Werk-Aus bei Biontech in Tübingen: 1.800 Jobs betroffen
- Der Standort Tübingen war der Hauptsitz des übernommenen Konkurrenten Curevac.
- Foto: Marijan Murat/dpa
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Tübingen. Rund 1.800 Beschäftigte müssen sich nach der gescheiterten Käufersuche auf Standortschließungen einstellen, darunter auch in Tübingen. Der Mainzer Impfstoffentwickler Biontech will den früheren Curevac-Standort in der Universitätsstadt schließen. Auch Marburg in Hessen und Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz sind betroffen.
Was Biontech jetzt plant
Nach Unternehmensangaben gelten für die drei Standorte unterschiedliche Zeitpläne:
- Tübingen: Schließung Ende kommenden Jahres
- Marburg: Schließung Anfang des übernächsten Jahres
- Idar-Oberstein: Schließung Ende des übernächsten Jahres
Biontech erklärte, die geplanten Verkäufe der Werke hätten nicht umgesetzt werden können. Als wesentlichen Grund nannte das Unternehmen das derzeit schwierige Markt- und Investitionsumfeld. Für die Beschäftigten seien mit dem Konzernbetriebsrat ergänzende Abfindungskonditionen vereinbart worden. Details dazu nannte Biontech zunächst nicht.
Palmer fordert Einsatz für den Standort
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer bezeichnete die Entwicklung für die Stadt und die betroffenen Beschäftigten als erschreckend. Für Tübingen gehe es um hochqualifizierte Arbeitsplätze und um einen Biotechnologie-Standort, der über Jahrzehnte gewachsen sei.
Palmer sagte, Biontech habe bei der Übernahme von Curevac ausdrücklich die Integration des Tübinger Forschungs- und Produktionsstandorts angekündigt. „Die Stadt erwartet deshalb, dass Biontech alle realistischen Möglichkeiten ausschöpft, um den Standort und möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten“, sagte Palmer. Die Geschichte des Tübinger Biotechnologie-Pioniers Curevac dürfe nicht damit enden, dass Biontech erst dessen Technologie nutze, dann das Unternehmen samt Patenten kaufe und kurz darauf den Standort dichtmache.
Curevac steht für Tübinger mRNA-Forschung
Curevac wurde im Jahr 2000 von Ingmar Hoerr in Tübingen gegründet. Hoerr gilt als einer der Pioniere der mRNA-Forschung. Nach der vollständigen Übernahme durch Biontech im Januar hatte er vor einem massiven Know-how-Verlust gewarnt.
Während der Corona-Pandemie lieferte sich Curevac mit Biontech ein Rennen um einen Impfstoff. Biontech war erfolgreich, Curevac scheiterte mit seinem Impfstoffprojekt. Danach geriet das Tübinger Unternehmen wirtschaftlich unter Druck. Nach hohen Verlusten konzentrierte sich Curevac stärker auf Forschung, Hunderte Stellen wurden gestrichen.
Biontech wollte sich mit der Übernahme zusätzliches Wissen für Therapien auf mRNA-Basis gegen Krebs und andere Krankheiten sichern. Damals hieß es, der Forschungs- und Entwicklungsstandort in Tübingen solle erhalten bleiben.
Biontech steckt mitten im Umbau
Biontech wurde mit dem gemeinsam mit Pfizer entwickelten Covid-19-Impfstoff weltweit bekannt und verdiente damit Milliarden. Seit einigen Jahren geht die Nachfrage nach dem Impfstoff zurück. Ein weiteres zugelassenes Produkt hat das Unternehmen bislang nicht.
Der Konzern mit weltweit rund 7.200 Beschäftigten baut sich deshalb seit Jahren um. Im Mittelpunkt stehen neue Produkte für die Krebsmedizin. Dazu zählen Immuntherapien auf mRNA-Basis und Antikörper-Wirkstoff-Konjugate. Diese sollen Wirkstoffe einer Chemotherapie gezielter an Krebszellen bringen.
Die Forschung kostet viel Geld. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres stand unter dem Strich ein Verlust von 1,35 Milliarden Euro. Im Vorjahreszeitraum waren es 802,4 Millionen Euro. Zugleich stehen auch Veränderungen an der Spitze an. Die Biontech-Mitgründer Ugur Sahin und Özlem Türeci wollen das Unternehmen spätestens Ende dieses Jahres verlassen und mit der neuen Firma Arife an weiteren mRNA-Medikamenten arbeiten. Den Vorstandsvorsitz soll spätestens Montag, 1. Februar, Guido Oelkers übernehmen. [dpa/red]
Autor:dpa content aus Ludwigshafen |