„Es ist einfach eine Rolle.“
Freddie De Tommaso im Interview über Cavaradossi, künstlerische Distanz und die Gegenwart der Oper

Foto: Marko Cirkovic
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Der Raum ist groß genug, um Distanz entstehen zu lassen, und zugleich so geschlossen, dass jedes Wort beinahe einen eigenen Nachhall bekommt. Hohe, geschwungene Bögen gliedern die Weite, schwere Vorhänge fallen zwischen Stein und Schatten herab; nichts daran ist eigentlich Bühne, und doch besitzt alles etwas von ihr. Cap Rocat, einst Festung, heute Luxusresort, hat seine alte Strenge nicht verloren. Sie ist nur leiser geworden.

Wenige Stunden vor der Aufführung sitzt Freddie De Tommaso mir hier gegenüber. Das Gespräch beginnt bei Puccini und Cavaradossi, entfernt sich jedoch bald von der einzelnen Rolle. Es geht um Stimme und Instinkt, um Routine und Distanz, um den Opernbetrieb, seine Eitelkeiten und seine schwindende Öffentlichkeit. De Tommaso antwortet dabei oft erstaunlich nüchtern. Vielleicht passt auch das zu diesem Ort: viel Raum, wenig Bedürfnis nach zusätzlicher Dekoration.

Das Gespräch wurde für diese Veröffentlichung sorgfältig aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, wobei Tonfall, Rhythmus und inhaltliche Nuancen des Originals so weit wie möglich bewahrt wurden.

Marko Cirkovic: Ist es nicht beinahe ein Traum Tosca in einer ehemaligen Festung zu singen?

Freddie De Tommaso: Ja, es ist wunderschön, oder? Wirklich großartig. Natürlich spielt der erste Akt von Tosca in einer Kirche. Dieser Ort besitzt jedoch eine ganz besondere Atmosphäre, auch weil er so alt ist. Man spürt dieses Alter. In gewisser Weise könnte es beinahe eine Kirche sein, obwohl es keine ist. Diese alte Festung hat etwas Feierliches. Und für den zweiten und dritten Akt ist der Ort ohnehin vollkommen passend.

Welche Figur aus Tosca, Scarpia einmal ausgenommen, würdest du keinesfalls als Reisebegleitung nach Mallorca mitnehmen?

Nun, vermutlich keinen von Scarpias Handlangern. Mit Angelotti könnte ich dagegen vielleicht einen schönen Urlaub verbringen. Wir würden Golf spielen. Das klingt doch ganz unterhaltsam.

Du hast Cavaradossi inzwischen ungefähr fünfzigmal gesungen, oder?

Heute ist es das sechzigste Mal.

Schon sechzigmal. Das ist erstaunlich.

Ja, heute ist die sechzigste Vorstellung. Das ist eine ganze Menge. Mit großem Abstand ist Tosca die Oper, die ich am häufigsten gesungen habe.

Hast du das Werk schon einmal in einer vergleichbaren Form aufgeführt, also konzertant und mit Mikrofonen?

So ähnlich, ja. Im vergangenen Jahr habe ich es in Ljubljana mit Bryn Terfel und Sondra Radvanovsky gemacht.

Bryn Terfel ist ein ziemlich finsterer Scarpia.

Ja, sehr. Das gefällt mir. Ich mag seine Art, die Rolle zu gestalten.

Verändert sich deine Darstellung bei einer solchen konzertanten Aufführung?

Eigentlich kaum. Natürlich sind unsere Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt, weil wir lediglich vor dem Orchester stehen und keine vollständige Bühne zur Verfügung haben. Trotzdem ist es schön, auch bei einer konzertanten Aufführung ein wenig zu spielen und die Figuren miteinander interagieren zu lassen.

Welche Atmosphäre vermittelt dir dieser Ort? Gibt er deinem Cavaradossi etwas Zusätzliches?

Wie gesagt, es ist ein unglaublich alter Ort. Ich weiß nicht genau, wie alt er ist, aber diese Festung stammt sicherlich aus einer sehr frühen Zeit. Das ist beeindruckend. Ich habe vorhin schon gesagt, dass dies auch ein perfekter Ort für Otello wäre. Die Architektur besitzt diesen maurischen, nordafrikanischen Einfluss.

Foto: Marko Cirkovic

Dann sollte als Nächstes also Otello hierher.

Ja, das wäre großartig.

