Ein Lied soll eine Brücke sein
Dernière – Joy Fleming verabschiedet sich von der Seebühne

Erna singt | Foto: Wolfgang Neuberth
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Dernière – Joy Fleming verabschiedet sich von der Seebühne
(BT) Nach dem Bühnenerfolg des Musicals „Joy Fleming – Ein Lied kann eine Brücke sein“ auf der BUGA 2023 wagten Thorsten Riehle, ehemals Chef des Capitols und heutiger Kulturbürgermeister sowie Michael Schnellbach, Geschäftsführer der BUGA2023 für das Jahr 2024 eine Neuauflage des Musicals im Rahmen des Seebühnenzaubers im Mannheimer Luisenpark. Mit einem auf 15 Personen reduziertem Ensemble und einem lediglich aus zwei – von den Protagonisten selbst je nach Bedarf neu angeordneten - mobilen Treppenpodest-Elemente bestehenden Bühnenbild, arrangierte Regisseur und Autor Georg Veit das Erfolgsstück neu. Der Inhalt des ersten Teiles entspricht in leicht modifizierter und abgespeckter Form dem Original des Vorjahres. Wieder erweckt Jeannette Friedrich, die erneut und sehr gerne die Hauptrolle übernahm, stimmstark und authentisch wie das Original, die Mannheimer Ikone Joy Fleming, mit bürgerlichem Namen Erna Raad, zum Leben, die mit beiden Händen die Gelegenheit ergreift, dem tristen Dasein des Nachkriegs-Mannheims zu entgehen und sich endlich gegen alle Widerstände und Zweifeln zum Trotz ihren Traum, Sängerin zu werden, als „Joy, the Flame“ in Auftritten in den Clubs der US-Armee, erfüllen möchte. Und wieder ist es der zwielichtige „Katzen-Theo“ (Andrea Matthias Pagani), der seine Chance wittert, auf Kosten dieses Traumes eines jungen Mädchens selbst Karriere und Geld zu machen. Auch der flehende Appell von Ernas Mutter (hervorragend Anja Beck-Harth, stimmlich ebenso beeindruckend wie die „Tochter“), die mit „Du bist Mannemer Dreck“ Erna zum Bleiben bewegen möchte, verhallt ungehört. Die schlapprige Mannemer Gosch, die sich durch das gesamte Stück zieht und einige hier nicht zu wiederholende Mannemer Kraftausdrücke unterstreichen das Lokalkolorit und bringen das Publikum wiederholt zum Lachen und Schmunzeln. „Katzen-Theo“ lockt Erna Raad, bzw. Joy Fleming mit den wildesten Versprechungen auf eine große Karriere nach Paris. Und hier endet der erste Teil.
Während der zweite Teil im Original für die Leitthemen der BUGA-Energie, Klima, Umwelt und Nahrungssicherung einem fiktionalen Erzählstrang folgten, knüpft hier der zweite Teil direkt an das Ende der ersten Halbzeit an. Joy Fleming kommt Anfang der 70er-Jahre desillusioniert, bankrott und von „Katzen-Theo“ im Stich gelassen, aus Paris zurück und wird in Mannheim von Familie und Freunden herzlich empfangen. Doch ihren Traum möchte sie weiterleben und möchte noch einmal neu durchstarten mit eigener Band. Doch wieder wird sie, die begnadete Sängerin mit der unverwechselbaren Soul-Stimme, vereinnahmt und fremdbestimmt, sei es durch die abweichenden Vorstellungen ihrer neuen Band „The Hit-Kids“, dem geschäftsgeilen „Talentschuppen“-Regisseur Dieter Pröttel (Thomas Simon) oder wieder eine erneute Chance wittert, „Katzen-Theo“. Als sie bei ihrem Grand-Prix-Auftritt 1975 mit unpassendem grünem Outfit, aber mit einem grandiosen Lied, das leider nicht in den gewünschten Mainstream passt, nur drittletzte wird, scheint das auch das Ende ihrer Karriere zu sein.
Aber „Joys“ Haupt bleibt erhoben. Sie kennt ihren Wert, sie weiß endlich, was sie will und was nicht und weist „Katzen-Theo“ und den Rest der gierigen Schlagerwelt in ihre Schranken mit ihrer leidenschaftlichen Ansage „Das ist meine Musik, mein Leben, mein Talent, und das alles lass mich mir von dir nicht wegnehmen. Ich weiß, wo mein Platz ist: in Mannheim“. Und so zuversichtlich beendet das gesamte Ensemble – gefolgt von Standing Ovation des begeisterten Publikums - auch das Musical mit der Hymne und dem Appell, mit der auch schon das Original endete, „Wir müssen es wagen, … wer sonst, wenn nicht wir!“
In groben Zügen folgt das Musical dem wahren Lebenslauf des Mannheimer Originals. Die Abweichungen, beispielsweise, dass Erna Raad ja erst in diese ersten Nachkriegsjahre hineingeboren wurde, sind der Dramaturgie geschuldet und tun der Authenzität keinen Abbruch. Die jeweilige Stimmung des Nachkriegsdeutschlands und der Clamourwelt der Siebziger Jahre wird trotz minimalistischem Bühnenbild hervorragend eingefangen.
Die Hymne „Ein Lied kann eine Brücke sein“, ist heute noch ein Kult-Hit und welche Stadt sonst kann für sich in Anspruch nehmen, dass sie sich gleich in zwei Musik-Events (genauer gesagt in drei Events, wenn man die Schatzkistl-Produktion „Iwwa die Brick“ hinzurechnet) vor ihrer Ikone Joy Fleming, die 2017 verstarb, verneigt – Mannem vorne!
Text: Beate Tilg, Bilder Wolfgang Neuberth

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Autor:

Wolfgang Neuberth aus Mannheim

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