Oversharing stoppen: So bleibt Scham nach Gesprächen aus
- Bevor es komische Blicke gibt: Vor dem Erzählen kurz prüfen, ob echtes Vertrauen schon da ist - oder ob man es gerade erzwingen will.
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Oversharing stoppen. Oversharing lässt sich oft vermeiden, wenn vor persönlichen Details kurz geprüft wird, ob bereits Vertrauen besteht oder vor allem innerer Druck raus soll.
Nach einem Gespräch mit einer neuen Kollegin, einem Bekannten oder einer fremden Person bleibt manchmal ein unangenehmes Gefühl zurück. Zu viel über Beziehungsprobleme, Sorgen oder sehr private Erfahrungen gesagt zu haben, kann Scham auslösen. Der praktische Nutzen liegt darin, das eigene Muster zu erkennen und Gespräche künftig so zu steuern, dass Nähe wachsen kann, ohne andere zu überfordern.
Mit Oversharing ist gemeint, übermäßig viele, sehr detaillierte oder sehr persönliche Informationen zu teilen. "Per se ist Oversharing eigentlich nicht schlimm, wenn ich darüber stehen könnte, dass Leute mich etwas komisch finden", sagt Ramón Schlemmbach, Psychologe und Coach aus Schwerin. "Sachen teilen, ehrlich und authentisch sein ist ja gut."
Oversharing dient oft dazu, Nähe oder Entlastung zu schaffen
Nach Einschätzung von Schlemmbach erfüllt Oversharing meist eine Funktion. Es kann ein unbewusster Versuch sein, Verbindung herzustellen. "Wenn ich zum Beispiel in der Kindheit die Erfahrung gemacht habe, dass meine Belange nicht wichtig sind, dann brauche ich dieses Gefühl, gesehen und gehört zu werden."
Auch Einsamkeit kann eine Rolle spielen, entweder aktuell oder durch frühere Erfahrungen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn sehr persönliche Informationen an Menschen gehen, mit denen noch keine tragfähige Beziehung besteht. Die neue Kollegin ist dafür ein typisches Beispiel.
Eine zweite Funktion ist Selbstregulation. Wer innerlich unter Druck steht, kann durch Reden kurzfristig Erleichterung erleben. "Ich plappere vor mir her, und wenn ich alles gesagt habe, geht es mir ein Stück besser", so der Psychologe.
Scham entsteht, wenn die erwartete Reaktion ausbleibt
Das unangenehme Gefühl nach dem Gespräch entsteht häufig nicht durch das Erzählen allein. Es kommt dazu, wenn die erhoffte Reaktion ausbleibt. Statt Anteilnahme, Interesse oder ähnlich offenem Austausch gibt es vielleicht irritierte Blicke, Rückzug oder gar keine Reaktion.
Das kann den Selbstwert treffen. Bei einmaligen Begegnungen fällt es oft leichter, die Reaktion anderer nicht zu stark zu bewerten. In festen Beziehungen oder im beruflichen Umfeld wiegt die Situation anders, weil die Beteiligten weiter miteinander zu tun haben.
Laut Schlemmbach kann Oversharing dort Beziehungen belasten, wenn unausgesprochene Grenzen überschritten werden. Auch für die betroffene Person selbst wird es anstrengend, wenn nach Gesprächen immer wieder das Gefühl bleibt, falsch oder zu viel gewesen zu sein.
Vor dem Erzählen hilft ein kurzer Beziehungscheck
Schlemmbach rät, sich im Gespräch bewusst etwas Zeit zu nehmen, bevor sehr persönliche Dinge ausgesprochen werden. Entscheidend ist die Frage, welche Funktion das Erzählen gerade erfüllen soll.
Hilfreich ist vor allem dieser innere Check:
- Besteht zu der Person bereits gewachsenes Vertrauen?
- Oder soll durch das Teilen erst Vertrauen hergestellt werden?
- Geht es um echten Austausch?
- Oder steht vor allem der Wunsch im Vordergrund, inneren Druck loszuwerden?
"Bevor ich etwas teile, würde ich die Beziehungsqualität überprüfen. Konkret: Hat die Person mein Vertrauen schon verdient oder versuche ich jetzt Vertrauen zu gewinnen mit dieser Aktion?" Echtes Vertrauen entsteht nicht sofort, sondern Schritt für Schritt durch gemeinsame Erfahrungen und vorsichtig geteilte persönliche Informationen.
Wenn es vor allem um Entlastung geht, kann ein anderer Weg passender sein. "Statt es jemandem zu erzählen, kann ich es etwa aufschreiben in einer Art Tagebuch", empfiehlt der Psychologe.
Praktisch bedeutet das: Persönliche Offenheit ist nicht das Problem, entscheidend sind Zeitpunkt, Gegenüber und Motiv des Gesprächs. dpa/red
Autor:Sarah Isele aus Mannheim-Nord |