Marcus Klein über das Ehrenamt: „Der Staat kann das nicht auffangen“

Der Landesweite Ehrenamtstag in Kaiserslautern rückte das bürgerschaftliche Engagement in den Mittelpunkt. Minister Marcus Klein spricht im Interview über die Zukunft des Ehrenamts in Rheinland-Pfalz | Foto: Ralf Vester
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Rheinland-Pfalz. Das letzte Augustwochenende stand in Kaiserslautern ganz im Zeichen des Ehrenamts. Neben Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) war auch sein Parteikollege Marcus Klein beim Landesweiten Ehrenamtstag am Sonntag, 30. August, vor Ort. Mit ihm als Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Sport, Ehrenamt und Medien und Chef der Staatskanzlei hat sich Wochenblatt-Redakteurin Monika Klein über das Ehrenamt an sich und die Situation der Engagierten unterhalten.

Für Marcus Klein ist das Ehrenamt ein unverzichtbarer Teil der Gesellschaft. Im Interview spricht er darüber, wie Rheinland-Pfalz das Engagement stärken will | Foto: Monika Klein
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??? Herr Minister, Rheinland-Pfalz gilt als Land des Ehrenamts. Mit knapp 1,5 Millionen Engagierten liegen wir bundesweit ganz vorne. Worauf führen Sie das zurück?

Marcus Klein: Das sind erst einmal die Rahmenbedingungen in Rheinland-Pfalz. Wir leben in einem Land, das ländlich strukturiert ist. Insbesondere im ländlichen Raum gibt es viele Menschen, die sich für die Gemeinschaft engagieren. Wir haben eine lebendige Vereinsstruktur mit vielen Kultur- und Sportvereinen in der Fläche und das animiert natürlich viele Leute, selbst mitzumachen und sich über alle Altersgrenzen hinweg zu engagieren.
Hinzu kommt der große Bereich der Freiwilligen Feuerwehren, in dem Menschen ehrenamtlich aktiv sind. Wir haben zudem ein vielfältiges Betätigungsfeld in der Kommunalpolitik mit ihren kleinräumigen Strukturen. Das ergibt dann eine stolze Quote von rund 40 Prozent.

??? Was würde passieren, wenn immer mehr Menschen ihr Ehrenamt aufgeben oder erst gar keines übernehmen?

Klein: Das würde bedeuten, dass es alles, was ich eben beschrieben habe, so wahrscheinlich nicht mehr geben würde. Es würde Training ausfallen, die Strukturen der Freiwilligen Feuerwehren wären so nicht mehr zu halten, die Kulturvereine könnten nicht mehr so vieles anbieten, wenn die Ehrenamtlichen nicht mehr dabei wären, die mitmachen und die das Ganze im Hintergrund organisieren. Der Staat, die öffentliche Hand, kann das nicht auffangen. Unsere Gemeinschaft lebt vom Ehrenamt und das ist ja letztlich auch der Grund, warum sich Menschen engagieren, weil sie sagen: Ich will hier mitmachen und mitgestalten. Und das ist auch richtig so.

??? Unsere Gesellschaft wäre ganz schön arm, wenn man sich vorstellt, dass das bürgerschaftliche Engagement zusammenbricht.

Klein: Das wäre nicht vorstellbar. Das sind gewachsene Strukturen in Deutschland und in Rheinland-Pfalz, gerade im ländlichen Bereich. Was wäre, wenn die letzten zwei Vereine im Ort aufgeben? Und deswegen finden sich ja – Gott sei Dank – immer wieder Menschen, die mitmachen möchten, weil ihnen der Verein wichtig ist. Es gibt ganz viele Traditionsvereine, zum Beispiel den Miesenbacher Ereignis- und Traditionsverein, der jetzt gerade die Kerwe ausgerichtet hat, damit die "Kerb" stattfindet, so wie man sie früher gewohnt war.

??? Dennoch sind ja viele Ehrenamtliche einfach gefrustet. Ein Grund dafür ist die überbordende Bürokratie.

