Initiativbündnis Historische Gärten
Klimawandel schadet Historischen Gärten

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Die Schadensbilanz des Jahres 2020 in den historischen Gärten Deutschlands stand im Zentrum der Herbstsitzung des „Initiativbündnis Historische Gärten im Klimawandel“ (23.09.2020). Angesichts der aktuellen Bedrohungssituation haben sich die historischen Gärten, Interessensverbünde und Fachverbände in diesem Forum zusammengeschlossen. Das Fazit der Bilanz 2020: Die Gefährdung der Gartendenkmale in Deutschland hat sich erneut beschleunigt. Der Zustand der historischen Gärten ist besorgniserregend. „Es ist nicht mehr fünf vor zwölf. Es ist inzwischen 12 Uhr für den dauerhaften Erhalt der historischen Gärten.“ So fasst Michael Hörrmann, einer der Sprecher des Bündnisses und Vorsitzender des Vereins Schlösser und Gärten in Deutschland die Situation zusammen.

Schadensbilder nehmen bedrohlich zu
Die massive Unterversorgung mit Wasser, die Hitze, die intensive Sonneneinstrahlung und die aus dieser Stresssituation erwachsende höhere Anfälligkeit für Schädlinge zogen insbesondere die Gehölze in Mitleidenschaft, die das Bild der Kulturdenkmale prägen: die großen alten Bäume. In den meisten Gärten stiegen die Schadensbilder, die auf den Klimawandel zurückgehen, im Vergleich zu den Jahren 2018 und 2019 erneut deutlich an. In einigen deutschen Gärten explodierten sie geradezu. In den Herrenhäuser Gärten trockneten im Frühjahr sämtliche Zisternen aus, der Totholzanfall stieg um 30%. Im Fürst-Pückler-Park Branitz (Brandenburg) fielen im Frühjahr in der Austriebphase gerade einmal 3% des langjährigen durchschnittlichen Niederschlags.

Immer mehr Bäume sind akut gefährdet
Die Anzahl der abgestorbenen Altbäume – dabei handelt es sich um Bäume, die 150 Jahre und älter sind – hat sich wiederum deutlich erhöht und der Anteil der massiv geschädigten Gehölze ist weiter gewachsen. Zum ersten Mal war 2020 eine deutliche Ausweitung der Beschädigungen auch auf die Bestände der jungen Bäume und auf bisher vitale Bäume zu beobachten. Neben Eichen und Buchen sind zunehmend auch Ahorne, Hainbuchen und Thuja, Lärchen, Birken und Kastanien betroffen. Fichten und Kiefern sterben trotz intensiver Pflege flächig ab. Bei den Buchen war an verschiedenen Standorten ein Absterben der Feinwurzeln zu beobachten, was zu einem verminderten Austrieb im Frühjahr führte. Bei manchen Buchen war die Versorgung dadurch so geschädigt, dass die Bäume gar nicht mehr austrieben. Das ließ sich auch bei einzelnen Eichen beobachten.

Indikator Baumfällungen
In den Gärten von Schloss Dyck (Nordrhein-Westfalen) und Schloss Schwetzingen (Baden-Württemberg) stiegen die Not-Fällungen von einer langjährigen Durchschnittsrate mit rund 20 Bäumen enorm an: 70 Bäume mussten im Schlossgarten Schwetzingen gefällt werden, 60 waren es in Schloss Dyck. In Wilhelmshöhe in Kassel müssen dieses Jahr rund 400 abgestorbene Fichten entnommen werden, im großen Garten in Dresden waren dieses Jahr bereits 250 Fällungen notwendig. Im Schlossgarten Benrath bei Düsseldorf wurden bereits bis April diesen Jahres 67 schwerstgeschädigte Bäume gefällt. Auch in den historischen Gärten in Hessen, Brandenburg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern mussten deutliche Schäden, teilweise sogar ein flächiges Absterben konstatiert werden.

Pflegeaufwand steigt enorm
Für die Träger der Gärten stieg 2020 der finanzielle und personelle Aufwand für Sonderpflegemaßnahmen. Und ebenso verursachte die Sicherung der Wege beträchtlich mehr Kosten: Laufend müssen die Fachleute in Baumbeschauen den Zustand der Bäume kontrollieren und Totholz muss entfernt werden. Nur wenn die Besucherinnen und Besucher sicher sind vor Astbruch und umstürzenden Bäumen lassen sich die Gärten und Parks offenhalten und für alle ist weiterhin eine breite Teilhabe am kulturellen Erbe möglich. Diese Situation erzeugt bei den meisten Gartenverwaltungen inzwischen eine massive Überforderung. Denn nur in seltenen Fällen wurden in den letzten Jahren die Pflegeetats und der Personalbestand den gewachsenen Aufgaben angepasst. Unerlässliche Arbeiten unterblieben, weil die Schere zwischen der nötigen Pflege und den finanziellen Möglichkeiten inzwischen deutlich auseinandergeht. Es fehlen drängender denn je sowohl die kundigen Hände für Pflege- und Sicherungsmaßnahmen als auch Sondermittel, um vor Ort neue Erhaltungskonzepte entwickeln und rasch umsetzen zu können, praxisbezogen und mit solider wissenschaftlicher Begleitung.

Beispiel für Förderung: Schlossgarten Schwetzingen
Dabei können bereits überschaubare Summen sofort spürbare Linderung verschaffen und die Erhaltungschancen der historischen Gärten als Kulturdenkmale deutlich verbessern. Der Schlossgarten Schwetzingen (74 ha) erhielt durch eine 2019 genehmigte zusätzliche Stelle für eine Baumexpertin und durch 300.000 € Sondermittel vom Landtag von Baden-Württemberg für die Jahre 2020/2021 neue Möglichkeiten. Damit können, wissenschaftlich begleitet, bereits ab Herbst 2020 die besonders geschädigten Buchen und Eichen im landschaftsgärtnerisch gestalteten Teil betreut werden. Gleichzeitig lässt sich damit die historische Baumschule reaktiveren. Hier werden künftig unter den Bedingungen des Klimawandels Jungbäume aus dem eigenen Genpool unter kontrollierter Beobachtung gezogen, die in einigen Jahren die jetzigen Altbäume ersetzen.

Mehr Förderung mit schneller Wirkung
Die Lage für die historischen Gärten ist noch nicht hoffnungslos. „Das Initiativbündnis verspürt eine deutlich gewachsene Sensibilität für dieses Jahrhundertproblem der substanzbedrohenden Klimaschäden in den historischen Gärten“, sagt Jens Spanjer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur und zweiter Sprecher des Bündnisses. Die Bereitschaft des Bundes und einzelner Landeregierungen durch geeignete Förderkulissen das Wissen um die Ursachen, Zusammenhänge und Lösungswege zu verbessern, ist deutlich zu spüren. Es sei zu befürchten, dass die guten Ansätze wirkungslos bleiben, wenn nicht jetzt in allen deutschen Regionen unmittelbar mehr Etatmittel für die zusätzlichen Gärtner*innen, Baumpfleger*innen und Baumschulgärtner*innen bereitgestellt und der erhöhte Pflege- und Sicherungsaufwand unmittelbar durch Budgetverstärkung finanziell ermöglicht wird.

Autor:

Sabine Zoller aus Wochenblatt Karlsruhe

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