Unterschiedliche Lust klären: So reden Paare über Sex

Ganz normal: Nicht immer haben in einer Beziehung beide gleich viel Lust. | Foto: Joseffson/Westend61/dpa-mag
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Unterschiedliche Lust. Paare mit verschieden starkem sexuellen Verlangen kommen meist besser zurecht, wenn sie Druck vermeiden und regelmäßig offen über Erwartungen sprechen. Nach der ersten Verliebtheit verändert sich das Bedürfnis nach Sex häufig. Das ist kein Zeichen für ein grundsätzliches Scheitern, sondern ein typischer Konflikt in längeren Beziehungen.

Am Anfang einer Beziehung scheint Sex oft selbstverständlich. Viele Paare können kaum genug voneinander bekommen. Nach einiger Zeit wird Nähe im Alltag jedoch anders organisiert, Routinen nehmen zu und die Lust entwickelt sich nicht bei beiden gleich.

Weniger Verlangen setzt in der Beziehung oft die Grenze

"Meist nach zwei Jahren wird die rosarote Brille abgesetzt", beobachtet Heike Melzer, Neurologin sowie Paar- und Sexualtherapeutin aus München. Danach könne das Bedürfnis nach Sex auseinandergehen. Eine Person wünscht sich vielleicht dreimal pro Woche Sex, der anderen reicht dreimal im Monat.

Für Melzer gilt dabei ein klarer Grundsatz: "Wer weniger Sex möchte, bestimmt die Anzahl." Das bedeutet nicht, dass der andere Wunsch unwichtig ist. Entscheidend ist aus ihrer Sicht, dass kein Druck entsteht und dennoch Raum bleibt, Lust wieder entstehen zu lassen.

Die Therapeutin vergleicht das mit einem Tanz zu zweit. Eine Seite führt, trägt aber zugleich die Aufgabe, Interesse zu wecken, ohne den anderen zu bedrängen. Denn Lust lasse sich nicht erzwingen. "Aber es gibt nun mal keine Lust auf Knopfdruck", sagt Melzer.

Solo-Sex kann entlasten, ersetzt aber kein Gespräch

Wer mehr Sex möchte, kann nach Einschätzung der Sexualtherapeutin auch auf "Handbetrieb", also Solo-Sex, ausweichen. Regelmäßiger Pornokonsum oder stark stimulierende High-Tech-Sex-Toys seien dabei jedoch mit Vorsicht zu sehen. "Da muss man aufpassen, weil die Gefahr besteht, dass man abstumpft."

Wenn ein Partner dauerhaft den Eindruck hat, zu kurz zu kommen, steigt nach Melzers Erfahrung auch das Risiko für außerpartnerschaftliche Kontakte. Ein offener Dialog kann helfen, solche Spannungen früh einzuordnen. Dabei geht es weniger um Schuld als um die Frage, welche Form von Nähe für beide noch passend ist.

Kleine Impulse wirken oft besser als große Ausnahmen

Nach Melzers Einschätzung ist Sex in rund 80 Prozent der Partnerschaften stark ritualisiert. Neue Impulse können helfen, eingefahrene Abläufe zu durchbrechen. Praktisch sind vor allem Ideen, die im Alltag umsetzbar bleiben.

  • Gemeinsam erotische Geschichten schreiben. Eine Person beginnt mit dem ersten Absatz, die andere führt die Geschichte fort.
  • Zwischendurch erotische Nachrichten schicken, statt nur Organisatorisches zu Einkauf, Terminen oder Familie zu klären.
  • Bewusst anders ausgehen, etwa zu einem Tantra-Workshop, einer Partnermassage oder einem Erotik-Food-Dinner.

Für Paare kann auch ein einfacher Wechselrhythmus helfen. In geraden Wochen denkt sich eine Person einen Impuls aus, in ungeraden Wochen die andere. Aus Sicht der Therapeutin ist das Stetige wichtiger als ein einzelnes Wellness-Wochenende, nach dem wieder monatelang nichts passiert.

Sex bleibt nach Melzers Einordnung eine lebenslange Reise. Wenn Lebensumstände, Alter oder körperliche Funktionen sich verändern, braucht auch Intimität neue Formen. Wer nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner setzt, riskiert eher Lustlosigkeit. Kleine, regelmäßige Anpassungen können deshalb mehr bewirken als seltene große Gesten. dpa/red

Autor:

Sarah Isele aus Mannheim-Nord

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