Antiziganismus – Ein Spannungsfeld zwischen Vorurteil und Wirklichkeit

Daniel Strauß, seit 1995 Vorsitzender des Landesverband Deutscher Sinti und Roma Baden- Württemberg, war am  10. Oktober bei der Premiere des Kurzfilms „Zigeuner-Boxer“, von Annette Dorothea Weber, mit anschließender Antiziganismus-Diskussion zu Gast. Er diskutierte mit Elisabeta Jonuz von der Hochschule Hannover unter anderem über die historische Kontinuität des Antiziganismus.

Die Veranstaltung wurde vom COMMUNITYartCENTERmannheim in Zusammenarbeit mit RomnoKher und dem Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg e.V. im Rahmen der einander.Aktionstage 2020 organisiert und durchgeführt.

Antiziganismus und was dahinter streckt

„Es wird noch lange dauern, bis die tatsächliche Gleichstellung erreicht ist. Mir reicht es schon, wenn das Recht auf meiner Seite ist“, sagt Daniel Strauß, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg (VDSR).

Eigene Erfahrungen mit Antiziganismus als Schulkind und sein Gerechtigkeitssinn trieben ihn an. Mittlerweile engagiert sich Strauß seit fast 40 Jahren für die Gleichstellung der Sinti und Roma in Deutschland. Zu Beginn war sein Engagement für ihn eher ein Ehrenamt, bis er dann sein Ehrenamt 1987 zum Beruf machte.

„Zunächst muss man wissen, dass Antiziganismus das größte Problem ist, das die gleichberechtigte Teilhabe von Sinti und Roma in Europa verhindert. Antiziganismus ist ein Problem der Mehrheitsgesellschaft. Sie stellt sich darunter ein festgesetztes Bild des sogenannten Zigeuners vor, dass sich auf die Minderheit auflegt und darunter quasi erstickt“, erklärt der Vorsitzende des VDSR im Interview. Durch dieses festgesetzte Bild kann man nicht mehr als Individuum existieren. In den Augen der Gesellschaft ist man kein*e Sinti, kein*e Roma, kein*e Kale, kein*e Manusch, sondern ein* stereotypische*r Zigeuner*in. Das sieht Strauß als ein Problem der Mehrheitsgesellschaft. Man existiert nicht als Mensch, sondern als psychologisches Konstrukt. Mit Blick auf die romantischen und böswilligen Bilder in der Gesellschaft fasst Herr Strauß das abschließend in einem Statement zusammen: „Den Zigeuner als solchen gibt es nicht!“

Menschen mit romanessprachigem Hintergrund sind seit über 600 Jahren im deutschsprachigen Raum zu Hause. Noch immer sind sie die Außenstehenden, die Besonderen, die Fremden und die, die gemieden werden. Laut Strauß kann man im zeitlichen Verlauf verschiedene Arten des Antiziganismus ausmachen, jedoch ist die Urform der religiöse Antiziganismus. Martin Luther hat in seiner Schmähschrift über die Juden, gefordert, Juden*Jüdinnen mit Sinti und Roma gleichzusetzen. Letztere waren damals vogelfrei. Aus diesem Antiziganismus sind traditionelle Antiziganismen entstanden, die bis heute im allgemeinen Verständnis des Antiziganismus vorherrschend sind.

Durch den gesellschaftlichen Antiziganismus haben sich Zigeunerbilder festgesetzt, die Sinti und Roma den Alltag erschweren: So wollen über 50 Prozent der Mehrheitsgesellschaft Sinti und Roma nicht als ihre Nachbarn. Das erschwert zusätzlich ihre Wohnungssuche. Fernab der Gleichbehandlung müssen sie für „gute“ Wohnungen teilweise sogar ihre Identität verbergen. Zwischen 30 und 35 Prozent der Sinti und Roma in Baden-Württemberg leben daher in sozialen Brennpunkten, obwohl sie es aus wirtschaftlichen und beruflichen Gründen nicht nötig hätten. Die Ablehnung als Nachbarn reicht mitunter bis zur Vertreibung.


Von Vertreibung, Vorurteilen und Solidarisierung

Ein Schild, sinngemäß mit der Aufschrift: „An diesem Ort seid ihr nicht willkommen. Dellmensingen bleibt deutsch.“ Böller. Verwester Schwan. Antiziganistischer Brandanschlag, mit einem klaren Motiv der Vertreibung der dort urlaubenden Roma. Im Mai 2019 sind fünf junge Neonazis in der Nähe von Erbach-Dellmensingen, bei Ulm, fremdenfeindlich und antiziganistisch gegen eine Gruppe von 45 Personen vorgegangen. Im September 2020 wurden die jungen Männer entsprechend verurteilt: Fremdenfeindliches Motiv zur Vertreibung der Sinti und Roma. Keiner hatte im Vorfeld persönlichen Kontakt mit seinen Opfern. Kein Streit. Keine Beleidigungen. Ein rechtmäßiger Mietvertrag des Grundstücks. Allein die Nachbarschaft hat ausgereicht, um die Taten zu begehen.

