"Kanakenkind": Luigi Toscano über Rassismus, Erinnerung und den Kampf gegen Hass

Ausstellung "Gegen das Vergessen" am Wasserturm Mannheim - hier das Porträt von Margot Friedländer, die während der Ausstellung verstarb. | Foto: Luigi Toscano
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  • Ausstellung "Gegen das Vergessen" am Wasserturm Mannheim - hier das Porträt von Margot Friedländer, die während der Ausstellung verstarb.
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Mannheim. Der Tatsachenroman "Kanakenkind" des Mannheimer Fotografen Luigi Toscano erscheint am 16. März 2026 im Herder Verlag. Er verbindet darin seine eigene Biografie mit der Geschichte von Anna Iwanowa, einer Holocaust-Überlebenden, deren Schicksal zentral für seine Ausstellungen wurde.

Als Kind wurde Luigi Toscano als „Kanakenkind“ beschimpft. Gewalt und das Leben auf der Straße prägten ihn – bis er in der Fotografie seine Berufung fand. Heute lebt er in Mannheim und wurde mit seinem Projekt „Gegen das Vergessen“ international bekannt: Toscano porträtierte mehr als 600 Holocaust-Überlebende und zeigte ihre Bilder weltweit – als Mahnung gegen Hass und das Vergessen. Für sein Engagement erhielt er 2021 die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland, die er 2025 aus Protest gegen eine CDU-AfD-Abstimmung zur Migrationspolitik zurückgab. 

Im Interview spricht er über Herkunft, Schmerz und seine Überzeugung, dass Erinnerung eine Aufgabe für die Gegenwart bleibt.

„Kanakenkind“ – das ist eine abwertende, rassistische Beleidigung. Warum war Ihnen dieser Titel wichtig?

Luigi Toscano: Es ist natürlich eine Provokation. Letztendlich bin ich – das ist Fakt – damit beschimpft und verhöhnt worden. Auch bei Gleichgesinnten macht sich in Gruppen so ein Begriff schnell selbstständig. Da sagt man untereinander „wo ist der andere Kanake“. Der Begriff ist beleidigend. Aber ich habe das Recht, es so zu benennen. Ich bin großer Fan davon, die Dinge direkt zu benennen, wie sie sind. Der Verlag hatte Zweifel, aber ich bin sehr froh, dass wir es geschafft haben, den Titel so zu platzieren.

Sie schildern in Ihrem Buch Gewalt und Vernachlässigung, ein Leben auf der Straße, Drogenexzesse. Wann haben Sie gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann?

Luigi Toscano: Mehrere Menschen waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Eine dieser Personen war eine Krankenschwester. Im Krankenhaus ist man mit Junkies sehr schlecht umgegangen, Junkies waren nicht gerne gesehen. Diese Krankenschwester hatte keine Vorurteile, sie war freundlich. Sie hat mich rasiert und mir regelrecht den Spiegel vor die Augen gehalten. Sie hat gesagt „Schauen Sie mal, Herr Toscano, wie schön ich Sie rasiert habe.“ In dem Moment habe ich in den Spiegel geschaut, mich erkannt und bin total erschrocken. Mir war klar, dass es vorbei ist, wenn ich so weiter mache. Mir war klar, dass ich dann sterben würde.

Fotografie als Rettung: Erinnern Sie sich an etwas, bei dem Sie gespürt haben: Das ist mein Weg?

Luigi Toscano: Es hat sich bei mir einfach eine Leidenschaft für Fotografie entwickelt, die mich dazu bewegt hat, weiterzumachen. Die Fotografie ist ein wunderbares Werkzeug, um eine Verbindung zu meinem Inneren zu schaffen. Sie ist ein Ventil dafür, meine Ideen sichtbar zu machen – und ich habe ganz viele Ideen. Dabei man muss man sich ausprobieren, auch heute noch probiere ich vieles aus, es ist ein ständiger Prozess, die Ideen aus dem Kopf in das Reale umzusetzen.

Was bedeutet es für Sie heute, Sohn sizilianischer Einwanderer zu sein – und wie hat sich dieses Gefühl über die Jahre verändert?

