Flucht mit dem Cadillac
Go West

Heute ist die Mauer nur noch eine Ausstellungsfläche am Spreeufer - bis vor 30 Jahren war sie teil des Eisernen Vorhangs
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  • Foto: Caro Sodar/pixabay.com
  • hochgeladen von Roland Kohls

Landau. Mit einem 1957er Cadillac De Ville Coupé verhalf John Ireland 1964 und 1965 zehn Menschen zur Flucht in den Westen. Der in den USA geborene Ireland lebte in Wachenheim und zuletzt in Landau.

Auf schneebedeckter Fahrbahn rutscht das Cadillac Coupé wie auf Schmierseife und landet schließlich kurz vor der rettenden österreichischen Grenze im Straßengraben. Am Lenker an diesem 28. Dezember 1964 in Ungarn sitzt John Ireland, ein Kunsthändler aus Wachenheim in der Pfalz, der in den Vereinigten Staaten von Amerika geboren wurde und der Liebe wegen nach dem Militärdienst in Kaiserslautern-Einsiedlerhof in der Pfalz hängen geblieben ist. Auf der Rücksitzbank liegt Dorit M. aus Ost-Berlin, im siebten Monat schwanger, in eine Decke gehüllt. Ireland, der bis zu seinem Tod vor wenigen Monaten in Landau lebte, war Fluchthelfer, der neben Dorit noch anderen Menschen mit dem amerikanischen Straßenkreuzer zur Flucht durch den Eisernen Vorhang verholfen hat.
Denn der Cadillac de Ville Coupé von 1957 war zu einem Fluchtfahrzeug umgebaut worden. Hinter dem Armaturenbrett verbarg sich eine „Box“ zur Aufnahme der Flüchtenden, 1,45 Meter lang, 45 Zentimeter breit und 30 Zentimeter hoch, Platz für Unterschenkel und Füße war im Kotflügel des Autos. Über einen versteckten Mechanismus konnte das Armaturenbrett geöffnet werden. War es verschlossen, konnte man das Versteck weder von innen noch vom Motorraum aus entdecken. Aber jetzt hängt das Auto im Straßengraben und Dorit liegt auf der Rücksitzbank, als ein ungarischer Militär-Lastwagen kommt. „Meiner schwangeren Frau geht es nicht gut“, behauptet Ireland, „deshalb müssen wir zurück in den Westen.“ Die Soldaten holen ein Abschleppseil und ziehen den Cadillac aus dem Graben. Kurz vor der Grenze klettert Dorit hinters Armaturenbrett, die Flucht gelingt. Die Flucht hatte Dorit in einem Dankesbrief an Ireland beschrieben.

Bekanntester Fluchthelfer Deutschlands

Nach seiner Militärzeit hat Ireland zunächst in Darmstadt, ab 1962 in West-Berlin studiert. Dort lernte er Hasso Herschel kennen, einen der bekanntesten Fluchthelfer Deutschlands. Ein Jahr nach dem Mauerbau 1961, grub Herschel den sogenannten „Tunnel 29“ von der Bernauer Straße im Westen in die Schönholzer Straße im Osten, durch den im September 1962 insgesamt 29 Menschen in den Westen flohen. Ireland und Herschel wurden Freunde und als Ireland nach dem Studium wieder in der Pfalz war, fragte Herschel ihn, ob er nicht mit dem Cadillac Menschen in den Westen bringen wolle. Er wollte. Von Oktober 1964 bis März 1965 hat er zehn Menschen über die schwer gesicherte Grenze gebracht.
Am vereinbarten Treffpunkt am Fuß der Museumstreppe am Heldenplatz in Budapest hatte Dorit als Erkennungszeichen einen Reiseführer in der Hand, Ireland eine Zeitung in der rechten Manteltasche. „Wissen Sie, wo der Bahnhof ist?“, fragte der Amerikaner und „Nein, aber wäre ich in Dessau, wüsste ich es“, war die vereinbarten Antwort von Dorit. Ireland reiste – nicht einmal gelogen – als Kunsthändler durch den Osten. Nach zehn Touren übernahm ein anderer Fluchthelfer den Cadillac. Bis November 1967 sollen insgesamt 200 Menschen mit dem auffälligen Wagen zur Flucht in den Westen verholfen worden sein.
Keiner Menschenseele hat Ireland von seiner Fluchthilfe erzählt, selbst seiner zweiten Frau, mit der er über 45 Jahre verheiratet war, hatte er lange nichts erzählt. Heute findet man seine Geschichte im Museum am Checkpoint Charlie in Berlin und auch in dem Buch des damaligen Besitzers des Cadillacs Burkhart Weigel “Wege durch die Mauer“. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte ihm zum 80. Geburtstag gratuliert. Der Zufall wollte es, dass Ireland den Fall der Mauer beim Urlaub in Ungarn erlebte. rk

Autor:

Dehäm Magazin aus Ludwigshafen

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