Traumafolgen im Ahrtal: Warum Hilfe Jahre später wichtig ist
- Die Psychologin Sybille Jatzko begleitet seit Jahrzehnten Überlebende des Unglücks von Ramstein und anderen Katastrophen. (Archivbild)
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Ahrtal. Die seelischen Folgen der Flut bleiben für viele Betroffene auch fünf Jahre später im Alltag spürbar. Im Ahrtal erklärt die Trauma-Expertin Sybille Jatzko, warum das nach Katastrophen menschlich ist.
Viele Menschen erwarteten, dass belastende Folgen nach einigen Jahren abgeschlossen seien. Nach Erfahrung der Psychologin stimmt das nicht. Zwar könne ein Leben mit dem Erlebten gelingen. Verschwinden werde es aber nicht.
Warum manche erst viel später reden
Jatzko begleitet seit Jahrzehnten Überlebende und Hinterbliebene des Flugtagunglücks von Ramstein 1988 sowie weiterer Katastrophen. Aus diesen Erfahrungen habe sich gezeigt, dass Menschen sehr unterschiedlich mit schweren Schicksalsschlägen umgehen.
Einige suchten früh das Gespräch. Andere bräuchten Jahre oder sogar Jahrzehnte, bis sie über ihr Trauma sprechen könnten. Nach dem Unglück von Ramstein seien manche Betroffene erst zehn Jahre später in Gruppen gekommen. Für Jatzko ist das auch mit Blick auf die Flut im Ahrtal eine wichtige Erkenntnis: Es gibt keinen festen Zeitplan für die seelische Verarbeitung.
Warum Druck nach einer Katastrophe schaden kann
Besonders wichtig sei, Betroffene nicht unter Druck zu setzen. Menschen wüssten oft selbst am besten, wann sie reden können, wie viel sie erzählen möchten und was ihnen guttut.
Nach Einschätzung der Expertin ist Zuhören oft hilfreicher als gut gemeinter Rat. Bewertungen und Erwartungen könnten zusätzlichen Druck erzeugen. Sätze wie „Jetzt muss es doch langsam wieder gut sein“ seien deshalb keine Hilfe.
Integration statt Vergessen
Viele Betroffene würden auch Jahre nach einer Katastrophe von Erinnerungen eingeholt. Jahrestage, Medienbilder oder ähnliche Ereignisse könnten Gefühle wieder aufleben lassen. Das bedeute laut Jatzko nicht, dass etwas schiefgelaufen sei. Das Erlebte bleibe vielmehr ein Teil des Lebens.
Die Expertin spricht deshalb lieber von Integration statt von Verarbeitung. Ziel sei nicht das Vergessen. Ziel sei, mit dem Erlebten leben zu können, ohne dass Angst, Schlaflosigkeit oder Panik den Alltag ständig bestimmten.
Warum Gemeinschaft Halt geben kann
Aus der Nachsorge nach Ramstein seien über die Jahre oft enge Verbindungen entstanden. Solche Gruppen würden zu Schicksalsgemeinschaften, weil sich Menschen mit ähnlichen Erfahrungen gegenseitig verstünden. Das könne auch für Betroffene im Ahrtal wichtig sein.
Für Jatzko bleibt deshalb vor allem ein Rat: Geduld. Unterstützung müsse langfristig erreichbar sein. Katastrophen endeten nicht, wenn die Kameras verschwinden. Für viele beginne dann erst der lange Weg zurück in den Alltag. dpa/red
Autor:Cornelia Bauer aus Speyer |
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