe gleich mit, wenn man auf die Uhr schaut: Beginn um 16 Uhr. Eine Nacht, die im hellen Nachmittag ansetzt. Und dann noch eine zweite Volte: „spanisch“ heißt der “Abend”, aber gesungen wird überwiegend Französisch – ausgerechnet in jener Sprache, in der man seit Bizets „Carmen“ das vermeintlich Spanische mit besonderer Lust an Schärfe, Duft und Drama erfindet. Ein spanischer Nachmittag also, französisch, mal deutsch deklamiert, in Baden-Baden serviert: Man darf darüber schmunzeln.
Doch das Schmunzeln bleibt an der Garderobe, sobald die Musik den Saal wirklich ergreift. Denn was hier folgt, ist nicht ein launiges Etikettenspiel, sondern ein Silvesterkonzert von seltener Strahlkraft: ein Abend – nennen wir ihn ruhig so, weil er sich innerlich genau dazu auswächst –, der mit jeder Minute mehr Glanz gewinnt und schließlich in jenes beglückende Übermaß kippt, für das man solche Termine liebt. Wunderschön, atemberaubend, und in seinen besten Momenten so unmittelbar, dass man weniger an Programm denkt als a das schiere Gefühl, dabei gewesen zu sein.
Zunächst allerdings: das Orchester. Die Philharmonie Baden-Baden beginnt mit einer Spur Zurückhaltung, als müsse sie erst den Raum vermessen, die Akustik prüfen, die eigenen Farben sortieren. In der eröffnenden Expression bleibt manches noch etwas zu glatt, die Emotionalität tastet, statt zu brennen; die Konturen stehen, aber der Atem fehlt noch, der die Konturen in Leben überführt. Doch kaum treten die Solisten hinzu, als würde die Bühne einen Schalter umlegen. Plötzlich finden die Streicher ihr inneres Glühen, die Bläser schärfen nicht nur den Ton, sondern auch die Haltung, und der Gesamtklang gewinnt jene plastische Präsenz, die im Festspielhaus nicht geschenkt, sondern erarbeitet werden will. Der Dirigent Timur Zangiev hält die Zügel straff genug, um Form zu garantieren, und löst sie rechtzeitig, damit das Ganze nicht zum Ornament erstarrt.
Dann Aigul Akhmetshina: eine sehr gute, in sich geschlossene Erscheinung, die den Abend zuverlässig trägt, ohne ihn allein an sich zu ziehen. Ihre Stimme besitzt Kraft und Kern, doch wirkt sie am überzeugendsten dort, wo sie diese Energie in Linie und Gestaltung überführt. Die Koloraturen gelingen sicher und sauber, oftmals auch mit jener schönen Selbstverständlichkeit, die nicht nach virtuoser Selbstdarstellung klingt, sondern nach musikalischem Sinn. Sie versteht es, neben dem kräftigen Zugriff auch zartere Farben einzuziehen, den Klang zu verschatten, die Phrase zu runden – nicht als Effekt, sondern als Ausdruck eines ernst genommenen Textes. In „Les tringles des sistres tintaient“ zeigt sie ihre Stärken besonders deutlich: attackefreudig, rhythmisch präsent, mit hörbarer Freude an der Beweglichkeit der Stimme. Das Orchester steigert sich hier zum Schluss hin mit spürbarer Lust an der Zuspitzung; Akhmetshina bleibt dabei der ruhende Pol, der das Temperament bündelt. Und selbst das unfreiwillige Intermezzo – das pfeifende Hörgerät eines Besuchers – wird, zumindest aus der Saalperspektive, eher zur Randnotiz: Sie lässt sich nicht irritieren, bleibt in der Linie, im Text, im Moment. Insgesamt: überzeugend, geschmackvoll, musikalisch intelligent – genau die Art von Qualität, die einen solchen Abend stabilisiert.
