Förster Volker Westermann spricht über den klimakranken Wald
"Es stirbt einfach alles, was hierher gehört"

Pilze und Borkenkäfer, wie hier unter der Rinde einer sterbenden Kiefer zu sehen, sorgen für große Schäden im Wald zwischen Bellheim und Westheim
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  • Pilze und Borkenkäfer, wie hier unter der Rinde einer sterbenden Kiefer zu sehen, sorgen für große Schäden im Wald zwischen Bellheim und Westheim
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Bellheim/Region. "Vor drei Jahren war das hier noch ein dichter, geschlossener Kiefernwald", sagt Volker Westermann, Förster für Waldinformation, Umweltbildung und Walderleben im Forstamt Pfälzer Rheinauen, und zeigt nach oben in die dürren, kahlen Baumspitzen, durch die man den Himmel gut erkennen kann. "In den letzten drei trockenen Sommern hat sich die Vegetation hier komplett aufgelöst. Gerade die Kiefern, die dieses Waldstück hier dominiert haben, vertragen die Trockenheit überhaupt nicht", ergänzt er. "Als ich hier vor 20 Jahren als Förster angefangen habe, wuchsen die Bäume noch so dicht, dass man zu Fuß kaum durchkam." 

Der Wald ist tot und stellt damit auch eine große Gefahr für die Bevölkerung dar. Um für Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen, schlagen Forstreviere viele tote und sterbende Bäume, aber mit Sperrungen im Wald - auch für Spaziergänger - müsse man rechnen, wenn das Sterben so weitergeht, sagt Volker Westermann, Förster für Waldinformation, Umweltbildung und Walderleben im Forstamt Pfälzer Rheinauen
  • Der Wald ist tot und stellt damit auch eine große Gefahr für die Bevölkerung dar. Um für Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen, schlagen Forstreviere viele tote und sterbende Bäume, aber mit Sperrungen im Wald - auch für Spaziergänger - müsse man rechnen, wenn das Sterben so weitergeht, sagt Volker Westermann, Förster für Waldinformation, Umweltbildung und Walderleben im Forstamt Pfälzer Rheinauen
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Aber das hat sich in den letzten Jahren drastisch verändert. Im Wald zwischen Bellheim und Westheim lassen sich die Auswirkungen der jahrelangen Trockenheit besonders eindrucksvoll und deutlich nachvollziehen, denn hier sind bereits ganze Waldstücke ausgetrocknet und abgestorben - von totem Holz dominiert und dort, wo sich noch ein bisschen Geld mit dem Rohstoff Holz verdienen ließ, kahl geschlagen. "Natürlich ist das Klima hier in der Rheinebene besonder heiß und trocken - und vielerorts sind die Böden hier zudem dünn und sandig, können kaum Wasser oder Nährstoffe speichern", erklärt Westermann, warum die Auswirkungen des Klimawandels in der Region besonders spürbar sind. "In den Mittelgebirgen wird das noch nicht so extrem und auch nicht so schnell fortschreitend sein, aber auch das ist nur eine Frage der Zeit, wenn wir nichts an unserem Konsumverhalten ändern", ist sich der Förster sicher.

Kranke und verdurstete Bäume verlieren schnell an Stabilität und werden so zur Gefahr
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"Es ist fünf nach Zwölf"

Auf die Frage, ob es den Klimawandel wirklich gibt und ob es solche Veränderungen nicht schon immer in den Wäldern gegeben habe, entgegnet Westermann vehement, emotional und fast ein bisschen verärgert: "Die acht wärmsten Sommer seit Wetteraufzeichnung hatten wir in den letzten zehn Jahren, in unseren Wäldern gibt es derzeit sechsmal mehr Schadholz als normal, hier sterben ganze Baumreihen ab - allein bei uns im Revier sind in den letzten drei Jahren 1.000 Hektar Waldfläche abgestorben, das sind über 1.000 Fußballfelder,  Pilze und Schädlinge entwickeln sich um ein Vielfaches schneller als früher und tragen zusätzlich zur Trockenheit noch zur Schwächung des Waldes bei. Wie viele Argumente braucht es denn noch, um auch den letzten Zweiflern zu zeigen, dass es eigentlich schon nicht mehr fünf vor Zwölf, sondern eher schon fünf nach Zwölf ist?"
Er habe die Hoffnung aber noch nicht aufgeben, sagt Volker Westermann und verweist auf die "Fridays for Future"-Bewegung. "Es freut mich zu sehen, dass die Jugendlichen da viel mehr Bewusstsein für die dringend notwendigen Veränderungen entwickelt haben, als die Generationen vor ihnen." Aber das Umdenken im Konsumverhalten müsse schnell kommen - mal aufs Auto verzichten, bewusster Leben, klimafreundlich Bauen,  Flugreisen wenn möglich unterlassen, so könne jeder seinen Beitrag leisten. Außerdem setzt er auf den technischen Fortschritt: "Denken Sie an das Waldsterben in den 1980 Jahren, das war auch schlimm. Aber damals hat die Gesellschaft reagiert. Es wurden Autos mit Katalysatoren gebaut, Gesetze wurden geändert. So was muss jetzt auch kommen, und zwar schnell." Unter anderem Fahrzeuge mit Brennstoffzellen-Technologie seien eine solche technische Option, meint der Waldexperte.

Invasive Eindringlinge schaden Flora und Fauna

Volker Westermann hat aber auch gute - oder zumindest nicht ganz so schlechte Nachrichten: "Ich glaube nicht, dass der Wald an sich sterben wird. Es wird immer irgendetwas nachwachsen, aber eben nicht das, was wir kennen. Den Wald wie wir ihn kennen, wird es bald so nicht mehr geben", ist er sich sicher. Zur Zeit seien es ganz vehement die Robinie aus Nordamerika  und die Kermesbeere aus Asien die sich überproportional verbreiten. Problem damit: "Das sind aber keine Pflanzen, die hier heimisch sind und sie verdrängen auch die letzten heimischen Arten, denn beides sind invasive Arten, die sich schnell und dominant ausbreiten. Aber damit stellen sie für unsere heimische Tierwelt leider keine Überlebenschance dar", sagt Westermann und ergänzt: "Der Wald war für unsere Artenvielfalt immer eine sichere Bank, aber so wie er sich jetzt entwickelt, wird sich das ändern, viele Arten werden verschwinden, weil ihnen der Lebensraum genommen wird."
Heimische Arten nachzupflanzen helfe nur bedingt, denn viele Jungbäume würden die trockenen Sommer leider gar nicht überstehen. Wenn, dann müsse man auf Baumarten aus dem mediterranen Bereich zurückgreifen, auf denen unsere Tierwelt überleben kann. "Außerdem können wir nur hoffen, dass sich das Wurzelwerk der natürlichen Keimlinge irgendwann so anpasst, dass auch die heimischen Bäume wieder Überlebenschancen haben", sagt er. Im Moment sehe der Ausblick aber eher düster aus: Kiefern sterben, obwohl sie eigentlich mit Trockenheit gut klar kommen müssten. Ihnen machen aber Pilze und Insekten wie der Borkenkäfer zu schaffen, die sich dank der heißen, trockenen Witterung extrem vermehren. "Birken schwächeln, Rotbuchen verabschieden sich, die Keimlinge der Eichen, die nicht vertrocknen, haben keinen Schutz mehr und werden vom Reh gefressen, kurzum: Es stirbt mittlerweile einfach alles, was hierher gehört. Es überlebt, was früher hier nicht heimisch war", fasst Westermann die katastrophale Lage zusammen.

Autor:

Heike Schwitalla aus Karlsruhe

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