Tragödie aus gemeinsamem Leben
La Bohème am Teatro dell’Opera in Rom
- Foto: Fabrizio Sansoni-Teatro dell’Opera di Roma
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Rom, 17. Januar 2026, Teatro dell’Opera: Diese Bohème setzt nicht auf den plakativen Schock der Aktualisierung, sondern auf eine fein austarierte, fast unmerklich wirkende Verschiebung des Wahrnehmungsraums. Die Videoproduktionen sind dabei kein revolutionärer Stand der Technik; man spürt, dass ihr Instrumentarium eher aus einer Generation stammt, die bereits Patina ansetzt. Und doch funktionieren sie. Sie behaupten sich als verlässliche, präzise geführte Bildhaut, die den Szenen nicht den Atem nimmt, sondern ihn bündelt: als Atmosphäre, als flirrendes Gedächtnis, als Wetter des Gefühls. In dieser Regie wird das Projektionistische nicht zum Selbstzweck, sondern zur Disziplin; das Sichtbare bleibt dienend, und genau daraus erwächst eine Stimmung, die sich nicht in Effekten erschöpft, sondern ein eigenes, unaufdringlich singuläres Klima erzeugt.
Vor allem in den ersten beiden Akten tritt eine nahezu exzessive Leichtigkeit hervor – nicht die harmlose Leichtfertigkeit des „Hübschen“, sondern die waghalsige, übermütige Leichtigkeit eines Lebens, das seine prekäre Lage durch Witz, Geschwindigkeit und soziale Erfindungskraft übertönt. Die Inszenierung erlaubt sich ausdrücklich komische Momente, spielerische Übertreibungen; sie setzt auf Timing, auf Körperkomik, auf das flüchtige Einverständnis des Ensembles. Entscheidend ist dabei die Dialektik von Sänger-Spiel und Regiehand: Die szenische Führung schafft Räume für spontane Heiterkeit, aber sie zügelt sie zugleich so, dass aus der Komik kein Klamauk wird, sondern ein existenzielles Mittel – Lachen als Wärmequelle, als taktische Gegenwehr gegen Kälte. So gewinnt das Quartier Latin seine gefährliche Glaubwürdigkeit: Es ist nicht Folklore, sondern ein Fest, das sich selbst überredet.
Gerade weil die Inszenierung die Helligkeit nicht ironisiert, sondern ernsthaft auskostet, trifft der spätere Umschlag mit umso größerer Wucht. Im dritten und vierten Akt verdunkelt sich der Abend nicht optisch, er verdunkelt sich innerlich: Das zuvor federnde Spiel wird schwer, das zuvor reichlich bewohnte Bild kippt in eine karge Notwendigkeit. Die Regie bläst das Drama nicht künstlich auf; sie lässt es anschwellen, als würde sich die Luft im Raum verdichten und jede Bewegung Gewicht bekommen. Was eben noch als flirrende Oberfläche leuchtete, wird zum starren Rahmen; was eben noch leicht war, wird zum Fall. So entsteht jener intensive Kontrast, der diese Lesart der Bohème im Gedächtnis verankert: eine Inszenierung, die ihre eigene Heiterkeit als Fallhöhe begreift – und die Tragödie nicht „hinzufügt“, sondern aus dem zuvor unbändig gelebten Leichten heraus freilegt.
Und dann: der Klang – Puccini nicht als sentimentales Postkartenmotiv, sondern als hochpräzise Mechanik des Affekts, in der jede kleine Verzögerung schon Ethik ist und jedes Aufblühen schon Vorahnung. Jader Bignamini führt das Orchester nicht „begleitend“, sondern erzählend: als Instanz, die den Atem der Szene organisiert, die Wärme zuteilt, die Kälte ankündigt, lange bevor sie auf der Bühne benannt wird.
