ADHS sicher einordnen: Darum zählt die Diagnose

Unaufmerksam heißt nicht automatisch ADHS. Experten raten: Symptome erst fachlich abklären.  | Foto: dpa
  • Unaufmerksam heißt nicht automatisch ADHS. Experten raten: Symptome erst fachlich abklären.
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ADHS erkennen. Wer bei Unruhe, Vergesslichkeit oder Konzentrationsproblemen an ADHS denkt, bekommt erst durch eine fachliche Diagnose eine verlässliche Einordnung. Selbsttests aus dem Internet können einen ersten Eindruck geben, sie reichen für eine Diagnose aber nicht aus.

Gerade in sozialen Netzwerken tauchen viele Inhalte zu ADHS auf. Das kann entlastend wirken, wenn scheinbar vieles im Alltag plötzlich erklärbar wird. Experten warnen aber davor, daraus ohne fachliche Abklärung direkte Folgen abzuleiten, etwa andere Ursachen auszublenden oder auf eigene Faust Medikamente oder Kurse zu nutzen.

ADHS gilt als neuromentale Entwicklungsstörung, die meist in der Kindheit beginnt. Nach heutigem Forschungsstand spielt Vererbung eine wichtige Rolle. Typisch sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, allerdings in sehr unterschiedlicher Ausprägung.

Selbsttests können nur ein Einstieg sein

"Die finde ich teilweise ein wenig kritisch", sagt Benedikt Bradtke, Oberarzt an der Klinik für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Münster (UKM), über ADHS-Selbsttests im Internet. In der Folge des UKM-Podcasts "Risiko und Nebenwirkung" erklärt er, dass solche Tests teilweise "mehr oder weniger unvollständig" waren und dem Krankheitsbild nicht gerecht wurden.

Als erste Orientierung können Selbsttests laut Bradtke dennoch hilfreich sein. "Also zunächst einmal wirklich ein Gefühl dafür zu bekommen: Kommen die Symptome mir entgegen? Sind sie Teil meines Lebens? Quasi als Ersteindruck." Für eine abschließende Diagnose seien sie aber ungeeignet.

Das ist auch deshalb wichtig, weil ähnliche Beschwerden viele Ursachen haben können. Unaufmerksamkeit, innere Unruhe oder Impulsivität kommen zum Beispiel auch bei Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, Suchterkrankungen, Schlafmangel oder körperlichen Erkrankungen vor. "Ohne eine strukturierte Diagnostik besteht das Risiko, Wesentliches zu übersehen", warnt Tobias Hornig, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Eine fundierte Diagnose läuft in mehreren Schritten ab

Eine ADHS-Diagnose besteht in der Regel aus mehreren Sitzungen. Sie umfasst eine ausführliche Anamnese und die Beurteilung anhand medizinischer Leitlinien durch Fachleute wie Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Ärztliche Psychotherapeuten oder Psychologische Psychotherapeuten.

"Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch über die aktuelle Symptomatik: Wie äußern sich Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Unruhe im Alltag? Seit wann bestehen diese Auffälligkeiten, wie war die Schulzeit, wie verlief das Berufsleben?", erklärt Tobias Hornig.

Zum Verfahren gehört oft auch eine Fremdanamnese. Dazu zählen unter anderem Berichte von Eltern, Partnern oder anderen Bezugspersonen sowie Grundschulzeugnisse. Sie können Hinweise geben, ob Symptome schon in der Kindheit bestanden. Fragebögen und Testverfahren ergänzen die Einschätzung, entscheiden aber nie allein.

In der sogenannten Differenzialdiagnostik wird zudem geprüft, ob andere Erkrankungen die Beschwerden besser erklären oder zusätzlich vorliegen. "Man muss sorgfältig prüfen, ob andere Störungen - etwa Depressionen, Angststörungen, Autismus-Spektrum-Störungen, Persönlichkeitsstörungen oder körperliche Erkrankungen - die Symptomatik erklären könnten oder zusätzlich vorliegen", so Hornig.

Lange Wartezeiten ändern nichts am Nutzen einer Abklärung

Für viele Betroffene ist vor allem die Wartezeit schwierig. Nach Angaben von Bradtke kann es Monate bis zu einem Jahr dauern, bis diagnostische Unterstützung verfügbar ist. Trotzdem gilt eine professionelle Abklärung als der verlässlichste Weg, um Beschwerden richtig einzuordnen.

Von Angeboten in sozialen Netzwerken raten Fachleute eher ab. "Also eine Strategie sollte zumindest nicht sein, auf Social Media entsprechende Tutorials zu buchen für teures Geld, das ist gefährlich", sagt Bradtke im Podcast. Viele Inhalte zu ADHS in sozialen Medien seien medizinisch fehlerhaft.

Als verlässlicher gelten Informationen aus Büchern, von Krankenkassen oder aus spezialisierten Angeboten wie dem Portal «Adhs.info» des Zentralen ADHS-Netzes. Für den Alltag bleibt damit vor allem eine praktische Erkenntnis: Nicht jeder ADHS-Verdacht bestätigt sich, aber eine strukturierte Diagnose kann klären, was wirklich hinter den Beschwerden steckt. dpa/red

Autor:

Sarah Isele aus Mannheim-Nord

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