Abschied in Baden-Württemberg: Kretschmann geht in Ruhestand
- Kretschmann sagt Tschüss - ob er der Öffentlichkeit den Rücken kehrt, ist noch offen.
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Stuttgart. Nach 15 Jahren an der Spitze Baden-Württembergs verabschiedet sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann aus der Politik. Der Grünen-Politiker, lange Zeit prägende Figur der Landespolitik, zieht sich mit fast 78 Jahren aus dem Amt zurück und blickt auf eine ungewöhnliche politische Karriere zurück.
Kretschmann war der erste und bis heute einzige grüne Ministerpräsident Deutschlands. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2011 prägte er die Politik im Südwesten stärker als jeder andere Regierungschef vor ihm. Beobachter sprechen vom Ende einer Ära. Altbundespräsident Joachim Gauck nannte ihn eine „kulturprägende“ Führungsfigur.
Überraschender Aufstieg im Jahr 2011
Der Weg ins Staatsministerium begann für Kretschmann überraschend. Nach Protesten gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 und der Reaktorkatastrophe von Fukushima gewannen die Grünen stark an Zustimmung. 2011 wurde Kretschmann Ministerpräsident. Er selbst beschrieb seine Vereidigung später als Moment des Staunens. „Ich stand da und war innerlich immer noch ein bisschen ungläubig erstaunt, dass ich jetzt Ministerpräsident bin.“
Im Landtag galt der studierte Biologe zuvor eher als eigenwilliger Außenseiter. Als Regierungschef entwickelte er jedoch einen pragmatischen Stil. Oft regierte er als Grüner mit konservativem Kurs und gewann damit auch Unterstützung aus dem CDU-Lager.
Pragmatiker mit Hang zum Kompromiss
Kretschmann geriet immer wieder in Konflikt mit der eigenen Partei. Ideologische Debatten lagen ihm wenig. Für ihn stand der politische Kompromiss im Zentrum demokratischer Politik.
Eine frühere Mitgliedschaft im Kommunistischen Bund bezeichnet er rückblickend als „studentische Verirrung“. Danach sei sein politischer Kompass klar gewesen. Viele Wegbegleiter bescheinigen ihm bis heute Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit.
Der Regierungschef galt als bedächtig. Er vermied schnelle Schlagzeilen und formulierte Positionen oft erst nach längerer Abwägung. Kritiker werfen ihm allerdings vor, beim Klimaschutz nicht genügend Tempo gemacht zu haben.
Vom knorrigen Politiker zur Kultfigur
Neben seiner Politik machten auch ungewöhnliche Aussagen Kretschmann bekannt. Berühmt wurde etwa sein Satz über den Dienstwagen. „Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg fährt einen Daimler. Basta.“
Während der Energiekrise im Jahr 2022 riet er, häufiger einen Waschlappen statt eine Dusche zu nutzen. Bürger schickten ihm daraufhin zahlreiche Waschlappen. Die Sammlung wird heute im Haus der Geschichte gezeigt.
Auch mit bodenständigen Ratschlägen sorgt er immer wieder für Aufmerksamkeit. Zuletzt erklärte er, es sei besser, „a g’scheits Scheißhauspapier als a Glomb“ zu kaufen.
Pläne für den Ruhestand
Der langjährige Regierungschef macht keinen Hehl daraus, dass er sich auf die Zeit nach der Politik freut. Sitzungen ohne Ergebnis hätten ihn oft genervt. Künftig will er sich mehr Zeit für Familie, Freunde und seine Interessen nehmen.
Der Biologe plant unter anderem, Pflanzen zu bestimmen, an seinem Bauernhaus zu arbeiten und vielleicht wieder Vorlesungen an einer Universität zu besuchen. Ganz aus der Öffentlichkeit verschwinden will er jedoch nicht. Vorträge über Demokratie kann er sich weiterhin vorstellen.
Zunächst steht allerdings Reisen auf dem Programm. Seine Frau Gerlinde sei ausgesprochen reiselustig, sagt Kretschmann. Am liebsten würde er zwar in Sigmaringen bleiben. Doch auch im Privatleben gilt für ihn ein politisches Prinzip. Kompromisse gehören dazu. dpa/red
Autor:Cornelia Bauer aus Speyer |
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