Der Beginn ist auffallend stringent, ja: ein flottes, anspornendes Tempo, das die Musik nicht jagt, sondern schärft. Man spürt sofort, dass hier jemand nicht der Bequemlichkeit des Wohlklangs vertraut, sondern der Textur. Die Streicher artikulieren mit jener nervösen Klarheit, die Puccinis Linien von innen her leuchten lässt: nicht nur Legato, sondern Legato mit Kontur, wie eine Hand, die über Stoff streicht und zugleich die Naht sucht. Holzbläser und Harfe setzen ihre kleinen Signaturen so präzise, dass aus „Begleitung“ plötzlich Psychologie wird – ein Flackern, ein kurzes Aufatmen, ein kaum merklicher Stich.
Entscheidend aber ist die Balance: detailreich, präzise, manchmal fast übermächtig in der Dringlichkeit – und dennoch nie so, dass eine Stimme auch nur einen Augenblick gegen das Orchester „ankämpfen“ müsste. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Dirigierkunst im eigentlichen Sinn: Klang als Architektur, nicht als Dekoration. Bignamini baut große Bögen, ohne sie zu betonieren; er lässt Strukturen hörbar werden, ohne sie dem Publikum didaktisch vorzusetzen. Die Rubati wirken nicht wie ein romantisches Seufzen, sondern wie bewusst gesetzte Atemstellen: menschlich, aber nicht willkürlich.
Der zweite Akt gerät dann zum Prüfstein – und besteht ihn. Diese Szene kann leicht zur akustischen Überwältigung werden, zu einem brillanten Lärm, der den Kern verschüttet. Hier dagegen: extreme Intensität, fulminant, ja, mit einer elektrischen Spannung im Puls; zugleich aber immer wieder jene richtige Zurücknahme im richtigen Moment, die das Gewimmel nicht zur Wand, sondern zur Perspektive macht. Das Orchester lässt Raum, damit Stimmen nicht nur laut, sondern verständlich sind; die rhythmischen Scharniere greifen, das Blech glänzt, ohne zu dominieren, und das Schlagwerk bleibt Impuls statt Effekt.
In dieser Hinsicht verdienen Chor und Kinderchor ausdrücklich Lob. Sie sind nicht bloß Staffage der Pariser Oberfläche, sondern tragen den Akt als gesellschaftlichen Klangkörper: präzise in der Diktion, geschlossen in der Attacke, und doch beweglich genug, um die Szene atmen zu lassen. Das ist Ensemblearbeit, die man nicht „merkt“, weil sie funktioniert – und gerade deshalb so kostbar ist. Ciro Visco formt hier hörbar eine Kultur des Miteinanders, in der die Masse nicht anonym wird, sondern Atmosphäre mit Gesicht.
Der dritte Akt ist die große Verdunklung, und sie gelingt ungemein. Bignamini fährt das Tempo zurück, aber nicht als bloßes „Langsamer“, sondern als Absenken der Temperatur: Die Phrasen werden länger, die Pausen schwerer, und plötzlich steht hinter der Musik ein anderes Gesetz, eines der Notwendigkeit. Die großen Bögen entstehen mit einer Intensität, die gleichzeitig Zartheit ist – als würde der Klang selbst lernen, vorsichtig zu werden. Puccini wird hier nicht breit, sondern unerbittlich: eine langsame Zuspitzung, in der jedes Crescendo wie ein Versuch wirkt, gegen das Unvermeidliche anzusingen.
Im vierten Akt kumuliert dies alles, und zwar in ein Extrem der Zartheit und des Ausdrucks. Ja, es gibt Ausbrüche; die Partitur verlangt sie. Aber sie stehen in einem Rahmen, der sie nicht zum Spektakel, sondern zur Wunde macht. Das Orchester legt eine Bühne aus Transparentpapier aus: tragfähig, doch lichtdurchlässig, sodass die Stimmen nicht auf Klang „reiten“, sondern auf Wahrheit stehen. Erst in der Schlussphase – fairerweise – ein Bruch: Das Blech setzt zu markant ein, eine Spur zu sehr „über das Ziel hinaus“, ehe die Rücknahme wieder greift. Die allerletzten Takte, dieses inbrünstige, langgezogene, erschütternde Finale, bekommt gerade noch den Bogen. Und doch bleibt das Dirigat in der Summe meisterhaft: voller Intelligenz, voller Detailreichtum, mit jener seltenen Fähigkeit, im richtigen Moment zu geben und im richtigen Moment zu entlassen.
