Der Dirigent als Jude vor Gericht
Kommentar: Die Bozar-Rücktritte im Fall Lahav Shani
- Foto: Tobias Hase
- hochgeladen von Marko Cirkovic
Es gibt Vorgänge, bei denen die politische Geste sich so sehr in ihrer eigenen moralischen Pose gefällt, dass sie gar nicht mehr bemerkt, was sie eigentlich tut. Die Rücktritte von Mohamed Ouachen, Jos Geysels und Els Silvrants-Barclay aus dem Verwaltungsrat des Brüsseler Kulturhauses Bozar gehören in diese Kategorie. Aus Protest gegen ein geplantes Konzert der Münchner Philharmoniker unter Lahav Shani verlassen drei Aufsichtsratsmitglieder das Gremium. Shani ist Israeli, Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra und künftiger Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Damit, so scheint es, ist in Brüssel schon fast alles gesagt. Der Mensch verschwindet. Der Künstler verschwindet. Übrig bleibt eine Herkunft, eine Zuschreibung, ein Verdacht.
Man muss es klar aussprechen: Sie reproduzieren ein antisemitisches Muster. Nicht, weil jede Kritik an Israel antisemitisch wäre. Nicht, weil der Krieg in Gaza keine Kritik verlangte. Der Punkt ist präziser: Die Beteiligten attackieren Shani nicht offen als Juden; sie ziehen ihn in eine klassische jüdische Kollektivhaftungsfigur hinein. Antisemitisch wird der Vorgang dort, wo ein jüdisch-israelischer Künstler nicht mehr nach seinen eigenen Worten, Haltungen und Handlungen beurteilt wird, sondern stellvertretend für einen Staat, eine Regierung, eine Armee, eine historische Schuldlandschaft haftbar gemacht wird. Der Jude erscheint als Repräsentant, der Israeli als Beweisstück, der Künstler als Ersatzangeklagter.
Besonders beschämend ist daran, dass Lahavt Shani keineswegs geschwiegen hat. Nach der vorherigen Ausladung beim Flanders Festival Ghent erklärte er öffentlich, er habe seine humanen Werte nicht aufgegeben; die Bilder und Berichte aus Gaza seien tief verstörend, dem Leid der Zivilbevölkerung dürfe man nicht gleichgültig gegenüberstehen, und alles müsse getan werden, um den Krieg schnell zu beenden. Das Rotterdam Philharmonic Orchestra veröffentlichte eine inhaltlich entsprechende Erklärung. Wer einem solchen Dirigenten weiterhin mangelnde Distanz unterstellt, fordert keine Haltung mehr. Er fordert ein Demütigungsritual.
Genau hier liegt der eigentliche Skandal. Shani soll offenbar nicht nur für Frieden eintreten, nicht nur ziviles Leid benennen, nicht nur das Ende des Krieges fordern. Er soll sich in der Sprache seiner Ankläger selbst entkleiden. Er soll beweisen, dass er kein falscher Israeli, kein falscher Jude, kein falscher Künstler ist. Er soll ein politisches Passwort nennen, bevor man ihm erlaubt, Schubert, Beethoven oder Wagner zu dirigieren. Das ist nicht Antirassismus. Das ist Gesinnungskontrolle mit progressiver Beleuchtung.
Dass Mohamed Ouachen Shani nicht als „irgendeinen Dirigenten“, sondern ausdrücklich über dessen Funktion beim Israel Philharmonic Orchestra markierte, ist aufschlussreich. Die Argumentation läuft nicht über konkrete Aussagen Shanis, nicht über propagandistische Auftritte, nicht über eine nachweisbare Nähe zur Regierung Netanjahu. Sie läuft über Zugehörigkeit. Über nationale Verbindung. Über eine institutionelle Adresse in Israel. Damit wird Shani genau das aberkannt, was man jedem anderen Künstler selbstverständlich zugestehen würde: moralische Individualität.
Der Vergleich mit Valery Gergiev, der in solchen Debatten gerne als bequemes Requisit aus dem Schrank gezogen wird, trägt nicht. Gergiev war über Jahre ein sichtbarer Unterstützer Putins und Symbolfigur eines kulturellen Machtapparates. Bei Shani liegt der Fall anders. Ihm wird nicht eine belegte Parteinahme für Kriegsverbrechen vorgeworfen. Ihm wird sein Israeli-Sein politisch aufgeladen. Der Unterschied ist nicht klein. Er ist das Ganze.