Stell dir vor, du könntest Puccini heute Abend vor der Aufführung eine WhatsApp-Nachricht schicken. Was würdest du ihm schreiben?

Was würde ich ihn fragen oder ihm über Tosca sagen? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Puccini formuliert sehr klar, was er will. Jede Eintragung in der Partitur vermittelt uns sehr viel darüber, wie er sich die Musik vorgestellt hat.

Vielleicht wäre er über manche Tempi von heute ein wenig überrascht. Ganz allgemein gesprochen, ausdrücklich nicht auf diese Besetzung oder diese Aufführung bezogen, sind viele Tempi heute zu langsam. Alles wird sehr breit und mitunter etwas selbstgefällig im Klang ausgekostet. Dadurch verliert die Musik manchmal ihre Energie.

Ursprünglich war für diesen Abend Giacomo Sagripanti als Dirigent vorgesehen. Wenn du für eine Tosca-Produktion völlig frei wählen könntest: Mit welchem Dirigenten würdest du dieses Werk besonders gern einmal erarbeiten?

Das könnte ich kaum sagen. Ich habe die Oper mit vielen fantastischen Dirigenten gemacht. Eine Aufführung ist mir allerdings aus mehreren Gründen besonders im Gedächtnis geblieben, auch wegen des Dirigenten: jener Abend in Verona mit Daniel Oren, ich glaube, es war 2022. Das war aus vielerlei Gründen ein großartiger Abend. Nicht zuletzt, weil er an diesem Abend wirklich wunderschöne Musik gemacht hat. Daniel Oren ist ein großartiger Dirigent.

Cavaradossi entscheidet sich beinahe augenblicklich dazu, Angelotti zu helfen. Ist das Mut, Loyalität oder vielleicht ein etwas naiver Impuls?

Nein, ich glaube, er ist von dieser politischen Sache wirklich überzeugt. Sobald er erkennt, dass es Angelotti ist, will er ihm helfen.

Ist Cavaradossi deine liebste Tenorrolle, oder gibt es eine andere?

Er gehört auf jeden Fall zu meinen Lieblingsrollen. Es ist großartig, ihn im Repertoire zu haben. Als Tenor darf man so viele wunderbare Partien singen: Cavaradossi, Riccardo in Un ballo in maschera, Turiddu in Cavalleria rusticana, Maurizio in Adriana Lecouvreur oder Gabriele Adorno in Simon Boccanegra. Dazu kommen viele Rollen, die ich noch nicht gesungen habe und die sicherlich ebenfalls fantastisch sind. Don José ist zum Beispiel eine großartige Partie.

Cavaradossi gehört also definitiv zu meinen Favoriten. Wenn man ein Werk so häufig aufgeführt hat, kennt man die Figur irgendwann sehr genau und auf eine beinahe intime Weise. Würde ich keine Freude mehr an dieser Rolle haben, würde ich sie auch nicht mehr singen.

Was hat Cavaradossi dich gelehrt, einmal abseits der Musik und eher auf das Leben bezogen?

Nichts. Es ist einfach eine Rolle. Mein Beruf besteht darin, Sänger zu sein. Ich gehe ins Theater oder an den jeweiligen Aufführungsort, erledige meine Arbeit, und damit endet es. Die Rolle beeinflusst weder mein Privatleben noch die Art, wie ich als Mensch bin.

Foto: Marko Cirkovic

Welche Vorstellung über Oper würdest du gerne zurechtrücken?

Vielleicht, dass wir Sänger ganz normale Menschen sind. Wir sind wie jeder andere Mensch, dem man auf der Straße begegnet. Manche Sänger nehmen sich selbst zu ernst. Das wäre wahrscheinlich meine unpopuläre Meinung.

Könntest du etwas am gesamten Opernbetrieb verändern, was wäre es?

Ich würde die Oper gerne wieder so populär machen, wie sie es vor hundert Jahren war. Ich empfinde es als große Tragödie, dass sie heute zu einer kleinen Nische geworden ist, für die sich nur noch ein bestimmter Teil der Gesellschaft interessiert.

Vor hundert Jahren, oder zumindest noch vor achtzig Jahren in England, gehörte die Oper zum Mainstream. Sie war im Fernsehen und im Radio präsent, und Opernsänger waren wirklich berühmt. Heute sind Sänger innerhalb ihrer kleinen Opernwelt bekannt. In der großen, allgemeinen Öffentlichkeit kennt sie dagegen kaum jemand. Das ist schade.

