Sparverhandlungen in Neckarsulm: Audi-Werk unter Druck
- Im Audi-Werk in Neckarsulm arbeiten mehr als 15.000 Menschen. (Archivbild)
- Foto: Bernd Weißbrod/dpa
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Neckarsulm. Für die rund 15.000 Beschäftigten des Audi-Werks und ihre Familien in Neckarsulm beginnen schwierige Wochen: Das Unternehmen hat Sparverhandlungen über Stellen und Arbeitsbedingungen eingeleitet. Die Stadt fürchtet um ihre wirtschaftliche Zukunft, falls die Produktion langfristig nicht gesichert werden kann.
Auslöser ist die Krise im VW-Konzern, zu dem Audi gehört. Nach Sparbeschlüssen von Anfang September stehen neben Neckarsulm auch weitere Standorte im Konzern auf dem Prüfstand. Bis Ende Juni soll der Standort ein neues Konzept vorlegen und seine Kosten senken. Andernfalls droht nach Konzernangaben das Ende der Produktion.
Schlechtwetterklausel löst Verhandlungen aus
Bei der Betriebsversammlung am Donnerstag, 8. Oktober, erklärte Audi-Chef Gernot Döllner, das Unternehmen habe die sogenannte Schlechtwetterklausel aktiviert. Diese Regel aus dem Zukunftspakt verpflichtet Geschäftsführung und Betriebsrat zu Gesprächen über Sparmaßnahmen, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen deutlich verschlechtern.
Wie groß der Handlungsdruck ist, zeigte auch die Teilnahme von VW-Chef Oliver Blume an der Betriebsversammlung. Konkrete Beschlüsse zu Stellenabbau oder Arbeitsbedingungen wurden zunächst nicht bekannt.
Stadt sieht Arbeitsplätze und Betriebe in Gefahr
Oberbürgermeister Steffen Hertwig berichtet von großen Sorgen vor allem bei jungen Menschen und ihren Eltern. Noch vor wenigen Jahren hätten Unternehmen in der Region dringend qualifizierte Fachkräfte gesucht. Nun seien die Chancen für Nachwuchsingenieure auf dem Arbeitsmarkt deutlich schlechter.
Für Neckarsulm hätte ein Produktionsende weitreichende Folgen. Das Werk prägt die Stadt seit Jahrzehnten. Hertwig warnt vor Belastungen für Familien, Handel, Gastronomie und Handwerk. Wirtschaftsexperten rechnen im Fall einer Schließung mit rund 50.000 gefährdeten Arbeitsplätzen in der Region. Etwa 1.000 Zulieferer hängen nach diesen Schätzungen an der Produktion in Neckarsulm.
Hohe Kosten belasten den Standort
Nach Angaben aus Konzernkreisen liegen die Fabrikkosten in Neckarsulm bei knapp 6.000 Euro pro Fahrzeug. Besonders wettbewerbsfähige europäische Werke kommen demnach auf etwa 3.000 Euro. Weil in Neckarsulm vor allem aufwendige Premiummodelle gebaut werden, lässt sich dieser Vergleich nicht eins zu eins übertragen. Bereinigt um Stückzahl und Fahrzeugklasse bleibt laut Konzernkreisen jedoch ein Kostennachteil von rund 2.000 Euro je Auto.
Im Werk entstehen unter anderem der Audi A5, A6, A8 und e-tron GT. Der Standort setzt bereits auf automatisierte Abläufe, fahrerlose Transportfahrzeuge und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Lackiererei. Dennoch sollen Prozesse und gewachsene Strukturen nun umfassend überprüft werden.
Betriebsrat fordert neues Elektro-Modell
Betriebsratschef Alexander Reinhart hält Einschnitte für unvermeidbar, um das Werk wettbewerbsfähiger zu machen. Auch bislang besonders geschützte Arbeitsbedingungen müssten zur Diskussion stehen. Zugleich fordert er ein elektrisches Volumenmodell als langfristige Perspektive für Neckarsulm.
Eine Umstellung auf Rüstungsproduktion nach dem Vorbild eines ehemaligen VW-Werks in Osnabrück sei derzeit kein Thema. Der Fokus liege klar auf dem Erhalt der Fahrzeugproduktion. Für Neckarsulm geht es damit nicht nur um Arbeitsplätze, sondern auch um die Identität einer Stadt, deren Geschichte mit dem früheren Autobauer NSU und Audi eng verbunden ist. [dpa/red]
Autor:dpa content aus Ludwigshafen |