„Eine Flamme entzünden“
Interview: Boian Videnoff über Tosca, junge Musiker und die gefährliche Verwechslung von Kultur mit bloßen Kosten.

Foto: Marko Cirkovic

Als ich den Musensaal des Mannheimer Rosengartens betrete, ist die Probe bereits im Gange. Auf der Bühne sitzen die Celli und arbeiten an jener kammermusikalisch entrückten Passage aus dem dritten Akt von Tosca, die unmittelbar vor Cavaradossis Abschiedsszene erklingt. Es ist einer dieser Momente, in denen Puccini den großen dramatischen Apparat plötzlich zurücknimmt und die Oper für einige Takte fast in den Bereich der Kammermusik versetzt. Der Saal ist noch nicht gefüllt, der Abend noch nicht eröffnet, aber die Atmosphäre ist bereits da: warm, konzentriert, erwartungsvoll.

Boian Videnoff steht im Saal und gibt letzte Anweisungen für die Projektionen, die diese halbszenische Tosca am Abend räumlich und atmosphärisch mittragen sollen. Man sieht ihm an, dass an diesem Tag vieles zusammenläuft. Er ist nicht nur Dirigent, sondern als künstlerischer Leiter der Mannheimer Philharmoniker auch jener, bei dem organisatorische, musikalische und szenische Fragen immer wieder landen. Während auf der Bühne weitergeprobt wird, werden im Raum noch Details abgestimmt: Übergänge, Bilder, Wirkungen, die später für das Publikum selbstverständlich erscheinen sollen.

Kurz darauf suchen wir uns einen ruhigeren Platz. Aus der unmittelbaren Probenarbeit heraus beginnt ein Gespräch...

Warum Tosca?

Boian Videnoff: Puccini ist ein Komponist, zu dem ich ein ganz besonderes Verhältnis habe. Ich kam im Alter von einem Jahr nach Italien und bin dort aufgewachsen. Mein Vater war Opernsänger, ein großartiger Bariton. Er hatte bei Tito Gobbi und später bei Giulietta Simionato studiert. So bin ich gewissermaßen mit seiner Scarpia-Rolle groß geworden.

Viele Jahre später hatten wir Kristine Opolais hier in Mannheim zu Gast. Bei einem Operngalakonzert sang sie gemeinsam mit Freddie De Tommaso den Liebesauszug aus dem ersten Akt von Tosca. Ich fand großartig, wie sie diese Musik interpretierte.

Nach und nach entstand daraus die Idee, auch einmal eine ganze Oper zu machen. Das Orchester hier in Mannheim ist etwas Besonderes. Es besteht aus jungen Menschen, die mit sehr viel Herzblut spielen, und das spüren natürlich auch die Solisten. Irgendwann kam deshalb die Frage auf: „Warum macht ihr eigentlich nicht einmal eine Oper?“

Es hat mehrere Jahre gedauert, bis sich das verwirklichen ließ. Für mich stand jedoch früh fest: Wenn wir es mit Kristine machen können, dann möchte ich unbedingt Tosca aufführen. Dass sie für diesen Auftakt verfügbar war, ist ein großes Glück.

So wurde Tosca unsere erste Oper. Für jedes Werk, das wir gerne aufführen möchten, habe ich eine Art Wunschbesetzung im Kopf, und bisher geht diese Rechnung tatsächlich auf. Den Anfang machen Kristine Opolais und Davide Giusti, ein fantastischer Tenor. Im kommenden Jahr folgt Rigoletto mit Ludovic Tézier.

Ihr Vater war aber hoffentlich nicht wie Scarpia?

Boian Videnoff: Nein, mein Vater war nicht wie Scarpia. Aber er war ein sehr theatralischer Mensch. Er konnte einen Raum allein durch seine Präsenz sofort füllen. Diese ungeheure Präsenz besitzt natürlich auch Scarpia. In dem Augenblick, in dem er die Kirche betritt, zittern alle.

Mein Vater hatte ebenfalls eine starke Ausstrahlung und ein großes Charisma. Vielleicht war er nicht ganz so angsteinflößend. Wenn er wollte, konnte er es allerdings durchaus sein.

Scarpia ist ein extremes Kraftzentrum dieser Oper, obwohl es in ihr natürlich um weit mehr geht als nur um ihn. Ist es da nicht beinahe schade, dass das Werk mit seinem bösartigen Motiv beginnt? Oder erscheint Ihnen das vollkommen schlüssig?

Boian Videnoff: Ich finde das sehr schlüssig. Darin liegt ein Gedanke des Verismo, den man später auch in der Filmmusik wiederfindet: Das Element des Bösen steht von Anfang an im Raum, fast wie eine Art Spoiler.