Saimir Pirgu als Rodolfo ist der Angelpunkt dieser Aufführung. Nicht, weil er alles andere marginalisiert, sondern weil er die Rolle als Spannungsfigur zwischen lyrischer Intimität und dramatischer Zuspitzung technisch und psychologisch außerordentlich kohärent führt. Sein Pianissimo ist nicht bloß „leise“, sondern fokussiert: ein Ton mit Kern, der den Raum füllt, ohne den Druck zu erhöhen. Dabei wirkt seine Linienführung makellos, weil sie nicht aus Daueremphase besteht, sondern aus kontrollierten Abstufungen. Er beginnt häufig mit Sanftheit, baut dann Spannung über minimale Crescendi und mikroskopische Agogik auf, und erst spät entlädt sich die Phrase – nicht als Effekt, sondern als logische Folge.
Was an Pirgu zusätzlich beeindruckt, ist die Art, wie er Lautstärke als Resonanz organisiert. Wenn er aufdreht, zerbricht nichts; das Fortissimo bleibt schön, rund, tragfähig, ohne je nach Anstrengung zu klingen. Man hört, dass die Stimme nicht „nach oben gedrückt“ wird, sondern dass sich die Resonanzräume öffnen: Der Ton sitzt vorn, bleibt fokussiert, und verliert dennoch nicht an Farbe. Dadurch gelingt ihm der große Bogen vom fast intim gesprochenen Klang bis in eine wirklich bis in die letzte Reihe reichende Projektion, ohne dass das Timbre hart oder metallisch würde.
Technisch lohnt es sich, genauer hinzuhören, weil hier seltenerweise die Mechanik der Kontrolle selbst zur Poesie wird. Pirgu arbeitet mit einer sehr aktiven, aber unaufdringlichen Atemführung: lange Phrasen wirken wie aus einem Guss, weil er Luft nicht „holt“, sondern verwaltet; das Nachatmen wird nicht zum hörbaren Bruch. Die Ansätze sind bemerkenswert sauber balanciert: weich, ohne luftiges Ausfransen, und gleichzeitig ohne hörbaren Glottisschlag – ein Tonbeginn, der Text und Linie sofort in Fluss bringt. In der Höhe fällt eine kluge Vokalmodifikation auf: Er öffnet, ohne den Fokus zu verlieren; er deckt nicht künstlich ab, sondern mischt, sodass das Passaggio nicht als Registerkante hörbar wird. Gerade diese homogene Registerführung erklärt, warum seine dramatischen Steigerungen nicht in Druck umkippen: Klangdichte entsteht aus Resonanz, nicht aus Kraftaufwand. Dazu bleibt die Diktion präzise, Konsonanten werden Impulsgeber der Phrase, nicht Störgeräusche des Legatos. So wirkt Rodolfo nicht wie eine Abfolge schöner Stellen, sondern wie eine kontinuierliche innere Rede.
Carolina López Moreno als Mimì setzt dem kein „Gegenleuchten“ entgegen, sondern eine andere Temperatur: Zartheit als tragender Zustand. Ihre Stimme ist weich und schön, aber nie bloß dekorativ; man hört vom ersten Ton an einen Ausdrucksdruck hinter der Oberfläche, als wäre das Singen bereits ein kontrolliertes Überleben. Sie gestaltet mit Sinn für Puccinis lange Linien, ohne sie zu breiten: Das Legato bleibt geführt, die Tonhöhen zentriert, die Dynamik fein abgestuft. Im ersten Akt passt ihre vokale Physiognomie charakterlich zur fragilen Figur, ohne dass sie die Krankheit als Effekt ausstellt.
