„Das Licht einer Stadt bleibt“
Interview: Daniele Gatti über Verdis Requiem, Wien und das atmende Erbe der Staatskapelle
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Kurz vor dem Konzert des Verdi-Requiems treffe ich Daniele Gatti im Wiener Musikverein, in seiner Künstlergarderobe, die an diesem Nachmittag still und beinahe abgeschirmt wirkt. Draußen liegt Wien unter einem klaren, blauen Himmel; die Sonne fällt durch das Fenster, hell, aber nicht grell, und legt sich auf Wände, Möbel, den Raum. In der Ecke steht ein Bösendorfer-Flügel, auf dem Partituren liegen, als gehöre auch diese kurze Zwischenzeit noch selbstverständlich zur Arbeit des Abends.
Gatti empfängt mich ruhig, freundlich, ohne jede Eile. Nichts an ihm wirkt angespannt, obwohl wenige Zeit später Verdis Messa da Requiem auf dem Programm steht, ein Werk von gewaltiger innerer Spannung. Er spricht bedacht, hört genau zu, antwortet mit jener unaufdringlichen Konzentration, die nicht den Eindruck erwecken will, bedeutend zu sein. Eher sitzt hier jemand, der an diesem Nachmittag ganz gegenwärtig ist: gelassen, aufmerksam, herzlich.
Frage: Ihr Terminplan ist offensichtlich sehr dicht. Wie bewältigen Sie das alles? Sie bringen mit Verdis Requiem ein monumentales, großes, geistig wie musikalisch tiefes Werk auf die Bühne, zugleich gibt es all die äußeren Verpflichtungen dieser Tournee: Proben, Reisen, Gespräche, journalistische Termine. Wie bewahren Sie inmitten dieser vielen Bewegungen die Konzentration?
Daniele Gatti: Nun, ja. Um ehrlich zu sein: Ein Werk wie Verdis Messa da Requiem auf Tournee aufzuführen und dabei mit wechselnden Chören zu arbeiten, ist natürlich eine erhebliche Aufgabe. Bei einem Werk für Chor und Orchester wäre es im Grunde ideal, wenn derselbe Chor die ganze Tournee begleiten könnte.
Aber ich hatte das Glück, mit wirklich hervorragenden Chören zu arbeiten: mit dem Orfeó Català in Barcelona für den ersten Teil der Tournee, also für Barcelona und Madrid; hier nun mit dem Wiener Singverein, der außerordentlich ist, mit dem wir zwei Aufführungen in Wien und nächste Woche eine weitere in Prag machen. Wenn wir in Paris spielen, arbeiten wir mit dem Chor der Philharmonie de Paris, und für das Konzert in Hamburg ist es der Chor der Staatsoper, mit dem wir das Requiem bereits im vergangenen Jahr aufgeführt haben.
Das verlangt schon einiges. Ich muss jeweils einen Tag früher anreisen, um zunächst einige Stunden mit dem Chor zu proben. Am nächsten Tag kommen dann das Orchester und die Solistinnen und Solisten dazu, eigens für einige weitere Stunden Ensembleprobe. Es ist also aus genau diesem Grund sehr fordernd. Aber bis jetzt bin ich sehr glücklich über die Zusammenarbeit, sowohl mit dem spanischen Chor als auch mit dem Wiener Singverein.
Dieses Requiem durch Europa zu tragen, ist etwas Wunderbares. Es ist Freude, es ist Emotion, es ist ein außergewöhnliches Erlebnis. Dieses Werk wird vom Konzertpublikum zutiefst geliebt. Für mich gehört es zu den bedeutendsten Kompositionen des sakralen Repertoires überhaupt. Und daneben zeigt auch das symphonische Programm, was die Geschichte und das Erbe der Staatskapelle ausmacht.
Frage: Gestern bei Wagner schien es, als könnten Sie von Wagner gar nicht genug bekommen. Sie haben als Zugabe noch einmal rund zwanzig Minuten Wagner gegeben.
Daniele Gatti: Ja.
Frage: Wie kamen Sie auf diese Idee?
Daniele Gatti: Eigentlich ganz einfach. Es war für mich wunderbar, französisches Repertoire mit einem der tiefsten deutschen Orchester überhaupt zu entdecken. Der zweite Teil des Konzerts war in sich bereits stimmig, aber ich hatte den Wunsch, ihn so zu beschließen, wie ich ihn begonnen hatte: mit einer Art metaphysischem Stück, mit dem Vorspiel und dem Karfreitagszauber aus Parsifal. So entstand ein Bogen.
Innerhalb dieses Bogens stand Debussy, von dem jeder weiß, dass er zu seiner Zeit einer der leidenschaftlichsten Wagner-Bewunderer war. Insofern war diese Zugabe, glaube ich, auch ein Geschenk, das das Orchester und ich der Stadt Wien und dem Wiener Publikum machen wollten: mit einem der bedeutendsten Stücke zu enden, das zugleich mit der Geschichte und dem Erbe der Staatskapelle verbunden ist.
