Nicht nur eine Frage der Architektur
Wohnbau Mainz stärkt Nachbarschaft mit Treffpunkten und Sozialplanung
- Wohnbau Mainz: Aus den Quartierscafés heraus lassen sich Höfe bewirten für größere Feste und Veranstaltungen, die auch auf die Siedlungen ausstrahlen.
- Foto: Wohnbau Mainz
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Mainz. Lebendige Nachbarschaft beginnt mit guten Architekturentwürfen. Die Wohnbau Mainz setzt zudem auf Sozialplaner, um die Zusammensetzung der Mieter zu beeinflussen. Mietervereine kümmern sich um Belebung durch Freizeitangebote.
Von Julia Glöckner
Planer schreiben Gemeinschaftsräumen angesichts von immer mehr Single-Haushalten, Alleinerziehenden und kleiner werdenden Grundrissen eine größere Bedeutung zu. Denn Attraktivität des Wohnens und Wohnidentifikation hängen im Wesentlichen von guter Nachbarschaft ab. Diese stellt sich meist nicht selbstverständlich ein, indem man Gemeinschaftsräume bereitstellt. Sie muss organisiert werden.
Gemeinschaftsräume im Bestand
10 Prozent des Wohnungsbestands in Mainz gehören der Wohnbau Mainz. 85 Prozent sind in privater oder genossenschaftlicher Hand. Die Wohnbau realisierte im Bestand Gemeinschaftsräume, indem sie Grünflächen und Spielplätze modernisierte oder einzelne Wohnungen dafür freihielt und umnutzte.
„Gleichzeitig verändert sich das Mobilitätsverhalten in Quartieren, in den autofreien wird Fläche für Gemeinschaft frei und sie werden lebendiger. Mieter verzichten aufs Auto, teils wegen nachhaltigem Lebensstil, teils um Geld für andere Dinge zu haben“, berichtete Geschäftsführer Roman Becker im Zentrum für Baukultur Mainz. „Lastenradstationen in Nähe der Wohnanlagen der Wohnbau führen die Liste der am besten genutzten in Mainz an.“
Mietervereine organisieren Freizeitnutzungen
In relativ neuen Wohnanlagen der Wohnbau in Mombach und Ebersheim wurde eine Community Kitchen mit Café eingerichtet, die auch für Feiern mit bis zu 50 Gästen nutzbar ist. Für Quartierfeste lässt sich aus dem Café der Innenhof für deutlich mehr Gäste bespielen. Mittlerweile gibt es in nahezu allen Quartieren und Gebäuden der Wohnbau Gemeinschaftsräume.
Die Mieter organisieren sich in Hausgemeinschaften selbst, die 15 bis 200 Bewohner umfassen. So gibt es in Gemeinschaftsräumen tagtägliche Angebote mit verschiedenen Aktivitäten, die von Bewohnern genutzt werden. Von Kochtreffs, Urban Gardening, Kultur, Kino, Musik- und Kreativangeboten bis hin zum Sport ist alles dabei. „Die sommerlichen Nachbarschaftsfeste sind Standard“, sagt Becker. „Aktive in den Communitys machen den großen Unterschied. Durch sie entstehen die besten Ideen aus den Mietercommunitys heraus, die zum Bedarf passen. Kürzlich wurde Foodsharing in Hartenberg etabliert. Ziel der Wohnbau ist es auch, WGs zu fördern, was immer mehr Anklang und Akzeptanz durch alle Schichten findet.“
- Urban Gardening Projekte, auch in Mainz beweisen, dass moderner Städtebau mit den Aspekten der Nachhaltigkeit vereinbar ist.
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Organisierte Mieterwechsel, durchmischte Communitys
Die Sozialplaner der Wohnbau fördern Mieterwechsel mit Blick auf soziale Durchmischung, um etwa die Überalterung von Straßenzügen zu verhindern. „Dabei arbeiten wir eng mit den Communitys in den Wohnblöcken zusammen, um passende Wechsel zu erreichen“, sagt Becker. Es kommt zu rund 40 Mieterwechseln pro Monat.
Auch im Neubau lässt sich die Zusammensetzung der Mieter regeln: Die Sozialplaner achten dabei auf die Ansprüche der Einzelnen, die Lage und Gebäude erfüllen müssen. „Wenn sich im EG ein Kulturhaus befindet, müssen Bewerber in Interviews angeben, dass sie damit leben können. Nach der Bewerbung treffen wir eine Vorauswahl und fragen konkret, wie sie sich Einbringung vorstellen. In Interviews matchen die Sozialplaner daraufhin 168 Einheiten.“
Mehr Familien fragen Wohnungen an
„Wir bemerken nicht nur eine wachsende Nachfrage nach 2- bis 4-Zimmer-Wohnungen. Auch die Nachfrage nach 5-Zimmer-Wohnungen ist ungebrochen. Junge Familien ziehen nicht mehr ins Einfamilienhaus in den Speckgürtel. Sie bleiben immer öfter in der Stadt, sei es weil die Finanzierung schwieriger wird oder sie Urbanität wollen. Die Wohnbau legt Wohnungen zusammen und lässt die Grundrisse flexibel“, sagt Becker.
Mit den Gemeinschaftsräumen unter dem Label „Zuhause in Mainz“ nahmen die Konflikte und Kündigungen der Mieter deutlich ab. Die Mieter erleben Wohnidentität, sind zufriedener und verbundener mit dem Wohnort.
Angebote für Teenager bleiben herausfordernd
Auf dem Bretzenheim-Areal entwickelte man drei Blockinnenhöfe nach Themen – je für Kinder verschiedenen Alters, mit Spielplätzen und Sportflächen. Sie wurden gut angenommen. In der Neustadt plant die Wohnbau eine Investition von 100.000 Euro in Spielplätze und Entsiegelung.
Vor allem für die Zielgruppe der 14- bis 19-Jährigen braucht es noch neue Ideen, die sich konsumfreie Plätze und Sportflächen wünschen. Ein Skatepark sei die Standardlösung. Dort sind nach den Erfahrungen des Geschäftsführers allerdings meist nur Jungs anzutreffen und die Mädels nicht.
In der Gustav-Mahler-Straße ist Sauberkeit, Aufenthaltsqualität und Sicherheitsgefühl Thema geworden. Dort sorgt eine Quartiersmanagerin für mehr Miteinander sowie Wohnungswechsel. Sichtbare Effekte werden in 5 Jahren erwartet, auch angesichts der Neubebauung in unmittelbarer Nachbarschaft.
In der Diskussion sprach sich Marion May vom LBS-Vorstand dafür aus, Eigentümer mehr in die Quartiersentwicklung zu integrieren. Laut einer LBS-Studie seien Eigentümer regional stärker verwurzelt und engagierter als Mieter. In Quartieren mit viel Bestand in Eigentum bestehe Potenzial für Engagement im Sinne von mehr Gemeinschaft. „Bislang zeigte sich, dass vor allem Mietervereine Quartiere beleben“, sagte Nachbarschaftsforscherin Ulrike Kirchner.
Mancherorts engagieren sich auch Eigentümergemeinschaften stark für Nachbarschaft in Quartieren, die aus einem sozialen Hintergrund heraus entwickelt wurden, etwa in Herzogenried in Mannheim.
„Damit langfristig gute Beziehungen entstehen, punktet vor allem Empathie. Es geht darum, nicht nur sich selbst zu sehen“, sagte Marion May von der LBS. Becker stimmte zu: Förderlich sei, immer im Dialog zu bleiben, auch bei Konflikten. „Wichtig ist, das anders Sein auszuhalten und um Verständnis bemüht zu bleiben.“ jg
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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