Puccini verrät sehr früh sehr viel, indem er die Oper mit Scarpia beginnen lässt. Wenn Scarpia im ersten Akt sagt: „Ich würde mein Leben geben, um diese Tränen zu trocknen“, verrät allein dieser Satz bereits, was im zweiten Akt geschehen wird.

Überhaupt ist die motivische Arbeit außerordentlich fein. Ob von der Villa, vom Tod oder von Angelotti die Rede ist: Alles ist miteinander verwoben, alles wird musikalisch antizipiert. Je genauer man in die Partitur schaut, desto mehr entdeckt man.

Für mich ist es deshalb vollkommen schlüssig, dass Scarpia das zentrale Motiv dieser Oper bildet. Er ist die Figur, die Toscas Leben für immer verändert und letztlich ihren Tod und den ihres Geliebten bestimmt. Scarpia ist der Schlüssel zu dieser Oper.

Was haben Sie diesmal neu in der Partitur entdeckt?

Boian Videnoff: Es gibt viele kleine Dinge und sehr schöne Momente. Eine Stelle war mir früher nie in dieser Weise aufgefallen: Mario kommt und sagt „Dammi i colori“, woraufhin ihm der Sakristan die Farben reicht. Puccini schreibt dazu eine Passage, die beinahe so klingt, als würde jemand Farben mischen. Und dann ist die Farbe plötzlich da.

Früher hatte ich diese Musik einfach als schöne Einleitung wahrgenommen. Diesmal machte es plötzlich Klick. Solche Momente gibt es bei Puccini immer wieder. Man begreift auf einmal, wie eng alles miteinander verwoben ist.

Puccini besitzt eine unglaubliche Fähigkeit: Ein einziges Wort definiert sofort eine musikalische Episode, oder umgekehrt provoziert die musikalische Episode geradezu das Wort. Darin ist er genial. Ich glaube, dass kaum ein anderer Komponist auf diese Weise motivisch gearbeitet hat. Das ist avantgardistische Filmmusik.

Umso wichtiger ist für mich, dass das gesungene Wort nicht künstlich rezitiert oder als bloßer Schönklang behandelt wird. Es muss aus dem natürlichen Sprechen hervorgehen. Wenn man sich anschaut, wie Puccini schreibt, erkennt man, dass aus der richtigen italienischen Aussprache und Kadenz genau der Rhythmus entsteht, den er notiert hat. Spricht man den Text so aus, wie Menschen im Italienischen tatsächlich miteinander reden, ergibt sich die Musik fast von selbst.

Sobald man sich zu sehr darauf konzentriert, den Gesang möglichst schön zur Geltung zu bringen, verliert der Rhythmus seine Natürlichkeit. Die Musik wirkt weniger flüssig und weniger lebendig.

Wenn man Puccinis Musik so interpretiert, wie man im wirklichen Leben sprechen, empfinden und handeln würde, entfaltet sie ihre stärkste Form. Darin liegt für mich auch ihr filmischer Charakter.

Sie präsentieren das Werk halbszenisch. Wie ich gerade erfahren habe, sind Sie Dirigent, künstlerischer Leiter des Orchesters und gewissermaßen auch noch Regisseur. Wird tatsächlich inszeniert, oder gestalten die Sänger vieles aus ihrer eigenen Erfahrung heraus?

Boian Videnoff: Ich bin kein Regisseur, das muss man ganz klar sagen. Mein Wunsch war es, für diese Oper eine Umgebung zu schaffen, in die das Publikum eintauchen kann. Auch für die Sänger ist es wichtig, dass sie nicht einfach auf einer leeren Bühne stehen. Deshalb arbeiten wir mit diesen Projektionen.

Ich habe mir die originalen Bühnenbildentwürfe der Uraufführung angesehen. Auf ihrer Grundlage haben wir Projektionen für den ersten, zweiten und dritten Akt entwickeln lassen. Sie sollen das Publikum in die jeweilige Atmosphäre hineinziehen.

Wenn man großartige Künstler bittet, mit uns zu arbeiten, bringen sie natürlich eine enorme Erfahrung mit. Kristine Opolais hat Tosca, glaube ich, mehr als hundertmal gesungen. Sie hat viele verschiedene Inszenierungen erlebt und unterschiedlichste Regieansätze ausprobiert. Aus dieser Erfahrung heraus können die Sänger selbst auf die stärksten und schönsten Lösungen zurückgreifen.

Der Fokus soll bei uns nicht auf einem ausformulierten Regiekonzept liegen, sondern auf dem unmittelbaren Schauspiel: auf den Beziehungen zwischen den Figuren, auf dem szenischen Augenblick. Einige Requisiten unterstützen das Spiel.