Frage: Sie erkunden französisches Repertoire, zugleich aber auch das Erbe der Kapelle. Ihr Vorgänger war sehr stark auf das deutsche Repertoire konzentriert. Sie machen nun Verdi, Sie machen französische Musik, aber ohne die Vergangenheit abzustreifen. Was kommt als Nächstes?
Daniele Gatti: Ich muss das Erbe dieses Orchesters bewahren und verteidigen, selbstverständlich. Das ist eine große Verantwortung. Wir haben in den vergangenen Jahren gemeinsam den vollständigen Zyklus der Schumann-Symphonien erarbeitet. Ich habe begonnen, mit der Staatskapelle Strauss zu machen, unter anderem Ein Heldenleben, mit dem wir im vergangenen Herbst durch Asien gereist sind.
In der nächsten Saison folgt eine Reihe von Symphoniekonzerten, die wir auch hier im Musikverein an vier Abenden aufführen werden. Das ist sehr wichtig für Dresden und natürlich auch für das Orchester, denn in seiner Geschichte hat die Staatskapelle noch nie die vollständige Folge der Mahler-Symphonien gespielt. Diesen Zyklus werden wir in der kommenden Saison abschließen.
Daneben aber muss dieses Orchester auch anderes Repertoire spielen: italienisches Repertoire, französisches Repertoire, russisches Repertoire. Ein großes Orchester lebt aus seiner Geschichte, aber es muss zugleich atmen, sich weiten, neue Farben aufnehmen.
Frage: Spüren Sie dabei manchmal Widerstand? Oder gibt es im Orchester sogar einen Hunger nach Neuem?
Daniele Gatti: Widerstand überhaupt nicht.
Frage: Also tatsächlich Hunger nach Neuem?
Daniele Gatti: Ja, ja. Man muss die besondere Situation der Kapelle verstehen. Es ist ein wenig wie bei den Wiener Philharmonikern. Die Wiener Philharmoniker spielen etwa zehn Konzertprogramme. Wir haben zwölf Abonnementprogramme, dazu einige Sonderkonzerte, insgesamt also vierzehn oder fünfzehn Programme. Und jedes Programm spielen wir dreimal.
Viele Gastdirigenten kommen natürlich mit dem Wunsch, mit der Staatskapelle deutsches Repertoire zu machen. Dieses Erbe zu schützen und zu bewahren, ist eine Sache. Aber ebenso wichtig ist es, das Orchester mit dem großen europäischen Repertoire vertraut zu machen. Deshalb bitte ich manchmal auch meine Kollegen, sich daran zu beteiligen. Es geht darum, nicht nur dem Publikum, sondern auch den Musikerinnen und Musikern die Möglichkeit zu geben, neues Repertoire zu erkunden.
Frage: Kehren wir zu Verdi zurück. Was bedeutet dieses Werk für Sie persönlich?
Daniele Gatti: Was es für mich bedeutet? Mit diesem Werk bin ich sehr unmittelbar aufgewachsen. Ich besaß die Partitur dieser Messe schon als Student, und ich hatte die große Chance, das Orchester und den Chor der Scala zu hören. Man darf nicht vergessen: Dieses Stück wurde für die Scala und ihren Chor geschrieben und dort in Mailand von großen Dirigenten aufgeführt.
Ich habe das Werk im Laufe meines Lebens mehrfach dirigiert, immer auch im Sinn einer Untersuchung, einer fortgesetzten inneren Auseinandersetzung. Ich habe mich stets dagegen gewehrt, wenn gesagt wurde, es sei eigentlich eine Oper. Für mich bleibt es ein sakrales Werk. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Aber die Form des Requiems, die einzelnen Nummern und die Abfolge, die Verdi gewählt hat, können manche dazu bringen, es nicht als Messe im streng kanonischen Sinn zu betrachten. Man sprach ja von einer Messa da Requiem, von einer Totenmesse.
Es beginnt mit dem Requiem, dann folgt ein Teil der heiligen Messe, das Kyrie. Danach kommt die Sequenz des Todes, das Dies irae, das sehr lang ist und dessen Text von außerordentlicher dramatischer Kraft ist. Aber dramatisch heißt hier nicht theatralisch. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Sehr wichtig ist für mich, zu zeigen, dass der erste Teil des Dies irae in der dritten Person geschrieben ist: Es wird geschehen, Gott wird richten, die Posaune wird erschallen. Das Tuba mirum, das Liber scriptus, diese Momente haben etwas Orakelhaftes. Sie sprechen noch nicht in der ersten Person. Der Text in der ersten Person beginnt erst mit Quid sum miser. Von diesem Moment an bis zur Lacrymosa ist alles in der ersten Person formuliert.
Das muss man sehr ernst nehmen. Denn hier verändert sich die Perspektive des ganzen Werkes. Zunächst wird gezeigt, wie die Apokalypse sein könnte: gewaltig, unentrinnbar, überpersönlich. Dann aber wird daraus eine persönliche, tiefe, intime Beziehung zwischen dem Sünder und Gott.
