Muskeldysmorphie erkennen: Warnzeichen bei zwanghaftem Training
- Muskeldysmorphie führt zu exzessivem Training, strikter Diät und hohem Leidensdruck.
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Muskeldysmorphie erkennen. Wenn Training zum Zwang wird und Alltag, Beziehungen oder Arbeit verdrängt, kann mehr dahinterstecken als ein ausgeprägter Fitness-Fokus. Entscheidend sind Warnzeichen wie eine verzerrte Körperwahrnehmung, innerer Trainingszwang und ein Leben, das sich immer stärker nur noch um Muskeln, Essen und Kontrolle dreht.
Vor allem Männer sind betroffen. Sie empfinden sich oft weiter als zu schmächtig, obwohl sie objektiv durchtrainiert sind. Roberto Olivardia, klinischer Psychologe am McLean Hospital und Dozent an der Harvard Medical School, beschreibt im Podcast "Speaking of Psychology" der American Psychological Association eine gestörte Körperwahrnehmung so: «Es gibt eine Art Körperbild-Verzerrung».
Auffällig ist auch, dass das Training nicht mehr aus Motivation oder Freude entsteht. «Viele der Männer, mit denen ich wegen Muskeldysmorphie arbeite, hassen es, ins Fitnessstudio zu gehen. Sie hassen das Training», sagt Olivardia. Fällt eine Einheit aus, kann das bei Betroffenen dennoch starke psychische Krisen auslösen.
Wenn Training den Alltag bestimmt
Mit der Störung wächst oft die gedankliche Fixierung auf Aussehen, Muskelaufbau und Ernährung. Das kann so weit gehen, dass andere Lebensbereiche in den Hintergrund geraten. Olivardia berichtet von Patienten, die wegen exzessiven Trainings ihren Job verloren haben, weil sie zu spät zur Arbeit erschienen oder früher gehen mussten. Auch Beziehungen können darunter leiden.
Typisch sind obsessive Gedanken und Zwangshandlungen. Dazu zählen unter anderem:
- exzessives Training
- ständiges Prüfen des Spiegelbilds
- häufiges Messen und Wiegen
- kontrollierendes Abmessen des Körperfetts
- eine stark eingeschränkte Ernährung
Besonders problematisch wird es, wenn Betroffene zu anabolen Steroiden oder fragwürdigen Nahrungsergänzungsmitteln greifen.
Die Störung ist behandlungsbedürftig
Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit ordnet Muskelsucht als ernstzunehmende Krankheit ein, wenn auffälliges Trainings- und Ernährungsverhalten länger anhält und den Alltag deutlich beeinträchtigt. Dann ist in der Regel professionelle Hilfe nötig.
Zentral ist meist eine Psychotherapie. Nach Angaben von Olivardia können mehrere Bausteine sinnvoll sein:
- Psychoedukation zu gesundem Training und realistischen Körperidealen
- kognitive Verhaltenstherapie
- Ansätze aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie
- Ernährungsberatung
- bei Bedarf Medikamente bei begleitenden Depressionen oder Angststörungen
- Paar- oder Familientherapie
Für Eltern sind Verhaltensänderungen wichtig
Da Muskeldysmorphie zunehmend auch junge Männer und Heranwachsende betrifft, spielen Eltern eine wichtige Rolle. Soziale Medien können den Druck durch unrealistische Körperbilder verstärken. Olivardia empfiehlt deshalb, offen über Vorbilder und Inhalte zu sprechen, statt Influencer sofort zu verbieten: "Erzähl mir, was dich an dieser Person anspricht."
Als Warnzeichen gelten unter anderem häufige und stark negative Kommentare über den eigenen Körper, sozialer Rückzug, lange Verbotslisten beim Essen oder die Einnahme zahlreicher Nahrungsergänzungsmittel. Einzelne Anzeichen sind gerade in der Pubertät nicht automatisch ein Alarmzeichen. Entscheidend ist, ob Häufigkeit, Intensität und die Einengung des Alltags zunehmen. So lässt sich Muskeldysmorphie eher als psychische Störung einordnen und nicht als bloßer Fitness-Tick. dpa/red
Autor:Sarah Isele aus Mannheim-Nord |