Klein: Natürlich, die Bürokratie macht auch den Ehrenamtlichen in den Vereinen zu schaffen. Sie machen das ja neben ihrem oft schon fordernden Job in ihrer Freizeit und unbezahlt. Der Bürokratieabbau ist ein wichtiges Ziel der neuen Landesregierung; wir wollen übrigens nicht nur für Ehrenamtliche, sondern für alle Bürgerinnen und Bürger die Dinge einfacher machen und von Bürokratie entlasten. Wir sind als Landesregierung fest entschlossen, hier entscheidend voranzukommen. Das hilft dann natürlich allen, aber auch den Vereinen.
Es ist schlicht nicht mehr zeitgemäß, dass ein Verein, wenn er eine kleine Satzungsänderung hat, für eine Beglaubigung zu seiner Gemeinde muss, dass er die dann abholen und gefühlt mit berittenen Boten zum Vereinsregister bringen muss. Das muss einfacher gehen. Bei solchen Dingen kann auch mal eine E-Mail genügen. Andererseits müssen gewisse Dinge auch ihre Ordnung haben.
Auch Zuschussanträge und Fördermittel sind ein Thema. Es gibt viele Vereine, die froh sind, wenn sie einen kleinen Zuschuss kriegen. Ich kenne aber auch Vereine, die sagen, für 250 Euro Zuschuss ist uns dieser Arbeitsaufwand zu hoch. Auch das muss einfach besser werden. Aber ich glaube, das haben wir an allen Stellen erkannt. Das gilt nicht nur, aber auch fürs Ehrenamt.

??? Gibt es einen konkreten Zeitplan für die Umsetzung?

Klein: Die neue Landesregierung ist erst gut 100 Tage im Amt und es ist hier ein dickes Brett zu bohren. Wir haben zunächst im Ministerrat festgelegt, dass wir auf die Schriftformerfordernis, auf das Vorlegen von Kopien für Eintragungen, auf Beglaubigungen und Nachweispflichten für Förderungen unter einem Betrag x und auf das nochmalige schriftliche Dokumentieren, was man mit dem Geld genau gemacht hat, verzichten wollen. Das ist ein umfangreicher Maßnahmenkatalog, aber wir sind auf dem Weg. 

??? Eine andere Baustelle ist die Sache mit den Gema-Gebühren.

Klein: Ja, auch darüber klagen die Vereine. Es muss ein Antrag gestellt werden, dann wird man gefragt, wie groß die Fläche ist und muss sie berechnen und so weiter. Die Gema hat ihren Zweck, sie vertritt die Künstlerinnen und Künstler, damit sie ihre Gage bekommen. Wir haben uns im Koalitionsvertrag vorgenommen, den Prozess einfacher zu gestalten, wie es auch andere Bundesländer schon zeigen. Das heißt, wir machen als Land einen Rahmenvertrag mit der Gema und dann sind nicht alle Veranstaltungen, aber viele von der Gema-Gebühr ausgenommen, und zwar solche, die unterhalb von 500 Quadratmetern Veranstaltungsfläche ohne Gewinnerzielungsabsicht durchgeführt werden. Das heißt in der Regel, dass kein Eintritt verlangt wird. Da geht man dann auf eine zentrale Plattform, gibt den Namen des Vereins und den Tag der Veranstaltung ein. Damit sind alle Kriterien erfüllt. Das Land entlastet damit die Vereine.

??? Wie sieht es mit der Ehrenamtskarte aus, die freiwilliges Engagement würdigen soll? Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit sie für Ehrenamtliche tatsächlich einen spürbaren Mehrwert bietet?

Klein: In den letzten Wochen habe ich die Ehrenamtskarte mit einem Schreiben an alle Kommunen, die noch nicht dabei sind, aber auch an viele Einrichtungen, die bislang noch keine Partner der Karte sind, beworben. Einige haben daraufhin schon ihr Interesse bekundet. Damit soll die Karte zum einen attraktiver werden. Zum anderen geht es aber auch um die grenzüberschreitende Anerkennung. Gerade bei uns in der Region wäre es gut, wenn man die Karte auch im Saarland einsetzen könnte, da gibt es auch eine Ehrenamtskarte. Wir sind auf das Saarland, auf Baden-Württemberg und Hessen zugegangen, Nordrhein-Westfalen ist auf uns zugekommen. Bislang gab es nur positive Rückmeldungen. Mit der gegenseitigen Anerkennung verbessert sich automatisch auch das Angebot und die Einsatzmöglichkeiten der Ehrenamtskarte.

