Zwischen Glut und Abgrund
Elias Grandy formt die Tosca an der Oper Frankfurt
- Foto: Barbara Aumüller
- hochgeladen von Marko Cirkovic
Mit den ersten donnernden Akkorden des Scarpia-Motivs aus dem Orchestergraben spüre ich sofort, wohin die musikalische Reise dieses Abends geht. Die Expressivität ist eruptiv – Elias Grandy am Pult macht seinem Namen alle Ehre. Der Opernabend in Frankfurt beginnt eindrucksvoll und bleibt es auch. Grandy treibt das Orchester mit unbändiger Energie voran, peitscht die Musiker, ohne die feinen Zwischentöne zu vernachlässigen. Er ist kein bloßer Begleiter, sondern ein Klangarchitekt mit eigener Agenda. Er atmet mit dem Orchester – so hörbar, dass sein Atem bis zu mir in die sechste Reihe dringt. Eine klare Linie durchzieht sein Dirigat, und das Orchester folgt ihm. Das Finale des ersten Aktes, das Te Deum, gerät unter seiner Leitung zum orchestralen Hochgenuss: Chor und Orchester wachsen zu Höchstform auf und vereinen sich zu einer Klanggewalt, die mich erschauern lässt.
Regisseur Andreas Kriegenburg setzt dazu markante Akzente. Bei Toscas erstem Auftritt kippt krachend eine kahle Bühnenwand mit großem Kreuz nach hinten. Als düstere Vorahnung bildet die wieder liegend angehobene, umgestürzte Kreuzwand das Schlusstableau des ersten Aktes.
Im ersten Akt kann sich auch das Sängertrio beweisen. Stefano La Colla gibt den Maler Mario Cavaradossi mit hellem, metallischen Tenor. Anfangs zeigt er leichte Schwächen, doch die macht er durch leidenschaftliche Hingabe wett. Als Bianca Mărgean als Tosca auftritt, entspinnt sich ein eifersüchtiges Duett zwischen den Liebenden. Mărgean verkörpert die Primadonna: Ihr Sopran ist mächtig und glasklar bis in die höchsten Lagen. Mit energischer Linienführung und feinen Nuancen verleiht sie Toscas Gefühlsausbrüchen Nachdruck. Als sie mit bebender Stimme „Ed io venivo a lui tutta dogliosa…“ anhebt, wird dieser Moment zu ihrem Glanzpunkt – so kraftvoll und emotional, dass es mich bewegt. Auch die Nebenrollen sind stark besetzt: Aleksander Myrling stattet den flüchtigen Angelotti mit einem Bass von unheilvoller Wucht aus – man ahnt, hier schlummert Potenzial für größere Aufgaben.
Doch bald legt sich Baron Scarpias finsterer Schatten über die Szene. Łukasz Goliński bringt eine bedrohliche Präsenz und einen bitter-dunklen Bariton mit – ideal, doch es fehlt ihm an Durchschlagskraft. Im Te Deum kommt seine Stimme kaum gegen die Orchesterwucht an. Goliński klingt angestrengt, sein dämonischer Klang entfaltet sich nicht; im Tutti geht er unter.
Der zweite Akt hält die Spannung zunächst, während die Handlung im Palazzo Farnese auf ihren grausamen Höhepunkt zutreibt. Doch hier gibt es die böse Energie nur aus dem Graben. Goliński versucht auf der Bühne mitzugehen, steigert sich aber in die falsche Richtung: Er schreit zuweilen mehr, als dass er singt. Er mobilisiert brachiale Kraft, doch es fehlt an vokaler Eleganz. Sein Scarpia ist letztlich zu grob – ein Bösewicht wie aus dem Buche, aber nicht so, wie Puccini ihn vorgesehen hat. Die Brutalität der Folter zeigt Wirkung – meine Sitznachbarin zuckt zusammen. Doch Stefano La Colla beeindruckt in dieser Szene: Als Cavaradossi von Napoleons Sieg erfährt, schleudert er ein triumphierendes „Vittoria!“ in den Saal – lang gehalten und imposant. Auch die folgende Jubelfrase singt er mit leuchtendem Tenor, ein Beweis seines Könnens.
Inmitten dieses Grauens fleht Tosca im „Vissi d’arte“ zu Gott. Bianca Mărgean singt die Arie mit Inbrunst, verfehlt jedoch den Kern. Ihr Vortrag gerät zu pathetisch und lässt die Demut vermissen, die Toscas Klage auszeichnet. Zwar klingt ihr Sopran kraftvoll, doch das tief Erschüttertsein, das man erwartet, bleibt aus. Umso mehr rührt mich hier das Orchester: Die Geigen schmelzen vor Wehmut, die Bläser seufzen – die Musik weint, während auf der Bühne die Rührung ausbleibt.
Tosca ersticht daraufhin Scarpia – ein Racheakt in schockierender Stille, den die Regie konventionell umsetzt. Insgesamt kann der zweite Akt die anfängliche Intensität nicht durchhalten.
Der dritte Akt beginnt in stiller Dämmerung. Cavaradossi besingt in „E lucevan le stelle“ die erloschenen Sterne und die verlorene Liebe – und Stefano La Colla beschert uns eine Sternstunde. Er beginnt die Arie zerbrechlich-leise, hält die Spannung lange und lässt dann seinen Tenor strahlend aufblühen. Die letzten Töne verklingen in einem ergreifenden Pianissimo.
Tosca und Cavaradossi vereinen sich noch einmal im Duett „O dolci mani“ und lassen ihre Stimmen verschmelzen – ein Moment Innigkeit und Hoffnung, bevor das Unheil endgültig seinen Lauf nimmt. Das Erschießungskommando feuert, und Tosca erkennt zu spät, dass Scarpias Gnade nur Betrug war. Peter Marsh verleiht dem kleinen Part des Spoletta unerwartetes Gewicht – mit kalter Präzision vollstreckt er Scarpias letzten Befehl. Tosca entzieht sich dieser Gewalt und wählt den Freitod. Ihr Sprung wird mit einem roten Tuch angedeutet – ein symbolischer Kniff, der etwas affektiert wirkt und die Wucht des Finales mindert.
Dennoch verlasse ich das Opernhaus zufrieden – nicht ohne Grund hält sich diese Tosca-Produktion so lange im Repertoire: Grandys fesselnde Leitung und eine starke Besetzung bescheren noch immer großartige musikalische und szenische Momente. Das Publikum jubelt – und auch mir klopft noch das Herz, als ich ins Freie trete. Ich sitze mit den Eindrücken des Abends im Kopf und schreibe diese Zeilen.
Dies war die zweite Station meiner kleinen „Tosca“-Serie – die erste Rezension aus Wien ist hier nachzulesen: Tosca, Wien (26.09.2025). Als Nächstes wartet Zürich, danach die große Jubiläumsnacht in Rom.
Autor:Marko Cirkovic aus Durlach |
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