Entführung in Besigheim: Angeklagter belastet Ex-Chef
- Mit Handschellen wurden die beiden Angeklagten in den Gerichtssall geführt.
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Heilbronn. Für Beschäftigte und Arbeitgeber rückt der Prozess die Grenze zwischen Arbeitskonflikt und Strafrecht in den Fokus: Vor dem Landgericht Heilbronn hat der Prozess gegen zwei frühere Mitarbeiter begonnen, die ihren Ex-Chef in Besigheim entführt, erpresst und ausgeraubt haben sollen.
Die Angeklagten sind 22 und 24 Jahre alt. Nach Angaben des Gerichts sitzen beide seit Anfang April in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, den 28 Jahre alten früheren Geschäftsführer Mitte März über mehrere Stunden gefesselt im Kofferraum seines Autos festgehalten zu haben.
Opfer soll zur Herausgabe von Passwörtern gezwungen worden sein
Nach Darstellung der Anklage lauerten die Männer ihrem Ex-Chef in einem Gewerbegebiet in Besigheim im Landkreis Ludwigsburg auf. Sie sollen ihn mit Kabelbindern gefesselt und ihm einen Jutebeutel über den Kopf gezogen haben. Anschließend sollen sie mit ihm im Kofferraum mehrere Stunden unterwegs gewesen sein.
Unter Androhung von Gewalt habe der 28-Jährige Passwörter für Laptop, Mobiltelefone und Bankkarten genannt. Danach sollen die Angeklagten online Waren im Wert von mehr als 87.000 Euro bestellt und Bargeld abgehoben haben. In der Wohnung des Geschädigten soll einer der Angeklagten ihm eine Schreckschusspistole an den Kopf gehalten und gedroht haben, ihn umzubringen. Die Staatsanwaltschaft zitierte die Drohung mit den Worten: „Wenn du einen Murks machst, kill ich dich".
Radfahrerin half dem verletzten Mann
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ließen die Angeklagten den Mann erst am Morgen danach an einem Feldweg bei Steinheim an der Murr zurück. Er hatte Verletzungen im Gesicht, an Brust und Rücken sowie an Händen und Füßen. Eine zufällig vorbeikommende Radfahrerin half ihm, die Polizei zu alarmieren. Anfang April wurden die beiden Verdächtigen bei einem SEK-Einsatz festgenommen.
Zudem sollen die Angeklagten den 28-Jährigen gezwungen haben, vor einer Kamera falsche und schwer belastende Aussagen über angebliche sexuelle Neigungen zu machen. Welche Teile der Anklage sich im Verfahren bestätigen lassen, muss das Landgericht klären.
Angeklagter erhebt Vorwürfe gegen früheren Chef
Zum Prozessauftakt schilderte der ältere Angeklagte ein aus seiner Sicht belastendes Arbeitsumfeld. Er sagte, Mitarbeiter hätten lange Arbeitszeiten ohne Pausen hinnehmen müssen. Versprochene Gehälter, Provisionen und Boni seien nicht ausgezahlt worden. Kollegen seien bei ausbleibender Leistung „vor versammelter Mannschaft niedergemacht" worden.
Er sei zunächst sehr froh über den Job im Unternehmen des Geschädigten gewesen, sagte der 24-Jährige. Sein Eindruck habe sich jedoch schnell verschlechtert. Nach eigener Darstellung blieb er nach der fristlosen Kündigung trotz mehrerer rechtlicher Schritte auf mehr als 10.000 Euro sitzen, die ihm zugestanden hätten.
Der jüngere Angeklagte äußerte sich vor Gericht nicht näher zu seiner Zeit in der Firma. Der 24-Jährige sagte, das Leid über die Arbeitsbedingungen habe beide zusammengeschweißt. Auf den Vorhalt des Staatsanwalts, sie hätten sich Geld mit der Tat „zurückgeholt" haben wollen, antwortete er, das wolle er „zumindest nicht verneinen". Für beide Angeklagte gilt bis zu einer möglichen Verurteilung die Unschuldsvermutung. [dpa/red]
Autor:dpa content aus Ludwigshafen |