??? Beklagt wird oft auch fehlender Nachwuchs. Was würden Sie einem jungen Menschen sagen, der überlegt, sich ehrenamtlich zu engagieren, aber sagt: "Dafür habe ich eigentlich keine Zeit."?

Klein: Wir haben ganz viele junge Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, aber im mittleren Altersbereich entsteht oft eine Lücke. Junge Menschen sind engagiert, dann kommt eine Phase, in der sie studieren, eine Ausbildung machen, dann vielleicht eine Familie gründen und das Engagement wieder nachlässt. Das ist bei vielen so, aber es kommt dann oft auch wieder. Es gibt dann aber auch die Möglichkeit, mit flexiblen Modellen zu arbeiten. Das machen ja auch viele Vereine schon, sie teilen sich zum Beispiel die Vorstandsposition auf. Jeder hat seine Zuständigkeiten und jeder hat ein bisschen weniger Verantwortung zu tragen. Dann ist das auch für junge Leute besser zu stemmen und attraktiver.
Jungen Leuten würde ich immer sagen: Denkt daran, ihr habt selbst im Fußballverein gespielt, ihr habt selbst in der Theatergruppe mitgespielt oder wart bei den Pfadfindern aktiv und jetzt könnt ihr anderen etwas zurückgeben. Das gibt einem selbst ja auch sehr viel. Es ist eine große Befriedigung, wenn man sich einbringt – und letztlich haben wir alle etwas davon. 

??? Welches Ehrenamt wäre etwas für Sie?

Klein: Ich bin Mitglied in vielen Vereinen und auch ehrenamtlich engagiert. Was wirklich mein Herzensthema ist, ist das Hospiz in Landstuhl. Da haben wir eine ganz tolle, engagierte Vorstandschaft. Wenn man sieht, für was man das macht, auch wenn ich nur im Hintergrund tätig bin, dann denke ich mir: Das ist richtig.

??? Wie soll das Ehrenamt in Rheinland-Pfalz in zehn Jahren aussehen und was müssen wir heute dafür tun?

Klein: Ich wünsche mir, dass wir mit den Maßnahmen zur Entlastung und zur Attraktivitätssteigerung der Ehrenamtskarte, mit der Werbung für das Ehrenamt, mit den Erleichterungen wie zum Beispiel bei den Gema-Gebühren noch mehr Menschen dafür begeistern können, sich ehrenamtlich zu engagieren. Die allermeisten Menschen engagieren sich, weil sie selbst sehen, ja, das bringt was. Beim Landesweiten Ehrenamtstag in Kaiserslautern konnte man erleben, wie bunt und vielfältig das Engagement in unserem Land ist: Feuerwehr, Selbsthilfe, THW, Sportverbände, Kultur und vieles mehr. Das gäbe es alles nicht, wenn es die Ehrenamtlichen nicht gäbe. Sie brennen für ihre Sache. Da ist eine Wertschätzung ganz wichtig, das kommt tausendfach zurück.

Zur Person

Marcus Klein (49) ist seit Mai 2026 Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Sport, Ehrenamt und Medien sowie Chef der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz. Der CDU-Politiker wurde 1976 in Kaiserslautern geboren und wuchs in Ramstein auf. Der Jurist gehört seit 2019 erneut dem rheinland-pfälzischen Landtag an. lmo

Der Landesweite Ehrenamtstag in Kaiserslautern rückte das bürgerschaftliche Engagement in den Mittelpunkt. Minister Marcus Klein spricht im Interview über die Zukunft des Ehrenamts in Rheinland-Pfalz | Foto: Ralf Vester
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Autor:

Monika Klein aus Kaiserslautern

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