Chronisch erschöpft trotz Schlaf: Wie Atemarbeit das Nervensystem beruhigt

Atemarbeit bei chronischer Erschöpfung trotz ausreichend Schlaf. | Foto: Foto: Jana Legner
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Chronisch erschöpft trotz Schlaf. Wenn trotz ausreichend Schlaf dauerhafte Müdigkeit bleibt, kann gezielte Atemarbeit helfen, das autonome Nervensystem wieder besser zu regulieren, statt nur kurzfristig zu entspannen.

Viele Betroffene kennen die Alltagssituation: Die Nacht war lang genug, medizinische Untersuchungen sind unauffällig, und trotzdem fühlt sich der Körper tagsüber wie „im Dauerlauf“ an. In einer Veröffentlichung von Katharina Höricke wird diese Form der Erschöpfung als mögliches Zeichen dafür eingeordnet, dass der Körper im Stressmodus hängen bleibt.

Als Erklärung wird ein dysreguliertes autonomes Nervensystem genannt. Dr. Stefan Brunnhuber, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Schwerpunkt Neurobiologie, wird mit dem Hinweis zitiert, dass ein überaktives sympathisches Nervensystem auch im Schlaf aktiv sein kann und damit Regeneration erschwert.

Warum Atmung bei Erschöpfung mehr sein kann als „Entspannung“

Der Ansatz setzt nicht primär auf Gedankenarbeit, sondern auf mess- und trainierbare Körperregulation über die Atmung. Höricke kombiniert nach eigenen Angaben funktionale Atemarbeit mit Wissen zum autonomen Nervensystem und der Polyvagaltheorie. Ihre Einordnung: Chronische Erschöpfung sei häufig kein Willensproblem, sondern ein Regulationsthema.

Praktisch bedeutet das: Wenn Atmung dauerhaft flach oder schnell ist, kann das mit erhöhter vegetativer Grundspannung zusammenhängen. Das muss nicht bewusst auffallen, kann aber dazu passen, dass der Körper schwer „runterfährt“.

So ist das sechs Wochen Programm aufgebaut, mit messbaren Anhaltspunkten

Das beschriebene Einzelprogramm läuft über sechs Wochen und ist in drei Phasen gegliedert. Zwischen sechs Einzelsitzungen von jeweils 90 Minuten wird täglich 10 bis 40 Minuten mit individuellen Audioanleitungen geübt. Rückfragen sind laut Beschreibung per Messenger möglich.

  • Woche eins und zwei: Grundlagen funktionaler Atmung und Verständnis des autonomen Nervensystems. Thematisiert werden Einfluss von Stress und Trauma auf die Atmung sowie die Rolle des Zwerchfells.
  • Woche drei und vier: Vertiefung der psychologischen Zusammenhänge, inklusive Mobilisierung von Atemräumen und Muskulatur, Selbstregulation, Herzratenvariabilität und der Zusammenhang von Atmung, Emotionen und Schlafqualität.
  • Woche fünf und sechs: Stabilisierung und Integration in den Alltag, ergänzt um trauma-informierte Atemarbeit.

Als konkreter Messwert wird die CO2-Toleranz genutzt. In der Veröffentlichung wird sie als physiologischer Hinweis beschrieben, wie gut der Körper mit steigenden Kohlendioxidwerten umgehen kann. Ein höherer Wert wird mit besserer Sauerstoffabgabe im Gewebe und oft mit mehr innerer Ruhe in Verbindung gebracht. Ist die Toleranz niedrig, entsteht der Atemreiz schneller. Dann werde unbewusst häufig „zu viel“ geatmet, was das Nervensystem zusätzlich aktivieren könne. Am Ende des Programms wird die CO2-Toleranz erneut erfasst, um Veränderungen sichtbar zu machen.

Was Studien zur Wirkung regulierender Atemtechniken nahelegen

Zur Einordnung werden Forschungsergebnisse der Stanford University genannt. Demnach können bestimmte Atemtechniken direkt auf den Vagusnerv wirken und die Aktivität des Parasympathikus erhöhen, also des Systems, das mit Ruhe und Erholung verbunden ist.

Genannt werden außerdem Effekte langsamer, zwerchfellbetonter Atmung. Sie könne den Cortisolspiegel senken und die Herzratenvariabilität verbessern. Dr. Brunnhuber fasst es in der Veröffentlichung so zusammen: Atmung sei kein reines Entspannungswerkzeug, sondern ein direkter Zugang zum Nervensystem, der die physiologische Stressreaktion beeinflussen könne.

Erfahrungen aus der Praxis: Beispiele, aber keine Garantie

In der Veröffentlichung werden Einzelfälle beschrieben, die zeigen sollen, wie sich die Methode im Alltag anfühlen kann. Sandra M., Projektmanagerin, berichtet, sie habe nach drei Wochen erstmals seit zwei Jahren durchgeschlafen. Ihr CO2-Toleranz-Wert sei von 12 auf 20 Sekunden gestiegen.

Auch Karen Sterrenberg, Yogalehrerin mit Pranayama-Erfahrung, beschreibt, der gezielte Einsatz der Atmung bringe für sie mehr Balance, vor allem in stressigen Situationen. Max E. berichtet von „Werkzeugen“, die nicht nur die Atmung verändert, sondern auch Anpassungen im Lebensstil angestoßen hätten.

Solche Berichte sind Momentaufnahmen aus der Praxis. Sie können Hinweise geben, ersetzen aber keine medizinische Abklärung, wenn Beschwerden stark sind, neu auftreten oder sich verschlimmern.

Praktische Einordnung für den Alltag: Woran das Thema erkennbar wird

Typisch für die im Text beschriebene Konstellation ist, dass Erschöpfung nicht nur mit Schlafmenge zusammenhängt, sondern mit fehlender innerer Ruhe. Hinweise können sein, dass sich selbst in eigentlich ruhigen Momenten eine Grundanspannung hält oder dass Erholung erst sehr spät einsetzt.

Die praktische Konsequenz aus der Einordnung von Höricke und Brunnhuber ist: Wer dauerhaft erschöpft ist, obwohl Schlaf und Routine stimmen, kann Atemmuster und Nervensystem-Regulation als zusätzliche Stellschraube betrachten, statt nur noch mehr „Entspannung“ zu sammeln.

Autor:

Meike Jakob aus Landau

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