137 Jahre Haft und mehr als 90 Haftbefehle: Die blutige Fehde im Raum Stuttgart
- Anfangs wirken viele Fälle in diesem Konflikt noch wie einzelne Ausbrüche, später wird ein Muster klar.(Archiv)
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Stuttgart. Nach Jahren mit Schüssen, Anschlägen und dutzenden Prozessen steht im Raum Stuttgart ein weiteres Urteil in einer der größten Gewaltserien der Region an. Am Freitag um 9 Uhr will das Landgericht Stuttgart im sogenannten Imbiss‑Fall entscheiden.
Im Mittelpunkt steht ein Angriff im Stadtteil Möhringen. In einem Imbiss, der gerade umgebaut wurde, fielen mehrere Schüsse aus einer vollautomatischen Waffe. Ein Mann wurde schwer verletzt. Auf der Anklagebank sitzt ein heute 26 Jahre alter Mann. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord vor.
Nach Überzeugung der Ermittler gehört der Angeklagte zu einer Gruppierung aus Esslingen und Ludwigsburg. Das Opfer wird dem rivalisierenden Umfeld aus Stuttgart‑Zuffenhausen zugerechnet. Beide Gruppen liefern sich seit rund vier Jahren eine Serie gewalttätiger Auseinandersetzungen in der Region.
Schüsse, Anschläge und ein Toter
Die Tatorte verteilen sich über zahlreiche Städte im Großraum Stuttgart. Dazu zählen unter anderem Stuttgart, Göppingen, Schorndorf, Esslingen, Plochingen, Reichenbach und Ludwigsburg.
Als einer der ersten bekannten Vorfälle gilt ein Angriff am Mittwoch, 20. Juli, in Stuttgart‑Zuffenhausen. Aus einem fahrenden Auto schoss ein Beifahrer auf Menschen vor einer Ladenzeile. Verletzt wurde damals niemand.
Mit der Zeit verdichteten sich die Fälle zu einer Serie. Anfang 2023 übernahm das Landeskriminalamt Baden‑Württemberg zentrale Ermittlungen.
Besonders aufsehenerregend war ein Angriff am Freitag, 9. Juni, auf dem Friedhof in Altbach. Während einer Beisetzung warf ein junger Mann eine Handgranate. Der Sprengkörper prallte an einem Ast ab und explodierte wenige Meter entfernt. 15 Menschen wurden verletzt. Trauergäste verfolgten den Täter und überwältigten ihn.
Inzwischen wurden in diesem Komplex mehrere Männer zu langen Haftstrafen verurteilt. Insgesamt summieren sich die Strafen auf mehr als 31 Jahre.
Autoattacke und tödliche Schüsse
Weitere Taten folgten. Im Oktober 2023 fuhr ein 24‑Jähriger einen flüchtenden Gegner gezielt mit einem Auto an und verletzte ihn schwer.
Noch schwerer wog ein Angriff in einer Bar in Göppingen. Dort fielen 15 Schüsse. Ein 29‑Jähriger starb. Zwei weitere Männer wurden schwer verletzt. Nach Angaben der Ermittler gehörte das Opfer vermutlich gar nicht zu den rivalisierenden Gruppen.
Hunderte Verfahren und viele Haftbefehle
Die Ermittler sprechen nicht von klassischer Clan‑Kriminalität. Laut Landeskriminalamt handelt es sich um lose Gruppierungen aus dem Raum Stuttgart, Esslingen und Göppingen.
Zeitweise sollen mehr als 500 junge Menschen in unterschiedlicher Form beteiligt gewesen sein.
Die Bilanz der Ermittlungen ist umfangreich:
- 319 Ermittlungsverfahren
- mehr als 90 vollstreckte Haftbefehle
- Gefängnisstrafen von rund 137 Jahren
- über 20 Prozesse am Landgericht Stuttgart
- 43 Angeklagte vor Gericht
Inzwischen ist es deutlich ruhiger geworden. Viele zentrale Beteiligte sitzen in Haft.
Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden bestehen die Konfliktlinien zwischen den Gruppen jedoch weiterhin. Auslöser seien häufig persönliche Fehden, Ehrvorstellungen und Gruppendruck. Wirtschaftliche Motive spielten meist eine geringere Rolle.
Das Urteil im Möhringer Imbiss‑Fall gilt deshalb nur als vorläufiger juristischer Schlusspunkt in einer Gewaltserie, die die Region jahrelang beschäftigt hat. dpa/red
Autor:Cornelia Bauer aus Speyer |
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