Prof. Dr. Michael Deuschle im Interview
Coronavirus-Krise und Psyche

"Neben dem Virus selbst sind es die unbekannten Umstände und damit verbundene Unsicherheiten, die Ängste auslösen können", sagt Prof. Dr. Michael Deuschle von ZI in Mannheim.
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Von Christian Gaier
Die Coronavirus-Pandemie nimmt Einfluss auf alle Lebensbereiche der Menschen. Welche Auswirkungen die Corona-Krise auf die menschliche Psyche hat, beleuchtete Prof. Dr. Michael Deuschle, leitender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, im Interview. Allgemeine psychologische Tipps zur Bewältigung der derzeitigen Situation.

Um das Coronavirus einzudämmen, sollen die Menschen ihre sozialen Kontakte auf das Notwendigste reduzieren und nach Möglichkeit zuhause bleiben. Kann diese Art der Corona-Quarantäne Menschen psychisch beeinträchtigen oder gar krank machen?
Deuschle: Auch für psychisch stabile Menschen ist eine Krisensituation anstrengend. Wir alle müssen uns an neue Gegebenheiten anpassen, die sich zudem jederzeit ändern können. Das löst in der Regel Stress aus, der von Menschen unterschiedlich gut verarbeitet wird. Die Einschränkung der sozialen Kontakte ist zusätzlich belastend.Neben dem Virus selbst sind es die unbekannten Umstände und damit verbundene Unsicherheiten, die Ängste auslösen können. Die meisten Menschen sind aber in der Regel in der Lage, diese Herausforderungen so zu bewältigen, dass sie nicht psychisch erkranken.

Gab es bei ihnen schon Patienten, deren psychischer Zustand auf die Verbreitung des Coronavirus zurückzuführen ist?
Deuschle: Nein, bisher nicht.

Die Bedrohung durch das Virus ist doch besonders für Menschen mit einer Keimphobie eine große Belastung. Sind Ihnen Fälle von Coronapanik, -phobie aus eigener Erfahrung am ZI, aus Deutschland oder anderen Ländern? 
Deuschle: Die derzeitige Situation ist für psychische Erkrankte eine starke Belastung. Angsterkrankungen können sich verschlechtern, wenn die Ängste der Betroffenen zum Beispiel primär um den Gesundheitsbereich kreisen. Für Menschen mit Depression sind weniger Sozialkontakte ein Problem. Es gibt bei Menschen mit Ängsten häufig eine übermäßige Beschäftigung und auch Vermeidungsverhalten bezüglich einer Virusinfektion. Meist ist das keine „Coronaphobie“, sondern eine Folge von Informationsmangel oder Fehlinformation, dem man Abhilfe verschaffen kann.

Ist das ZI gerüstet für eine eventuelle Zunahme von Notfällen/Patienten im Zusammenhang mit der Coronaviruskrise?
Deuschle: Wir haben die aktuelle Entwicklung der Pandemie ständig im Blick, sind in enger Abstimmung mit den anderen Kliniken in Mannheim, dem Gesundheitsamt und den Landesministerien. Wir planen das weitere Vorgehen in verschiedenen möglichen Szenarien. Hierzu gehört natürlich auch der Umgang mit Notfällen sowie infizierten Patientinnen und Patienten.

Was kann der Einzelne generell tun, um die Situation („Hausarrest“, Stress mit Homeoffice, Kindern, Partner oder auch Isolation) in psychologischer Hinsicht zu meistern?
Deuschle: Folgende allgemeine Tipps können hilfreich sein, um die Situation gut zu bewältigen. Bleiben Sie in Kontakt zu Ihrer Familie, Ihren Freunden und Ihrem Therapeuten. Telefonieren und chatten Sie, nutzen Sie auch Videotelefonie. Vermeiden Sie es, übermäßig viel Nachrichten zur Corona-Pandemie zu lesen. Setzen Sie sich stattdessen eine Begrenzung, wie viel Zeit Sie am Tag damit verbringen möchten – etwa eine halbe Stunde sollte ausreichen. Beziehen Sie Ihre Informationen nur aus vertrauenswürdigen Quellen. Dazu zählen beispielsweise das Robert-Koch-Institut, Ministerien und Gesundheitsämter.Versuchen Sie, Alltagsroutinen aufrecht zu halten. Stehen Sie beispielsweise morgens auf und ziehen sich so an, als ob Sie zur Arbeit gingen, auch wenn Sie im Home-Office bleiben. Versuchen Sie sich auf die Lebensbereiche zu konzentrieren, die Sie weiterhin bestimmen können, etwa die Frage, was Sie in den nächsten Tagen kochen werden oder wie Sie Ihre Freizeit verbringen. Nutzen Sie die Freiräume, die die aktuelle Situation mit sich bringt. Schlafen Sie beispielsweise länger oder machen nach dem Aufstehen einen kurzen Spaziergang an der frischen Luft. Helfen Sie anderen. Wer anderen hilft, fühlt sich oft auch selbst besser. Unterstützen Sie ältere Nachbarn, zum Beispiel indem Sie für sie einkaufen.

"Neben dem Virus selbst sind es die unbekannten Umstände und damit verbundene Unsicherheiten, die Ängste auslösen können", sagt Prof. Dr. Michael Deuschle von ZI in Mannheim.
Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) ist ein psychiatrisches Forschungsinstitut mit angeschlossenem Klinikum in Mannheim.
Autor:

Christian Gaier aus Mannheim

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