Im Duett des ersten Aktes entsteht dadurch eine seltene Übereinkunft: zwei Stimmen, die sich nicht gegenseitig überbieten, sondern ineinander greifen, als hätten sie denselben Puls. López Moreno findet für Mimì eine glaubhafte Fragilität – nicht sentimental, sondern körperlich; man hört die Krankheit nicht als Effekt, sondern als Einschränkung, die das Singen zur kostbaren Anstrengung macht. Am erstaunlichsten schließlich der Schluss: Im dritten Akt bereits kulminant und berührend, doch im vierten Akt gelingt ihr dieser Hauch von nichts, der nicht „weniger Stimme“, sondern mehr Wahrheit ist. Es ist, als würde der Klang selbst dünn werden, um überhaupt noch tragen zu können – und gerade dadurch durchbricht es alles.
Desirée Rancatore ist als Musetta die Diva, die man nicht nur sieht, sondern akustisch erlebt: ein Showgirl von höchstem stimmlichen Niveau, mit präziser Führung und einer Ausdrucksintensität, die nie ins Grell-Bunte kippt. Ihre Linien haben Glanz, aber auch Disziplin; Koloraturen und Spitzentöne erscheinen nicht als Schmuck, sondern als soziale Geste, als demonstratives Überleben in einer Welt, die nach Oberfläche verlangt.
Besonders stark wird sie in den Szenen mit Marcello – und hier trägt das leidenschaftliche Zusammenspiel den Abend mit. Zwischen Rancatore und Nicola Alaimo entsteht ein Streit, der nicht gespielt wirkt, sondern wie ein gemeinsames Naturereignis: Anziehung und Abstoßung, Eitelkeit und Verletzlichkeit, ein Liebesmechanismus, der sich selbst nicht kontrolliert. Das Timing stimmt, die Repliken sitzen, und musikalisch entsteht Reibung, die Funken schlägt. Umso überzeugender gelingt Rancatore später die Wandlung: von der gnadenlos funkelnden Diva zur sorgenden Freundin im vierten Akt, nicht als plötzliche Umkehr, sondern als Freilegung einer bereits vorher vorhandenen, nur verdeckten Empathie.
Nicola Alaimo als Marcello bringt Erfahrung und Präsenz. Ja, die Stimme kann in der Farbe bisweilen etwas grob wirken, an den Rändern rauer, weniger „poliert“ als andere. Aber gerade das hat Wahrheit: Marcello ist kein ätherischer Poet, sondern ein Mensch, der von der Welt angeschliffen ist. Alaimo phrasiert mit Sinn für Sprache, und man spürt, wie sehr er die Rolle bewohnt – in jedem Atemzug, in jeder Linie. Sein Marcello ist nicht bloß der Freund, sondern ein Resonanzkörper für die Katastrophe: jemand, der immer wieder versucht, das Leben zu halten, und dabei merkt, dass es ihm entgleitet.
Alessio Arduini (Schaunard) und William Thomas (Colline) fügen sich klug in dieses Gefüge ein. Arduini besitzt jene Beweglichkeit, die Schaunard braucht: ein Ton, der reagieren kann, ironisieren, plötzlich ernst werden. Er macht aus kleinen Momenten Charakter, ohne sie zu vergrößern. Thomas wiederum gibt Colline gravitätische Ruhe; sein Bass hat Fundament und eine gewisse dunkle Noblesse, die in den ernsten Momenten des Abends wie ein Pfeiler wirkt. Matteo Peirone schließlich als Benoît/Alcindoro setzt präzise komödiantische Akzente, ohne ins Chargieren zu fallen; er bleibt Teil des Stils, nicht Fremdkörper.
So entsteht insgesamt ein ungewöhnlich ausgewogener Cast ohne wirkliche Schwachstelle – und das ist in einer Bohème, die von Ensemblechemie lebt, mehr als ein Komfort: Es ist die Voraussetzung dafür, dass die Tragödie nicht aufgesetzt wirkt, sondern aus einem glaubhaften, gemeinsam geatmeten Leben heraus entsteht. Wenn dieser Abend am Ende schmerzt, dann nicht, weil er „rührt“, sondern weil er überzeugend zeigt, wie rasch Wärme in Kälte umschlagen kann – und wie Musik, wenn sie so geführt und so gesungen wird, dieses Umschlagen nicht erklärt, sondern vollzieht.
Autor:Marko Cirkovic aus Durlach |
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