Luigi Toscano: Es kommen immer wieder andere Menschen in unserer Gesellschaft an. In meiner Generation waren es überwiegend Italos, Jugos, Griechen – irgendwann kamen die Türken dazu und später andere Nationalitäten. Natürlich verändert sich etwas. Die älteren Kanaken etablieren sich mehr, die neuen fangen an, anzukommen mit dem, was ihnen zur Verfügung gestellt wird. Ich denke, es wäre fatal, wenn ich denken würde, ich bin die zweite Generation und habe dadurch irgendwelche Hierarchieansprüche gegenüber denen, die jetzt beispielsweise aus Syrien kommen. Ich mache das nicht.

Was ich so satt habe, ist das Gesamtthema Migration. Es wird auf unserem Rücken ausgetragen. Vieles hat sich bewegt. Aber oft heißt es immer noch „der Sohn eines sizilianischen Einwanderers“. Wir haben 2026 – und wir reiben uns die Augen, dass wir einen „türkischen“ Ministerpräsident bekommen werden. Das hätte schon viel früher stattfinden können. Und schön wäre es, das Gefühl zu geben „Du bist einer von uns, Du bist auch Deutscher“. Da müssen wir die Ansätze suchen, auf dieser Ebene müssen wir die sogenannte Integration stattfinden lassen.

Sie kämpfen als Fotograf der Holocaust Überlebenden gegen das Vergessen. Was heißt „Gegen das Vergessen“ heute – in einer Zeit von wachsendem Hass und Verrohung?

Luigi Toscano: Ich denke, wir wissen, wo wir uns gerade befinden, als Menschen, als Gesellschaft. Wir schlittern gerade auf etwas zu, das sich dem sehr ähnelt, was in der Vergangenheit stattgefunden hat. Eine Holocaustüberlebende hat mir einmal ein Zitat gesagt: „Wenn wir die Vergangenheit vergessen, sind wir dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Das ist das, was gerade stattfindet. Wir machen immer wieder den gleichen Fehler und erwarten ein anderes Ergebnis. Das ist dumm irgendwie. Wann endlich begreifen wir, aus den Fehlern zu lernen und es richtig zu machen? Es verändert sich viel in der Welt, Technik, Wissenschaft - aber wir machen immer noch den gleichen Fehler.

Klar, der Holocaust war im neuen Zeitalter das Schlimmste, was es gegeben hat. Schaut man in die Geschichte zurück, gab es da auch immer nur Krieg und Verderben. Wie viele unschuldige Menschen daran sterben müssen. Das ist Wahnsinn, das ist verrückt. Gerade jetzt im Moment schlagen Raketen ein, Menschen und Kinder sterben. Ich frage mich immer: Für was?

Ich arbeite seit zehn Jahren an dem Projekt. Bei den Erzählungen der Überlebenden sind die Geschichten individuell, aber im Endeffekt immer dasselbe. Sie sollten sterben, weil sie jüdisch waren, weil sie homosexuell waren, weil sie eine andere politische Meinung hatten.

Die AfD kommt an die Macht, indem sie manipuliert und die Menschen sind so doof und lassen sich darauf ein. Sie machen sich mitschuldig. Und wenn alles kaputt und zerstört ist, dann will es keiner gewesen sein. Die Bilder sollen sagen „seht her, was passiert, wenn wir denen die Macht geben“. Es ist die Aufgabe der Menschen, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Wir dürfen die Verantwortung nicht abgeben. Ich übernehme die Verantwortung, indem ich aktiv etwas tue.

Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen und Leser nach der letzten Seite mitnehmen – als Gefühl, als Gedanke, als Auftrag?

Luigi Toscano: Ich kann mit meiner Geschichte nur inspirieren und es liegt an dem Leser selbst, wie er damit umgehen möchte. Natürlich hoffe ich insgeheim, dass vielleicht der ein oder andere sich besinnt, seine Sinne schärft und sich geraderückt, um Haltung einzunehmen. Und vielleicht auch an der ein oder anderen Stelle aktiv wird.

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Autor:

Charlotte Basaric-Steinhübl aus Ludwigshafen

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