Storchenzug in Rheinland-Pfalz: Jungvögel starten riskante Reise
- Der Storch gehört vielerorts wieder ganz selbstverständlich zum Landschaftsbild. (Archivbild)
- Foto: Katja Sponholz/dpa
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Rheinland-Pfalz. Wer in Rheinland-Pfalz derzeit Störche am Himmel sieht, erlebt den Beginn einer riskanten Reise für viele Jungvögel. Nach einem guten Storchenjahr mit mehr als 700 gezählten Brutpaaren brechen die Tiere nun Richtung Süden auf. Für viele Jungstörche entscheidet sich in den kommenden Monaten, ob sie die erste große Lebensphase überstehen.
Nach ersten Einschätzungen der Aktion PfalzStorch fiel auch der Bruterfolg deutlich besser aus als in den beiden Vorjahren. Die Freude darüber bleibt aber gedämpft. „Mit dem Flug in den Süden startet für Jungstörche ein großes Abenteuer – aber eben auch eine Zeit mit erheblichen Gefahren“, sagt Simone Friedrich, die neue Leiterin des Storchenzentrums Bornheim.
Warum die Störche jetzt aufbrechen
Der Zeitpunkt des Aufbruchs hängt laut Friedrich weniger vom nahenden Herbst ab als vom Futterangebot. „Störche schauen nicht auf den Kalender und auch nicht auf das Thermometer“, erklärt sie. Entscheidend sei, ob Regenwürmer, Insekten und andere Beutetiere noch ausreichend zu finden sind.
Wenn die Nahrung im Spätsommer knapper wird, machen sich vor allem Jungstörche auf den Weg. Altvögel folgen häufig etwas später. Viele Tiere aus Rheinland-Pfalz nutzen die sogenannte Westroute. Sie führt über Frankreich und Spanien bis zur Straße von Gibraltar und weiter nach Nord- und Westafrika.
Rastplätze mit viel Nahrung sind unterwegs besonders wichtig. Dazu gehören Feuchtgebiete, Seen und bewässerte landwirtschaftliche Flächen. Problematisch wird es, wenn Störche auf Mülldeponien landen. Dort können Schnüre, Gummiringe und andere Abfälle zur Gefahr werden. „Sie fressen diese Dinge und verhungern anschließend trotz eines vollen Magens“, sagt Friedrich.
Sender zeigen Zugrouten und Gefahrenstellen
Rund 150 Jungstörche aus dem Umfeld der Aktion PfalzStorch wurden in diesem Jahr mit Beinsendern ausgestattet. Dadurch lassen sich die Wege vieler Tiere genauer verfolgen als früher. Herkömmliche Ringe liefern nur dann Hinweise, wenn ein Vogel tatsächlich abgelesen wird. Sender übermitteln dagegen regelmäßig Positionsdaten.
Die Fachleute können so Zugrouten nachvollziehen, Rastplätze erkennen und sehen, wo die Tiere Nahrung suchen. Das hilft auch dabei, gefährliche Orte besser zu verstehen. Besonders groß bleibt laut Friedrich die Gefahr durch ungesicherte Strommasten und Freileitungen.
Stromtod bleibt eines der größten Risiken
„Der Stromtod ist nach wie vor eines der größten Probleme“, sagt Friedrich. Hinzu kommen Kollisionen mit Verkehr, der Verlust geeigneter Lebensräume und regional auch Bejagung. Gerade das erste Jahr sei für Jungstörche eine enorme Herausforderung.
Die Zahlen zeigen, wie groß das Risiko ist. Nach Schätzungen erreichen rund 80 Prozent der erwachsenen Störche ein weiteres Jahr. Bei Jungvögeln können im ersten Lebensjahr etwa 60 Prozent verloren gehen. Wer diese kritische Phase übersteht, hat deutlich bessere Chancen.
Zu den wichtigsten Gefahren zählen:
- ungesicherte Strommasten und Freileitungen
- Abfälle auf Deponien wie Schnüre oder Gummiringe
- Kollisionen mit Verkehr
- Verlust von Feuchtgebieten und nahrungsreichen Wiesen
- regionale Bejagung auf Zugwegen
Bangen um Jungstorch Rocky aus Freinsheim
Ein Beispiel ist Rocky aus Freinsheim, dessen Aufwachsen im Sommer von Tausenden Tierfreunden über eine Storchenkamera verfolgt wurde. Das letzte Signal kam nach Angaben der Fachleute am 20. August aus der spanischen Provinz Saragossa am Fluss Ebro, rund 1.200 Kilometer entfernt.
Wolfgang Fiedler, Leiter der Zentrale für Tiermarkierungen in Radolfzell am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie, hält einen Stromschlag für möglich. Es könne beim Aufsuchen eines Schlafplatzes auf einem Mast passiert sein. Das sei zwar Spekulation. Die Chancen seien inzwischen aber nicht mehr sehr groß, dass der Vogel nur in einem Funkloch sitze und plötzlich wieder auftauche.
Am 22. September teilte die Aktion PfalzStorch mit, die Zahl der Verluste sei weiter gestiegen. Demnach sind es derzeit wohl 15 tote Jungstörche.
Gutes Jahr ist keine Garantie für die Zukunft
Wie viele der in Rheinland-Pfalz geschlüpften Jungstörche eines Tages zurückkehren, ist offen. Viele Jungvögel bleiben mehrere Jahre im Süden, bevor sie erstmals ein Brutrevier suchen.
Friedrich richtet den Blick deshalb auch auf die Bedingungen in Rheinland-Pfalz. „Wenn wir wollen, dass die Störche wiederkommen, müssen wir ihnen hier etwas bieten“, sagt sie. Entscheidend seien nahrungsreiche Wiesen- und Kulturlandschaften. Der Weißstorch sei mehr als nur eine einzelne geschützte Art. „Wo es dem Storch gut geht, geht es meistens auch vielen anderen Tieren und Pflanzen gut.“
Mehr als 700 Brutpaare sind damit eine erfreuliche Nachricht. Ein gutes Jahr reicht aber nicht aus, um Entwarnung zu geben. Für viele Jungstörche hat jetzt ein Wettlauf ums Überleben begonnen. [dpa/red]
Autor:dpa content aus Ludwigshafen |