LandFrau Beate Schnur und die „Tolle Knolle“
Das "Hohelied" auf die Kartoffel gesungen

Ein eingespieltes Team: Beate Schnur und ihr Neffe Simon in der Küche des Klosterhofes. Foto: Kling
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Pirmasens/Südwestpfalz. Sie ist eine Edelknolle, der Joachim Ringelnatz ein Gedicht gewidmet hat, zählt weltweit zu den wichtigsten Nahrungsmitteln, hat einige (rund 13.000) Jährchen auf dem sandigen Buckel und schmeckt in vielen Variationen zubereitet. In der Südwestpfalz, die noch heute landwirtschaftlich geprägt ist, „herrscht“ sie über ein eigenes Reich: „Die Sickinger Höhe wird als Kartoffelland bezeichnet. Ihre touristische Attraktion ist der Grumbeeremarkt, der alle zwei Jahre stattfindet“, sagt Beate Schnur, die Vorsitzende des LandFrauen-Kreisverbandes Südwestpfalz und Küchenleiterin auf dem Klosterhof des Nardinihauses in Pirmasens.Bald schon werden landauf, landab die fertig gegarten Erdknollen aus der heißen Glut geholt, wo sie mit regionalen Spezialitäten wie „Weißer Kees“, „Läwwer- und Blutworschd“ oder mit deftigem Heringssalat direkt an der Feuerstelle verzehrt werden. Wenn sich die ersten kühlen Tage als Vorboten des Herbstes einstellen, gehört das traditionelle „Grumbeerebrode“ zu den festen Terminen, wie Ostern und Weihnachten. Damit wird einem Grundnahrungsmittel der Menschen Tribut gezollt. In seinem Gedicht „Abschiedsworte an Pellka“ nennt Ringelnatz die Kartoffel „Du Gipfel meines Entzückens, du Ausgekochte, du Vielgequälte … Du bist so ein rührend junges Blut. Deshalb schmeckst du besonders gut“.
Sie mundet nicht nur, Beate Schnur schätzt auch die unzähligen Möglichkeiten der Zubereitung. Ob als Gericht aus Omas Kochbuch oder als Zutat in der gehobenen Küche, die Kartoffel macht immer eine gute Figur. Dabei hat sie ein reiches Innenleben: „Sie besteht zwischen 75 und 80 Prozent aus Wasser und besitzt fast 30 Prozent Stärke, die Energie liefert“, erklärt Beate Schnur. Hinzu kommt Eiweiß für den Muskelaufbau sowie wertvolle Mineralstoffe und Vitamine. Waren in früheren Zeiten die Hausfrauen sehr erfinderisch, bei der Verwertung der tollen Knolle, schätzen Gourmets heute die Wandlungsfähigkeit der Bodenfrucht. Als Püree, Salz-, Pell- und Bratkartoffeln, Gratin oder Pommes fungiert sie als Beilage. Alleine oder in Kombination mit Gemüse bietet sie cremige Suppenvariationen, die gerne mit Schmand und Forellenkaviar gekrönt werden. Deftige Leibspeisen sind „Hoorische mit Specksoße“ oder „Grumbeerepannekuche mit Abbelbrei“. Danach einen selbst gebrannten Kartoffelschnaps, der sowohl von innen, als auch von außen (bei Wunden als Desinfektion) wirkt.
Als LandFrauen-Verein wolle man über den Tellerrand blicken, so die Vorsitzende. Deshalb stand auch ein Kochkurs auf dem Programm, der ganz neue Einblicke gab. Zubereitet wurden unter anderem: Violette Creme (aus einer der zahlreichen Züchtungen) mit Räucherlachstatar, Kartoffelpralinen, Mohnknödel mit Fruchtspiegel, Kartoffel-Zimt-Marmelade, eine Paste mit Knoblauch und Kartoffeln, aber auch ein Dressing mit dem Namen „Wilde Hilde“, das verfeinert mit Walnüssen und ausgelassenen Speckwürfeln gut zu Feld- oder Endiviensalat passt.
Ein großes Anliegen sei es, Kindern und Jugendlichen in Sachen „Gesunde Ernährung“ auf die Sprünge zu helfen. In vielen Familien werden die Mahlzeiten nicht mehr selbst zubereitet, was auch der permanenten Werbung und dem großen Einfluss der Medien auf die Verbraucher geschuldet sei, sagt Beate Schnur. „Da kommt es schon mal vor, dass Schüler meinen, die Milch kommt von der Lila Kuh“, bedauert die ausgebildete Wirtschaftsleiterin. In ländlichen Gegenden wie etwa Bottenbach (ihre Heimatgemeinde) gibt es noch viele Menschen, die im heimischen Garten Gemüse, Obst und Salat selbst anbauen: „Die Kinder wissen hier ganz genau, wie beispielsweise Kartoffeln ausgemacht werden“. Das Anpflanzen der eigenen Lebensmittel sei in der Stadt dagegen schwieriger, „deshalb gehen wir öfter auch in Schulen und bringen dem Nachwuchs bei, was gesunde Ernährung bedeutet“. Beate Schnur würde sich wünschen, dass diese Thematik als Unterrichtsfach in Grundschulen eingeführt wird.
Sie selbst greift dieses Thema nun auf und führt in Kooperation mit dem Kreisjugendamt im Rahmen einer Ferienaktion in Bottenbach am 26. Juli den Workshop „Tolle Knolle“ durch.
Kinder essen nicht nur gerne die Kartoffelgerichte, die Beate Schnur als Küchenleiterin auf dem Klosterhof zaubert, „einige wollen auch immer wieder mal reinschnuppern“. Derzeit wird sie unterstützt von ihrem 12jährigen Neffen Simon, der später „entweder Fußballer oder Koch“ werden will. Zu seinen Leibspeisen zählt Püree mit Bratwurst oder Schnitzel sowie „Gequellte mit Weißem Kees“.
Mit der Kartoffel verbinden viele Menschen auch den Begriff „Heimat“ oder „Landküche“. In diesem Zusammenhang machen sich die LandFrauen stark, regionale Erzeuger zu unterstützen. Natürlich bekomme man in jedem Discounter gute Ware, doch schmecken Produkte, die direkt vor der Haustür wachsen, einfach besser. „Wir haben uns zudem auf die Fahne geschrieben, Lebensmittel wieder mehr zu wertschätzen“, betont Beate Schnur. In Zeiten einer immer größer werdenden Wegwerfgesellschaft werden viele zu viele Nahrungsmittel einfach entsorgt: „Das ist oftmals Verschwendung“, beklagt die LandFrau.
Deshalb begrüßt sie Aktionen, wie die der Dorfgemeinschaft Bottenbach. Sie hatte vom Bergwieserhof ein Stück Land zur Verfügung gestellt bekommen, wo die Mitglieder Kartoffeln anbauten. Beim „Tag der offenen Höfe“ durften dann die Besucher die Erdäpfel selbst ausmachen. Das weckt ein neues Bewusstsein für ein Grundnahrungsmittel, das nicht nur hochwertig und vielseitig in seiner Zubereitungsform, sondern auch preiswert ist. „Die Kartoffel ist eben eine tolle Knolle“, sagt Beate Schnur. (ak)

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