Dann folgt der zweite Teil mit drei Nummern aus der heiligen Messe: Sanctus, Agnus Dei, ähnlich wie man es etwa bei Mozart oder Cherubini findet. Am Ende kehrt mit dem Libera me alles in eine Kreisform zurück.
So erscheint das Werk wie eine Reise durch die Messe für die Verstorbenen. Und man darf nicht vergessen: Bei der Uraufführung in Mailand 1874 wurde dieses Stück um elf Uhr vormittags während einer heiligen Messe aufgeführt. Es war kein Konzert.
Frage: Sie führen dieses wunderbare Werk mit einer Besetzung auf, die man heutzutage wohl kaum besser finden kann.
Daniele Gatti: Das hoffe ich. Ich bin sehr glücklich mit meiner Besetzung. Ich habe das Werk bereits mit Eleonora Buratto gemacht. Es ist das erste Mal, dass ich dieses Requiem mit Elīna Garanča und Benjamin Bernheim aufführe.
Sängerinnen und Sänger auf diesem Niveau sind so empfindsam, so sensibel, dass sie, glaube ich, sehr tief verstehen: Sie sind Teil eines gemeinsamen Gebets für die Verstorbenen. Das ist wirklich eine große, große Ehre.
Frage: Eine letzte Frage: Was lieben Sie an Wien? Und ist Wien für Sie der wichtigste Ort dieser Tournee?
Daniele Gatti: Ich habe großen Respekt vor Wien. Ich habe hier 2002 zum ersten Mal dirigiert, als ich von Ioan Holender für eine Neuproduktion von Simon Boccanegra an die Staatsoper eingeladen wurde. Ich erinnere mich sehr genau: Während der Proben erhielt ich eine Einladung der Wiener Philharmoniker, mit ihnen eine Zusammenarbeit zu beginnen. Dieser September 2002 bleibt für mich unvergesslich.
Danach bin ich regelmäßig nach Wien zurückgekehrt, zunächst bis 2006 für Opernproduktionen, später auch für Konzerte und für die Arbeit mit den Wiener Philharmonikern.
Wenn man hier ist, befindet man sich natürlich in der Stadt der Musik. Das zu sagen, klingt fast rhetorisch. Aber ich liebe es wirklich, in diesem Saal zu dirigieren, hier Musik zu machen und von einem so warmen Publikum umgeben zu sein. Wenn man die Augen hebt und in den Saal blickt, sieht man Menschen, die einen anschauen, die ganz nah bei uns sind.
Die Akustik ist eine der besten überhaupt. Auf der Bühne sind wir sehr eng beieinander. Das ist schön, das ist unglaublich.
Und Wien ist natürlich die Stadt meiner Idole: Beethoven, Mozart, Schubert. Wenn ich hier bin, denke ich unweigerlich auch an Mahler und Bruckner. Diese Gebäude gehören noch zu ihrer Zeit. Was mich besonders in die Vergangenheit führt, ist das Licht. An einem Tag wie heute, wenn ich sehe, wie die Sonne auf diese Häuser fällt, denke ich: Vielleicht haben Mahler und Bruckner dieselbe Farbe gesehen, dasselbe Licht.
Eine Stadt kann sich verändern. Aber das Licht einer Stadt bleibt, auf geheimnisvolle Weise, mehr oder weniger dasselbe.
Vielleicht liegt es an mir, aber es bewegt mich sehr, an einem solchen Ort zu sein. Natürlich ist Wien einer der wichtigsten Punkte unserer Tournee. Aber denselben Respekt, den ich gegenüber der Stadt Wien und dem Wiener Publikum empfinde, habe ich auch für Essen, Frankfurt, Paris und Barcelona. Die Menschen, die zu unseren Konzerten kommen, sind immer Freunde. Sie sind willkommen, ohne dass man einen Ort für wichtiger oder weniger wichtig erklären müsste.
Frage: Herzlichen Dank für das Gespräch.
Nach dem Gespräch entstehen noch ein, zwei Porträts. Am Fenster, jenem Fenster, von dem eben noch die Rede war, weil das Licht dort wie eine Erinnerung in den Raum fällt. Für einen Moment wechselt die Aufmerksamkeit die Richtung. Nicht mehr der Dirigent wird betrachtet, sondern er selbst will sehen.
Ob er einmal durch den Sucher meiner Kamera blicken dürfe, fragt Daniele Gatti. Ich reiche ihm das schwere Gehäuse. Zuerst liegt ein kurzer Ausdruck von Überraschung in seinem Gesicht, fast ein leises Erstaunen über das Gewicht. Dann hebt er die Kamera, richtet sie auf das Fenster und schaut einfach hindurch, in dieses helle Wiener Nachmittagslicht.
Ein stiller Augenblick. Ganz ohne Pose. Fast wie ein Atemholen vor der Musik.
Dann beginnt der Abend.
Autor:Marko Cirkovic aus Durlach |
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