An ihrer Seite: Piotr Beczała – ein Tenor, bei dem jedes Lob, das mit „groß“ beginnt, im selben Augenblick zu klein wird. Er gehört zu den Besten, und an diesem Nachmittag zeigte er sich in jener Form, die aus Rang Legende macht: eine reife, edle Stimme, getragen von einer Technik, die nicht glänzen will, sondern schlicht funktioniert – und gerade dadurch überwältigt. Zunächst ist da diese mühelose Tragfähigkeit, mit der er den großen Saal nicht nur erreicht, sondern erfüllt: ein Klang, der nicht drückt, sondern strahlt, der Präsenz hat, ohne Härte zu benötigen. Und dann sind da die leisen Töne, dieses fast Unhörbare, das dennoch elektrisiert, weil es vollkommen getragen ist – reine Atemökonomie, reine Kontrolle, pure Spannung. Wie er Crescendi aufbaut, wie er Linien spannt, wie er die Phrase nicht „lauter macht“, sondern wachsen lässt, ist tatsächlich beispiellos. Jede Steigerung wirkt organisch, jede Nuance hat Gewicht, jedes Piano besitzt Kern. Man erlebt nicht bloß Gesang, sondern eine Kunst des Erzählens im Klang, die den Raum in eine einzige, große Aufmerksamkeit verwandelt. Ein festlicher Konzertabend wie dieser lebt von solchen Momenten – und Beczała schenkt sie in einer Dichte, die einen beinahe fassungslos zurücklässt. Man will sich kaum halten vor Glück.
Und dann: „Danzón No. 2“. Das orchestrale Herzstück, der Augenblick, in dem die Philharmonie Baden-Baden nicht mehr begleitet, sondern selber erzählt – und zwar mit einer Eleganz, die unmittelbar in den Körper fährt. Hier stimmt plötzlich alles: der Puls, die Balance, die Transparenz, die Lust an der Bewegung. Man hört die scharfen Konturen und zugleich das sinnliche Gleiten, man spürt, wie sich der Rhythmus nicht aufdrängt, sondern verführt. Es ist jener seltene Zustand, in dem Perfektion nicht kalt wirkt, sondern wie freigesetzt: als tanze das Orchester, ohne die Disziplin zu verlieren. Man tanzt innerlich mit, ob man will oder nicht. Und man ertappt sich bei dem Gedanken, dass dieser eine Satz genügen könnte, um einen Abend zu rechtfertigen.
So baut sich das Silvestermärchen Schicht um Schicht auf, bis es am Ende – fast unverschämt – zur Zugabe wird, zu jener Zone, in der das Offizielle in das Feiernde kippt. „Granada“ von Agustín Lara und „Non ti scorda di me“ von Ernesto de Curtis: zwei Stücke, die das Sentiment nicht fürchten und gerade dadurch ihre Wirkung entfalten. Hier darf es glänzen, hier darf es schwelgen, hier darf es beinahe kitschig sein – und ist es auch, in der besten Bedeutung des Wortes: als bewusstes Übermaß, als kollektives Einverständnis, dass Silvester nicht nach Maß, sondern nach Gefühl verlangt.
Man sieht die Blumensträuße auf der Bühne, die Sänger mit Blumen in den Händen, man sieht, wie sich das Ritual in ein kleines Festspiel verwandelt: Umarmungen, gemeinsames Tanzen, ein Moment, der zugleich absurd und vollkommen stimmig ist. Und der Dirigent – der mit Blumenstrauß dirigiert, als wäre dieses Objekt plötzlich Taktstock und Symbol zugleich. Es ist kaum in Worte zu fassen, weil es sich dem nüchternen Urteil entzieht: kitschig, ja. Aber auch wunderschön, weil die Beteiligten es nicht ironisieren, sondern ernst nehmen. So endet diese „Spanische Nacht“, die früh begann und man weiß, es wird ein gutes neues Jahr!
Autor:Marko Cirkovic aus Durlach |
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