Weil wir kein Opernhaus sind und eine solche Produktion für ein Sinfonieorchester eine gewaltige Aufgabe darstellt, landen allerdings viele Dinge auf meinem Tisch, mit denen ich als Gastdirigent an einem Opernhaus normalerweise nichts zu tun hätte.

Wir sind kein staatliches Orchester, sondern ein privat finanziertes Ensemble mit einem kleinen Team. In einem Opernhaus gibt es Menschen für das Licht, für die szenischen Positionen, für den richtigen Auftritt des Chores und für viele weitere Details. Hier beschäftige ich mich zwangsläufig auch mit solchen Fragen und trage, zumindest während der Proben, mehrere Hüte zugleich.

Ist es einfacher, als Gast an ein fremdes Haus zu kommen, oder mit den Mannheimer Philharmonikern zu arbeiten?

Boian Videnoff: Wenn man an ein gutes Opernhaus kommt, kennt das Orchester die Musik, und man kann in sehr wenigen Proben sehr viel erreichen. Für eine Tosca hat man normalerweise eine Orchesterprobe, wenn man Glück hat. Manchmal gibt es überhaupt keine.

Mit den Solisten kann man zuvor meist einmal am Klavier arbeiten, häufig im Rahmen einer szenischen Auffrischungsprobe. Mit dem Orchester geht alles sehr schnell, besonders wenn es das Werk gut kennt und bereits eine überzeugende Interpretation verinnerlicht hat.

Zwischen den Häusern gibt es allerdings gewaltige Unterschiede. An großen Häusern oder dort, wo eine starke Operntradition besteht, findet man oft sehr schöne Lösungen. Es gibt jedoch auch Traditionen, die weniger überzeugend sind. Möchte man daran etwas ändern, wird es schwierig. Dann muss man einen Tod sterben: Entweder nimmt man in Kauf, dass Bühne und Orchester nicht wirklich zusammenfinden, oder man passt die eigene Interpretation an das bereits Eingeübte an.

Kommt man hingegen an ein Haus mit einer guten Tradition und trifft auf Gleichgesinnte, wissen alle, was geschehen soll. Man gestaltet es gemeinsam. Das kann ungeheuer beflügelnd sein.

Mit meinem Orchester ist die Situation eine andere. Es ist weder ein Opernorchester noch ein festes Sinfonieorchester. Junge Musikerinnen und Musiker aus ganz Europa kommen für ein Projekt zusammen. Für sie ist es eine gewaltige Aufgabe, zweieinhalb Stunden Musik mit all den szenischen Vorgängen dazwischen zu bewältigen und über die gesamte Dauer konzentriert zu bleiben.

Wir haben diese Tosca in vier Tagen auf die Bühne gebracht. In so kurzer Zeit alles aufzunehmen, sich sämtliche Abläufe zu merken und Sicherheit zu gewinnen, verlangt jungen Menschen sehr viel ab. Meine Aufgabe besteht deshalb auch darin, ihnen Halt zu geben.

Gleichzeitig spüre ich, dass es keine obere Grenze gibt. Es wird immer besser. Wir können tiefer und tiefer in die Musik eindringen, und die Bereitschaft dazu ist vollkommen vorhanden. Wir beenden die Probe, und sie machen weiter. Sie organisieren Satzproben und beschäftigen sich weiter mit der Musik.

Es war immer mein Traum, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen Musik leben, atmen und lieben. Im normalen Alltag kann ein solcher Zustand kaum dauerhaft bestehen.

In einem Augenblick wie diesem, wenn junge Menschen zusammenkommen und die Musik in ihrer ganzen Schönheit aufsaugen wollen, entsteht jedoch etwas außerordentlich Beflügelndes. Darin liegt das Besondere dieses Orchesters.

Aber hier geschieht es ja tatsächlich. Es ist zumindest für einen Moment eine wahr gewordene Utopie. Ihre Arbeit ruht zu einem großen Teil auf privater Finanzierung, wenn auch nicht ausschließlich. Ist diese Utopie in Zeiten wie diesen stärker gefährdet?

Boian Videnoff: Es ist eine Utopie, die möglich ist. Die Frage lautet, ob sie auch in einem normalen, regulären Betrieb bestehen kann. Das weiß ich nicht.

Sobald die Realität des Alltags hinzukommt, verändert sich vieles. Menschen haben Kinder, Familien und Probleme. Sie stehen anders im Leben als diese jungen Musikerinnen und Musiker, die hier im Augenblick beinahe eine Art Inkubationsraum erleben.