Was ist deiner Ansicht nach der Grund dafür?

Durch Netflix, Amazon Prime, Instagram, Twitter und all die Streamingangebote werden wir heute mit so vielen Dingen gleichzeitig versorgt, dass die Kultur gewissermaßen verwässert wird. Es gibt kaum noch die Möglichkeit, die Aufmerksamkeit auf eine einzelne Kunstform zu konzentrieren, weil so viel anderes Rauschen um die Aufmerksamkeit der Menschen konkurriert.

Wohin richtet sich deine Aufmerksamkeit, wenn du weder singst noch übst?

Ich spiele Golf, gehe ins Fitnessstudio und stemme gerne Gewichte. Außerdem verbringe ich Zeit mit Freunden und meiner Familie. Im Grunde versuche ich einfach, mein Leben zu genießen.

Du hast deine Ausbildung zunächst als Bariton begonnen. Wer hat dir gesagt, dass du eigentlich Tenor bist?

Mein damaliger Lehrer. Er sagte, er glaube, dass ich Tenor sei und wir meine Ausbildung deshalb in diese Richtung weiterverfolgen sollten. Ich war seiner Meinung.

Es war also keine schwierige Entscheidung?

Nicht unbedingt. Der eigentliche Prozess war allerdings sehr schwierig. Er dauerte lange und war keineswegs einfach. Trotzdem habe ich mich auf diese Veränderung gefreut.

Hilft es dir heute, dass du zu Beginn als Bariton gearbeitet hast?

Vermutlich schon. Dieses Phänomen findet man in der Geschichte bei vielen schwereren Tenorstimmen. Einige meiner Lieblingssänger haben als Baritone begonnen: Carlo Bergonzi beispielsweise, ebenso Jon Vickers. Auch heutige Kollegen wie David Butt Philip und Brian Jagde waren ursprünglich Baritone. Das kommt relativ häufig vor.

Wenn du an junge Sänger denkst: Du hast gestern hier eine Meisterklasse gegeben. Was ist das Erste, das du ihnen vermittelst?

Zunächst höre ich ihnen zu. Jeder Sänger ist vollkommen individuell. Deshalb gibt es keine festgelegte erste Lektion. Jeder Mensch hat einen anderen Zugang zum Singen und beginnt an einem anderen Punkt. Jeder hat seine Stärken.

Was waren deine eigenen Stärken, als du jünger warst?

Ich hoffe, dass ich einen schönen, angenehmen Stimmklang hatte. Letztlich ist es vor allem der Klang, der uns als Sänger erfolgreich macht.

Wie näherst du dich einer Rolle wie Cavaradossi? Erinnerst du dich noch daran, wie du beim ersten Mal vorgegangen bist?

Ich habe es einfach gemacht. Mit wichtigen Rollen beginne ich allerdings mindestens achtzehn Monate im Voraus. Ich möchte sie wirklich in meiner Kehle, in meinem Kopf und in meinem Körper verankern. Solange eine Partie nicht an allen drei Orten angekommen ist, möchte ich sie nicht singen.

Gab es Rollen, die du verworfen hast, weil du dachtest: Dafür ist es noch zu früh oder diese Rolle werde ich überhaupt nie singen?

Viele der typischen frühen Tenorpartien habe ich nicht gesungen, etwa L’elisir d’amore oder Rigoletto. Keine der beiden Opern werde ich jemals singen. Eine Partie, die ich bisher ausgelassen habe und eigentlich noch gerne machen würde, ist Lucia di Lammermoor. Inzwischen weiß ich allerdings nicht, ob es noch dazu kommen wird.

Foto: Marko Cirkovic

An welcher neuen Rolle arbeitest du momentan?

La forza del destino ist mein nächstes großes Rollendebüt. Es findet im kommenden Frühjahr an der Staatsoper in Berlin statt.

Was berührt dich an diesem Werk besonders?

Die Musik ist von Anfang an voller Drama, bereits in der Ouvertüre. Das ist einfach fantastisch.

Zum Schluss: Was ist dir lieber: frenetischer, lauter Applaus nach der Aufführung oder ein sehr langes Schweigen?

Eindeutig lauter Applaus. Langes Schweigen ist selten ein gutes Zeichen, es sei denn, es ist innerhalb der Aufführung mit wirklicher Spannung gefüllt.

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Autor:

Marko Cirkovic aus Durlach

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