Auf der Suche nach dem spielbaren Tempo
Das Nationaltheater-Orchester Mannheim probt fürs 8. Akademiekonzert

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Von Christian Gaier
Mannheim. Mit einem Exkurs in die zeitgenössische Musik beginnt das 8. Akademiekonzert der Musikalischen Akademie des Nationaltheaters (NTM) am 1. und 2. Juli (jeweils 20 Uhr) im Mozartsaal des Rosengartens. „Zaunkönig und -gäste“ heißt die Komposition des argentinisch-französischen Komponisten Oscar Strasnoy, die das Nationaltheater-Orchester Mannheim unter der Leitung von Alexander Soddy einstudierte - ein Probenbesuch.
Es ist angenehm kühl im Proberaum. Das ist auch gut so, denn am Freitagmorgen um 10 Uhr liegen zweieinhalb intensive Stunden vor den Musikerinnen und Musikern, denen es Oskar Strasnoy nicht einfach gemacht hat. Seine Komposition wirkt beim Anhören der ersten Passagen sperrig, ein insistierendes Pattern auf der Snaredrum, das sich ständig wiederholt, irrlichternde Streicherklänge, aber dann auch Passagen, die an Zirkusmusik erinnern. Spieltechnisch verlangt Strasnoys Komposition dem NTM-Orchester alles ab. Waghalsige Sechzehntelpassagen müssen die Holzbläser meistern - eine Passage, der Alexander Soddy, der Generalmusikdirektor des Nationaltheaters besonders ausgiebig feilt. Aufmerksam beobachtet vom Komponisten selbst, über den Soddy sagt: „Er ist nicht eigentlich dogmatisch, wichtig ist für ihn der musikalische Effekt.“
„Bitte Ziffer 21, mit Schlagzeug und den Klarinetten bitte“, weist der 36-Jährige an und ergänzt: „Wir müssen nur ein spielbares Tempo finden.“ Klarinettisten und Schlagzeuger spielen die Passage, Soddy unterbricht. „Das war schon wunderbar, aber bei 47 waren sie in bisschen zu schnell“, sagt er und erklärt die Intention des Komponisten, der sich einen „Pinball-Effekt“ wünsche. Die Melodien und Phrasen sollen sich gespielt werden, als würden sie sich zufällig gegenseitig anstoßen.
In der Fabelwelt gilt der Zaunkönig als listig und schlau, nur neun Gramm wiegt der Singvogel, der ein ganz besonderer Sänger ist. Fünf Sekunden dauert seine Gesangsstrophe, die aus einer Kaskade hoher Töne und schneller Triller besteht. Strasnoy habe den Zaunköniggesang teilweise um den Faktor 20 verlangsamt und diese Melodien in seine Komposition integriert, erklärt Soddy den Musikern. Immer noch widmet er sich seinen Klarinettisten und Schlagzeugern. „Nicht zu schnell die Sechzehntel, das ist sonst nicht zu schaffen“, mahnt er.
Der Generalmusikdirektor wirkt entspannt, aber auch extrem fokussiert. Mehr als drei Proben sind ihm und dem Orchester vor dem Akademiekonzert aufgrund des dicht gedrängten Zeitplans nicht vergönnt. In der ersten Probe arbeitete er mit den einzelnen Instrumentengruppen an Strasnoys Auftragswerk. Mit dieser zweiten Probe ist die Arbeit an „Zaunkönig und -gäste“ auch schon abgeschlossen. Weil es so gut läuft, gibt es die Probenpause erst nach eineinhalb Stunden anstatt wie ursprünglich geplant nach einer.
„Das gesamte Programm ist sehr anspruchsvoll“, betont Soddy in der Pause. „Ich bin sehr ehrgeizig, in jeder Spielzeit eine Uraufführung zu machen, das ist mir sehr, sehr wichtig“, sagt der am 20. Dezember 1982 in Oxford geborene britische Dirigent und Pianist. Auf dem Programm des 8. Akademiekonzerts stehen auch Bohuslav Martinůs Violinkonzert Nr. 2 g-Moll mit dem Weltklasse-Musiker Frank Peter Zimmermann als Solisten und Antonin Dvořáks Symphonie Nr. 9 e-Moll „Aus der Neuen Welt“. Beide Komponisten passten sehr gut zueinander, weil man bei Martinůs’ Werk höre, wie Dvořák im 20. Jahrhundert geklungen hätte, erklärt Soddy, der am Donnerstagabend noch den Ballettabend „Sacre“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden dirigierte und erst am Freitagmorgen in Mannheim anreiste.
Um 11.51 Uhr geht die Probe weiter, in der letzten halben Stunde steht die Arbeit am letzten Satz von Martinůs Violinkonzert im Mittelpunkt. „Ich höre, dass sie das gut vorbereitet haben“, lobt Soddy. „Jetzt tutti bitte, ab 22 bitte“, sagt er kurz vor dem Probenende um 12.30 Uhr. Was er hört, gefällt ihm. „Sehr gut, okay.“

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