Ein solcher Ort ist dennoch extrem wichtig. Er kann eine Flamme entzünden, und im besten Fall bleibt sie ein Leben lang erhalten.

Ist das eine Art Orchester-Startup?

Boian Videnoff: Vielleicht. Ich würde eher sagen: Es braucht ein zündendes Moment in den Musikern. Sie müssen erleben: So geht es. So kann man Musik machen.

Wenn diese Erfahrung einmal da ist, will man sie nie wieder missen. Gehen die Musiker später in andere Orchester, können sie diese Erfahrung dort weitergeben. Genau einen solchen Ort möchte ich schaffen: einen Ort, an dem in den Menschen etwas entfacht wird, das sie dauerhaft begleitet.

Was die Finanzierung betrifft, ist die Lage natürlich schwierig. Ungefähr ein Zehntel unseres Budgets stammt aus staatlichen Mitteln. Der gesamte Rest wird privat finanziert, durch Ticketeinnahmen und Sponsoring.

Ohne die Unterstützung der privaten Wirtschaft, die in unserer Region Gott sei Dank noch stark ist, wäre all das undenkbar. Die Zeiten sind dennoch schwerer geworden. Die Förderer sind durchaus bereit, mehr zu geben, das muss man anerkennen. Gleichzeitig sind die Kosten seit der Coronapandemie, dem Ukrainekrieg und der damit verbundenen Inflation massiv gestiegen. Fast alles kostet uns heute doppelt so viel wie vor Corona.

Die Ticketpreise sind allerdings nicht doppelt so hoch.

Boian Videnoff: Nein. Natürlich mussten auch wir die Preise anpassen. Für mich ist jedoch entscheidend, dass Musik für alle zugänglich bleibt.

Studierende können diese Oper bereits ab acht Euro erleben. Das muss möglich sein. Heute Morgen haben wir außerdem für knapp achthundert Kinder gespielt. Wir haben die Oper innerhalb einer Stunde zusammengefasst und erklärt, in melodramatischer Form und mit einigen jungen Sängerinnen und Sängern. Diese Konzerte bieten wir vollständig kostenlos an. Auch viele unserer anderen Bildungskonzerte sind kostenlos.

Für mich ist das vielleicht die wichtigste Aufgabe überhaupt: die Investition in die Zukunft und die Zugänglichkeit von Musik. Wir müssen es den Menschen ermöglichen, diese Kunst zu erleben.

Sie sprechen einen entscheidenden Punkt an. Beim Straßenbau und bei der Infrastruktur spricht man von Investitionen, bei der Kultur dagegen fast immer von Kosten. Ist darin nicht bereits das ganze Problem enthalten?

Boian Videnoff: Ganz sicher. Kultur und Bildung sind die wichtigsten Investitionen in unsere Gesellschaft.

Gebildete Menschen, die einen kritischen Dialog mit sich selbst und mit ihrer Umgebung führen können, zugleich mit Empathie und Einfühlungsvermögen, halten eine Gesellschaft gesund und friedlich. Sie machen letztlich auch Demokratie möglich.

Wir können unterschiedlicher Meinung sein. Trotzdem müssen wir miteinander auskommen und einander respektieren können. Musik kann genau das vermitteln. Wer selbst musiziert, muss sich in andere hineinversetzen. Auch beim Hören versetzt man sich in die Gefühlswelt eines Komponisten und in jene des Künstlers, der die Musik gerade interpretiert. Man empfindet etwas mit.

Diese Fähigkeit muss trainiert werden. Gerade in einer Zeit, in der vieles schnell und oberflächlich geworden ist, besteht besonders bei Kindern die Gefahr, dass sie nicht mehr tief in eine Sache eindringen können.

Man erlebt es unmittelbar: Fünf- oder sechsjährige Kinder sitzen eine Stunde lang da und bewegen sich kaum. Das zeigt, dass es möglich ist.

Wer diese Investition unterlässt und Kultur lediglich als Kostenfaktor betrachtet, wird später einen sehr viel höheren Preis bezahlen.

Glauben Sie mit Blick auf die Zukunft, dass wir diesen Preis tatsächlich bezahlen werden? Oder befinden wir uns noch immer in einer Position, in der wir sagen können: Nein, wir werden ihn nicht bezahlen?

Boian Videnoff: Wenn ich auf die gegenwärtigen Umfragewerte blicke, habe ich den Eindruck, dass immer mehr Menschen bereit sind, Entwicklungen mitzutragen, für die wir später einen hohen gesellschaftlichen Preis bezahlen könnten.