„Zigeuner“-Sauce war gestern, seit August 2020 nennen Knorr und Unilever ihre Sauce „Paprikasauce Ungarische Art“. Der VDSR sieht in der Umbenennung der Sauce nicht als Hauptproblem, jedoch sind sie dankbar, dass Knorr und Unilever freiwillig ihrem Produkt einen neuen Namen gegeben haben. „Das haben hier Unilever und Knorr vorbildlich gemacht und es ist sicherlich zur Nachahmung empfohlen“, so Strauß. Schließlich soll mit Vorurteilen kein Geld verdient werden.

Die Rassismus-Debatte um die „Black-Lives-Matter“-Bewegung hat uns auch in Deutschland wieder vor Augen geführt, dass gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit ein großes Problem in unserer Gesellschaft ist. Eine Menschenfeindlichkeit, die sich prinzipiell gegen alle wenden kann. Wir müssen zusammen gegen den Rassismus vorgehen. Keine Toleranz bieten, damit man friedlich zusammenleben kann.


Kulturförderung und Kulturerhalt durch den VDSR

Der VDSR vertritt ungefähr 12 Tausend deutschstämmige Sinti und Roma als Mitglieder. Ebenfalls sind in Baden-Württemberg noch eine unbekannte Zahl an weiteren romanessprachigen Gruppen vertreten. Neben sozialen und Antidiskriminierungseinrichtungen setzt der Landesverband Baden-Württemberg seinen Schwerpunkt im Bereich Bildung und Kulturförderung. Neben dem Kulturhaus RomnoKher wurde unter der Leitung von Herrn Strauß 2013 der erste Staatsvertrag zwischen dem VDSR und dem Land Baden-Württemberg geschlossen. Als erstes Bundesland.

RomnoKher ist ein Wort in Romanes für Kulturhaus. Daher setzt es sich für die Förderung des Kulturerhalts der Sinti und Roma ein. Ebenfalls unterstützt diese Institution deutschlandweit andere Kulturhäuser und Einrichtungen mit ähnlichen Zielen: „Die Kultur und Identität der Sinti und Roma zu erhalten sowie den Dialog mit der Mehrheitsgesellschaft zu stärken“, fasst sie Daniel Strauß kurz zusammen. Das Mannheimer RomnoKher hat sich darüber hinaus zur Aufgabe gemacht deutschland- und europaweit viele romanessprachigen Organisationen und Initiativen zu vernetzen und bei Projekten zu unterstützen. Das Theaterstück „Zigeuner-Boxer“ war schon im RomnoKher vertreten. Jetzt auch der Kurzfilm, den Sie sich hier auf YouTube anschauen können.

Der Staatsvertrag des VDSR Baden-Württemberg ist im Prinzip ein Landesgesetz. 2018 wurde er auf 15 Jahre erneuert. In diesem Gesetz wurden Mittel festgelegt, die gegen den Antiziganismus wirken und tatsächliche Gleichheit der Sinti und Roma gegenüber den Einwohner*innen Baden-Württembergs fördern sollen. In den Bereichen Wohnen, Bildung, Soziales und Wirtschaft werden die größten Probleme gesehen, die mithilfe des Rates für Angelegenheiten der Sinti und Roma angegangen werden sollen. Dieser Rat ist paritätisch besetzt: Sechs Vertreter*innen der Sinti und Roma treffen sich regelmäßig mit sechs Vertreter*innen aus der Landesregierung, dem Landtag sowie den kommunalen Spitzenverbänden.

Der VDSR ist auch dieses Jahr wieder mehrfach als Veranstalter der einander.Aktionstage vertreten. „Mir gefällt natürlich besonders die Gemeinschaft, dass man sich gemeinsam den Themen widmet“, so Strauß. Er findet das besonders, da durch die Gemeinschaft das Vertrauen wächst und so Freundschaften entstehen können. Für Gleichheit und Gerechtigkeit. Organisationen sollten allein, sowie auch im Verbund nach Gleichberechtigung aller gesellschaftlicher Gruppen streben. „Insofern sind die Aktionstage dafür ein gutes Beispiel“, zieht Daniel Strauß sein Fazit mit Blick auf diese jährliche Veranstaltung.

Bildquellen

Premiere des Films „Zigeuner-Boxer“ mit Diskussion über Antiziganismus: by Pixabay

Autor:

Sylvia Löffler aus Mannheim

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