Kioske werden immer weniger in der Stadt / Initiative zum Erhalt
Viele erzählen hier ihre Lebensgeschichte

Christian Mannert betreibt einen Kiosk am Kolpingplatz in der Karlsruher Südweststadt. Von seinem Bürojob hatte er genug. Bereut hat er es bis heute nicht.
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  • Christian Mannert betreibt einen Kiosk am Kolpingplatz in der Karlsruher Südweststadt. Von seinem Bürojob hatte er genug. Bereut hat er es bis heute nicht.
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Karlsruhe. Bei Wind und Wetter sitzt Christian Mannert in seinem Kiosk in der Karlsruher Südweststadt. Andere Kioske in der Stadt sind wie am Durlacher Tor, dem Mühlburger Tor, am Rathaus oder am Konzerthaus schon lange weg, andere müssen überraschend der städtischen „Planung“ - wie am Europaplatz - weichen, doch hier am Kolpingplatz ist die älteste Einrichtung ihrer Art in der badischen Residenz, denn schon in den 1930er Jahren stand hier eine Bude – und diese hier ist heute zum Glück auch „systemrelevant“.

Orte des Austausches und der sozialen Kontrolle
Ob Kiosk oder "Büdchen", egal, wie man diese Lädchen nennt: Die beliebten und zweckmäßigen Einrichtungen verschwinden leider immer mehr aus der Stadt, dabei sind sie als Orte des Austausches und in Sachen soziale Kontrolle wichtige Elemente im Stadtbild. Nur scheinen diese Aspekte bislang wohl nicht zu den Planern im Karlsruher Rathaus vorgedrungen zu sein! Denn auch für die wegen der U-Strab abgebauten (verlegten) Kioske gibt's aktuell keine Nachfolger! Dabei achtet man in anderen Orten sogar besonders auf diese Angebote, sogar auch in U-Bahn-Haltestellen - nur in Karlsruhe werden sie still und leise Stück für Stück entfernt! Und jene Kioske, die im Zuge der Buddelei zur Kombilösung weichen mussten, sollen jetzt nach dem Willen des Karlsruher Rathauses auch nicht mehr zurückkehren dürfen - trotz Zusage!

Orte der Nachrichten
„Wir verkaufen in erster Linie Zeitungen und Zeitschriften. Und die sind für die Information der Bürger in diesen Zeiten sehr wichtig“, sagt der gebürtige Karlsruher. Normalerweise verkaufen sich drei Dinge am Kiosk am besten: „Bild“, Lotto und Zigaretten. Doch in Pandemie-Zeiten hat sich das Interesse im Medienbereich gewandelt. „Ich stelle fest, dass mehr seriöse Tageszeitungen und Magazine gekauft werden. Boulevard hat etwas abgenommen“, merkt der Kiosk-Betreiber an.

Wie zum Beweis kommt ein Radfahrer vorbei, der die „Süddeutsche“ erwirbt. Der Pensionär hatte das Blatt vorher im Abo, jetzt kommt er jeden Tag vorbei, um sie sich im Kiosk zu holen. „Ich möchte den jungen Mann unterstützen“, sagt er und deutet auf Mannert, ehe er sich wieder aufs Rad schwingt. Ob die Pandemie für mehr oder weniger Käufer sorgt? „Das hält sich die Waage. Einige bleiben aus Angst vor dem Virus lieber zu Hause. Andere machen Home-Office und kommen, da sie zu Hause sind, auch mal bei mir vorbei.“

Früher waren die Kioske auch jene Orte, an denen man sich als Schüler die Zeit vertrieb, die Auslagen anschaute, sich einen "5er-Lutscher" gönnte - wenn mal wieder Bus oder Straba einem gerade vor der Nase weggefahren ist. Übrigens konnte man sich am Durlacher Tor, dem Entenfang oder dem Mühlburger Tor auch bei Regen unterstellen.

Themen des Interesses
Eines hat der Badener, der den Pavillon seit zehn Jahren betreibt, festgestellt: Die Themen haben sich verändert. Das Virus steht längst oben auf der Agenda. „Viele klagen ihr Leid, haben Zukunftsängste. Solche Sachen eben,“ sagt der gelernte Kaufmann. Nach wie vor würden aber viele Menschen ihm ihre Lebensgeschichten erzählen. „Die meisten Leute, die zu mir kommen, sind Stammkunden. Davon gehören viele der Generation 60plus an. Man muss den Menschen ihr Ohr leihen, viele wollen einfach mal ein bisschen schwätzen. Ein richtiger Stoffel könnte diesen Job wohl nicht sehr lange machen“, merkt er schmunzelnd an.

Gerade der menschliche Faktor sei für ihn ein Grund gewesen, den Kiosk von einem älteren Ehepaar zu erwerben und seinen alten Job an den Nagel zu hängen. „Ich saß in einem Büro vor dem PC und wusste, das will ich nicht mehr. Da wollte ich definitiv raus. Ich will Kontakt zu Menschen haben – und in diesem Job habe ich Einblicke in ganz andere Lebensbereiche.“ Ein Thema – Corona hin oder her – steht nach wie vor weiter oben auf der Liste. „Ganz klar, das ist der Fußball und der KSC“, sagt der Fan der Wildpark-Elf, der er seit 40 Jahren die Daumen drückt.

Übersicht von "Stadtwiki" zu Kiosk-Standorten in Karlsruhe

Bürgervertreter engagieren sich
Das Thema rund um die weniger werdenden Kioske in der Stadt bewegt Bürger. Immerhin sind es für manche Dinge durchaus auch Orte der "Nahversorgung" in den Stadtteilen. Leider nimmt die Zahl ab, doch Kioske haben in allen Städten der Welt, ob in New York, Paris, Wien, Berlin oder im Rheinland, ihren ganz eigenen Charme, sind mitunter gar feste Institutionen mit eigener Architektur. Es sind Anlaufstellen, Orte des Miteinanders und der sozialen Kontrolle, weit mehr als profane "Essbuden". Kioske haben, qualitätsvoll gestaltet und betrieben, heißt es in einem interfaktionellen Antrag von FDP, CDU und Freien Wählern/Für Karlsruhe, durchaus Charme und beleben eine Stadt.

Wo ist der "Karlsruher Kiosk"?
Kein Wunder, dass sich hier engagierte Karlsruher Bürgervertreter für den Erhalt dieser Einrichtungen in einem Antrag einsetzen: "Daher sollten an geeigneten Stellen neue Standorte hinzutreten, statt auf Kioske zu verzichten." Die Antragssteller erwarten zudem, dass die Stadt getätigte Zusagen einhält. Angefragt wird dabei auch, an welchen anderen geeigneten Stellen in Karlsruhe Kioske sinnvoll betrieben werden könnten. Das "Wochenblatt" nennt dabei zum Beispiel  Durlacher Tor, Mühlburger Tor oder Gottesauer Platz, Orte, die früher schon Kioske hatten - und denen eine solche Einrichtung gut tun würde. Übrgens wird in diesem Antrag auch nachgefragt, was denn aus dem vom Rathaus vor Jahren angekündigten Thema des eigens zu entwickelnden „Karlsruher Kiosk“ geworden sei. (bom/jow)

Autor:

Jo Wagner

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