Das ist natürlich zugespitzt formuliert. Aber ich frage mich, weshalb wir nicht aus den Fehlern anderer Menschen lernen können. Darin liegt ein sehr menschliches Versagen.

Liegt es vielleicht daran, dass wir unsere eigenen roten Linien immer erst überschreiten und den Schmerz selbst erfahren müssen?

Boian Videnoff: Das kann sein. Umso wichtiger wäre es, sich stärker in das hineinzuversetzen, was andere Menschen fühlen und erleben.

Manche Lektionen müssen wir vermutlich am eigenen Leib erfahren. Andere sind so schmerzhaft, dass wir sie uns ersparen sollten. Wir können nicht alle hundert Jahre dieselben Erfahrungen noch einmal über eine neue Generation hereinbrechen lassen.

Ich hoffe sehr, dass wir aus der Vergangenheit gelernt haben und es nicht dazu kommt. Die gegenwärtige Sparkultur im Bereich von Bildung und Kultur macht mir jedoch Sorgen. Eine solche Sparpolitik ist häufig der erste Schritt einer gesellschaftlichen Entwicklung, die in keine gute Richtung führt.

Das haben wir in Italien gesehen. Während der Berlusconi-Zeit wurde immer weniger in Kultur und Bildung investiert. Die Menschen sind verblödet. Das Fernsehen setzte auf immer mehr freizügige Bilder. Hat das den Italienern geholfen? Ich glaube es nicht.

Die Probleme, die wir heute in Italien spüren, sind das Ergebnis einer Gesellschaft, die über viele Jahre verflacht ist, sich zu wenig selbstkritisch betrachtet und zu wenig in Bildung und Kultur investiert hat. Theater wurden kaputtgespart und geschlossen, ebenso Orchester.

Ich hoffe, dass Deutschland nicht denselben Weg nimmt. Das wäre tragisch. Wir verfügen über ein weltweit einzigartiges kulturelles Erbe an Orchestern, Klangkörpern, Vokalensembles und Theatern. Sein Verlust wäre nicht nur ein Verlust für Deutschland, sondern für die Menschheit.

Die Oper ist doch eigentlich genau jener Raum, in dem sich die großen menschlichen Dramen in einer Art geschütztem Raum verhandeln lassen. Ist das ein Grund, weshalb Sie Tosca auf die Bühne bringen, weil dieses Werk ein menschliches Drama in äußerster Verdichtung zeigt? Ist das der Grund, weshalb Sie die Oper lieben?

Boian Videnoff: Ich liebe den Gesang über alles. Ich glaube, dass ich durch und durch Operndirigent bin.

Ich liebe Dramen und Geschichten. Selbst wenn ich eine Sinfonie dirigiere, erzähle ich eine Geschichte. Für mich ist es entscheidend, dass Musik etwas erzählt. Ich liebe es, wenn sie sich wie Sprache anfühlt, wenn sie nicht statisch bleibt, sondern eine Richtung und innere Bewegung besitzt.

In der Oper, besonders in der italienischen Oper und erst recht im Verismo, tritt das sehr deutlich hervor. Gefühle, Klangfarben, feinste emotionale Facetten: All das liegt mir sehr. Es hat mich schon als Kind tief berührt.

Ich erinnere mich, dass ich vielleicht fünf oder sechs Jahre alt war, mich auf einen Hocker stellte und mit einem Stock herumfuchtelte, während La traviata lief. Diese Welt hat mich von Anfang an begeistert, vor allem der Gesang.

Mein Vater war ein fantastischer Bariton. Ich bin mit einer unglaublichen Stimme aufgewachsen: metallisch und zugleich wunderschön, getragen von einer großartigen Technik. Gott sei Dank gibt es Aufnahmen von ihm auf YouTube. Wer möchte, kann dort nach Lyubomir Videnov suchen und ihn hören.

Ich bin also mit einer großen italienischen Operntradition aufgewachsen. Das prägt einen für das ganze Leben. Deshalb arbeite ich unglaublich gerne mit Sängerinnen und Sängern.

Später habe ich bei Gianluigi Gelmetti studiert, einem fantastischen Operndirigenten. Er konnte aus Sängern jede Kleinigkeit herausholen und arbeitete immer am Sinn dessen, was sie sagten. Auch das hat mich stark geprägt.

Selbst wenn ich mit einem Orchester ohne Sänger arbeite, behandle ich die Musik fast so, als würde ich mit Stimmen arbeiten. Musik braucht für mich ein Drama. Genau darin fühle ich mich zu Hause.

Herzlichen Dank für dieses schöne Gespräch.

Boian Videnoff: Ich danke Ihnen.

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Autor:

Marko Cirkovic aus Durlach

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