Die Einwände liegen auf dem Tisch. Shani sei, heißt es dann, eben nicht nur irgendein Musiker, sondern Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra; dieses Orchester verstehe sich als kultureller Botschafter Israels, spiele auch vor Soldaten, stehe also in einer staatlich aufgeladenen Repräsentationsordnung. Doch gerade hier muss sauber unterschieden werden. Wer das Israel Philharmonic Orchestra als solche Kulturinstitution boykottieren will, müsste ein Konzert dieses Orchesters boykottieren. Im Bozar-Fall aber spielt nicht das Israel Philharmonic Orchestra, sondern die Münchner Philharmoniker. Der Protest richtet sich daher nicht gegen die Institution, die angeblich das Problem bildet, sondern gegen einen Menschen, dem seine berufliche Verbindung nach Israel wie eine politische Verunreinigung angeheftet wird. Aus einer Funktion wird moralische Kontamination, aus kultureller Repräsentation individuelle Haftung. Wer so argumentiert, muss nicht mehr zeigen, was Shani gesagt, getan oder unterstützt hat. Es reicht, dass er an der falschen Stelle verortet werden kann. Genau dort kippt politische Analyse in ein Herkunftstribunal.
Wer Shani auslädt, boykottiert oder durch Rücktritt skandalisiert, obwohl er sich für Frieden ausgesprochen und das Leid in Gaza ausdrücklich anerkannt hat, sagt im Grunde: Deine Worte zählen nicht, weil deine Herkunft lauter ist. Genau das ist antisemitisch. Es ist die Umwandlung jüdischer Existenz in eine permanente Rechtfertigungspflicht. Ein anderer Künstler darf eine Meinung haben. Der jüdisch-israelische Künstler muss erst beweisen, dass seine Menschlichkeit keine Tarnung ist.
Die Peinlichkeit der Bozar-Rücktritte besteht deshalb nicht bloß in politischer Überhitzung. Sie besteht in einer moralischen Selbstinszenierung, die sich für besonders sensibel hält und dabei ein uraltes Muster bedient. Man erklärt einen Juden zum Träger fremder Schuld, verlangt besondere Erklärungen von ihm, behandelt seine berufliche Verbindung nach Israel als Makel und nennt das dann Verantwortung. Dieses Verfahren ist nicht mutig. Es ist nicht differenziert. Es ist nicht einmal besonders neu. Es ist die alte Verdachtsmaschine, nur mit aktualisiertem Vokabular.
Bereits die Absage des Flanders Festival Ghent hatte internationale Kritik ausgelöst. Der belgische Premierminister Bart De Wever bezeichnete die Entscheidung als diskriminierend und reiste demonstrativ zu einem Konzert Shanis nach Deutschland; auch aus Deutschland kam scharfe Kritik, unter anderem mit dem Hinweis auf Antisemitismus und Kunstfreiheit. Dass Bozar nun erneut zum Schauplatz einer solchen Auseinandersetzung wird, zeigt, wie tief diese symbolpolitische Versuchung reicht: Man kann den Krieg nicht beenden, also behandelt man einen Dirigenten wie eine diplomatische Sanktion.
Das ist nicht Solidarität mit Gaza. Es ist Ersatzpolitik. Kein Kind in Gaza bekommt Wasser, weil Lahav Shani in Brüssel unter Verdacht gestellt wird. Keine Bombe weniger fällt, weil drei Verwaltungsratsmitglieder einen Rücktritt mit moralischem Hochglanz versehen. Keine israelische Regierung gerät ernsthaft unter Druck, wenn ein Musiker, der selbst humanitäre Sprache findet, zum Objekt eines kulturellen Bannspruchs wird. Sie machen aus politischer Anklage ein Herkunftsverfahren.
Ein Kulturhaus wie Bozar müsste eigentlich genau der Ort sein, an dem man diese Vergröberung verweigert. Kunstinstitutionen sind keine hygienischen Reinräume, in denen nur noch politisch vorsortierte Biografien auftreten dürfen. Sie sind Orte der Spannung, der Uneindeutigkeit, des Aushaltens. Wenn ein Dirigent mit israelischem Pass, europäischer Karriere, klarer Friedenssprache und nachweisbarer Empathie für ziviles Leid nicht mehr genügt, dann genügt am Ende niemand mehr. Dann geht es nicht mehr um Haltung. Dann geht es um Ausschluss.
Darum muss der Vorwurf lauten: Die Rücktritte im Bozar-Aufsichtsrat sind kein edler Akt des Gewissens, sondern ein kulturpolitischer Offenbarungseid. Sie bedienen eine antisemitische Logik, weil sie Lahav Shani nicht als handelndes Subjekt ernst nehmen, sondern als Symbolkörper behandeln. Sie machen aus einem Dirigenten einen Schuldträger. Aus einem Israeli einen Verdachtsfall. Aus einem jüdischen Künstler einen Menschen, der erst durch politische Selbstbezichtigung wieder aufführbar werden soll.
Schwer zu sagen, was daran überboten werden könnte. Vielleicht nur die Selbstgewissheit, mit der man diesen Vorgang vermutlich noch für moralische Klarheit hält.
Autor:Marko Cirkovic aus Durlach |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.