Neue Studie aus Mainz beweist: Neandertaler jagten Schildkröten
- Schildkröten bieten wegen ihres geringen Gewichts wenig Nährwert. (Symbolbild)
- Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB
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Mainz. Neue Funde zeigen, dass Neandertaler in Mitteleuropa gezielt Schildkröten jagten und ihre Panzer vermutlich als Werkzeuge nutzten. Darauf weist ein internationales Forschungsteam um die Mainzer Archäologin Sabine Gaudzinski-Windheuser hin.
Untersucht wurden rund 125.000 Jahre alte Fragmente von Schildkrötenpanzern aus der altsteinzeitlichen Fundstelle Neumark-Nord in Sachsen-Anhalt. Die Stätte gilt unter Fachleuten als außergewöhnlich gut erhaltenes Umweltarchiv. Dadurch lassen sich Funde besonders genau zeitlich einordnen.
Erster Nachweis nördlich der Alpen
Die Forschenden analysierten insgesamt 92 Panzerstücke. Hochauflösende 3D-Scans machten Schnittspuren auf der Innenseite sichtbar. Diese Spuren zeigen, dass die Tiere systematisch zerlegt wurden. Gliedmaßen wurden abgetrennt, Organe entfernt und die Panzer anschließend gereinigt.
Nach Einschätzung des Teams ist das der erste klare Nachweis dafür, dass Neandertaler auch nördlich der Alpen gezielt Schildkröten jagten und verwerteten. Bisher waren solche Funde nur aus Regionen rund um das Mittelmeer bekannt.
Panzer vermutlich als Werkzeuge genutzt
Die Forschenden hatten zunächst angenommen, Schildkröten seien nur eine Notnahrung gewesen, etwa in Zeiten mit wenig Jagderfolg. Die Situation in Neumark-Nord spricht jedoch dagegen.
Die Landschaft bot damals reichlich Großwild. In der Fundregion wurden mehr als hunderttausend Tierknochen entdeckt. Darunter Reste von Hirschen, Pferden, Rindern und sogar vom Europäischen Waldelefanten, dem größten Landsäugetier jener Zeit.
Der vergleichsweise geringe Nährwert von Schildkröten lässt daher eine andere Erklärung plausibel erscheinen. Die Panzer könnten nach der Verarbeitung als praktische Gefäße oder Schöpflöffel genutzt worden sein.
Möglicherweise leichte Beute für Kinder
Eine weitere mögliche Deutung betrifft die Jagd selbst. Sumpfschildkröten gelten als relativ leicht zu fangen. Deshalb halten Fachleute es für denkbar, dass auch Kinder an der Jagd beteiligt waren. Belegen lässt sich diese Annahme bislang allerdings nicht eindeutig.
Neben der Nutzung der Panzer kommen auch andere Gründe infrage. Möglich wäre etwa ein besonderer Geschmack des Fleisches oder ein medizinischer Nutzen.
Die Ergebnisse liefern nach Ansicht der Forschenden ein weiteres Beispiel für die Anpassungsfähigkeit des Neandertalers und seine vielseitigen Strategien beim Überleben in unterschiedlichen Lebensräumen. dpa/red
Autor:Cornelia Bauer aus Speyer |
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