Lange Nacht der Kultur
Troupe Belleville im 5/4 Takt

Wadgasserhof, links Claudia Rieger | Foto: Peter Herzer
  • Wadgasserhof, links Claudia Rieger
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Kaiserslautern. Ina Bartenschlager performt mit Leidenschaft, stellt sich wiederholt in Bezug zu dem roten Viertel, wo sie ihre wortwerkstadt, das Belleville, in der Gaustr. unterhält. Letztes Jahr zur gleichen Zeit stand sie dort barfuß auf einem Plastikschemel und erzählte über den traurigen Untergang des Kultclubs Waschbrett, was große Resonanz fand. Auch diesmal dachte sich die Französischlehrerin, das muss etwas gänzlich Neues sein, was Langeweile erfolgreich verbannt und mehr oder minder brennende Themen den Gästen nahe bringt.
Sie sammelte 10 Schauspieler*innen um sich und entwickelte mit der Theaterpädagogin Claudia Rieger ein Konzept auf dem Wadgasserhof, das sich sehen ließ. Alle Akteure trugen eine Farbe, welche ihre Herkunft aus einem Viertel verdeutlichte.

Nach dem beschwingten Tanz zum Auftakt tritt ein stattlicher Mann mit rotem Hemd hervor, erzählt mit kräftiger Stimme von der Geschichte seiner Familie, die seit 1899 in Kaiserslautern Wurzeln schlägt. Dann die Schlaglichter: Hermann Kempf eröffnete 1924 in der Gaustr. ein Friseurgeschäft. 1953: Der 1.FCK wird zum 2. Mal Deutscher Fußballmeister. Sein Vater Gert Kempf machte in der Fruchthallstr. ein weiteres Geschäft auf. 1970: Kaiserslautern wird Universitätsstadt. 2000 zog es ihn, Carsten Kempf, selbst mit einer Agentur nach Kaiserslautern. Er ruft laut: "Freunde, das ist Zuneigung zur Heimat!"

Babylonische Verwirrung vs. Ordnungsprinzip

Eine Französin und eine Ukrainerin schildern Verständnisprobleme, zuerst in Muttersprache, dann auf Hochdeutsch. Ein US-Bürger, der seit langem in Kaiserslautern lebt, lobt die Stadt, ausgehend vom Museum, ein schöner Ort, wo viele Schätze zu finden sind.

Bartenschlager spricht mit ihrem ernsten Anliegen von Anonymität, von schleichenden Abtreten von Alltagskompetenzen, in der Menschenmenge inmitten der Stadt registrierte sie Befindlichkeiten wie "...Scham, vielleicht auch Grauen, wenn man sich der Verlassenheit und Einsamkeit seiner Situation gewahr wird. Gesichter überall, doch keine Stimme, kein Wort an Dich gerichtet – Unzählige Augenpaare, Menschen, die in alle Himmelsrichtungen davonlaufen.
Wir setzen uns Kopfhörer auf, Sonnenbrille auf, schauen aufs Handy, ziehen uns in die Isolation eines Handys zurück und spüren dabei einen Kokon und spinnen diesen Kokon um uns herum. Jeder wirkt so beschäftigt auf sein eigenes Vorankommen fokussiert – Schnell, in Eile noch eine Mail ins Handy tippen und Geschäftigkeit an den Tag legen. Doch bleibt, so scheint es, kaum Zeit, einfach mal stehen zu bleiben, sich zu unterhalten, geschweige denn, neue Bekanntschaften zu schließen. Einsamkeit, sagen Soziologen, Philosophen – Einsamkeit, das ist die größte Herausforderung unserer digitalen Zeit".

Die Französin findet eine alte Stadtkarte. Ganz schön analog. 5 Viertel. Aber es ist so klein dargestellt, da muss man es für die Gäste anschaulich auf das Pflaster mit Kreide malen.
Noch mal schauen alle auf die Karte. Fünf Viertel mit Hausnummern aus Emaille in verschiedenen Farben. Veronika Olma sagt: Das waren die Franzosen vor gut 200 Jahren: bleu, blanc, rouge, vert et jaune – Blau, Weiß, Rot, Grün und Gelb. Alle Viertel, bis auf das Blaue, liegen an der Lauter. Wegen einer Löschwasser-Verordnung. Wo genau aber verläuft die Lauter? Kempf geht zur Veranschaulichung mit einer Gießkanne quer durch die aufgezeichneten Viertel und sorgt für viel Heiterkeit, wiederum ein Plädoyer für eine Freilegung der Lauter.
Die Schönheiten der Stadt werden aufgezählt, was macht sie lebens- und liebenswert: Altstadt, Kaiserbrunnen, Fritz-Walter-Stadium, Musikerviertel, Kammgarn, Friedhof. Alle diskutieren mit steigender Leidenschaft wild durcheinander, welches Viertel das Beste sei ... nahezu am Scheitelpunkt und dramaturgisch geschickt ... folgt ein Statement von einer Frau im blauen Shirt. Sie definiert: Was ist das Stadtviertel überhaupt? Da gibt es die 15-Minuten-Regel von Carlos Moreno, Stadtplaner aus Paris – mit dem Rad, zu Fuß, mit dem Roller, ohne CO2-Ausstoß, soll man in Städten alles erreichen, was wichtig für einen ist, das bedeutet nachbarschaftlich und nachhaltig leben. Das macht glücklich – Stadtviertel werden ein Revival erleben – sind die Zukunft.

Der 5/4-Takt und eine Vision

Dann der Höhepunkt, alle tanzen zu Take Five von Dave Brubeck. So bilden im Nu alle Viertel ein harmonisch-rhythmisches Miteinander.
Eine Frau mit roter Handtasche löst sich aus der Gruppe. Sie entdeckte irgendwann "...ein Plakat einer radikalen Stadtteilbewegung für ein urbanes, ökologisch bewusstes Leben, auf dem sie ihre Vision der Stadt darstellten. Es zeigte ein spielerisches Panorama und ein reges Nachbarschaftsleben, dadurch blühte Kaiserslautern wieder auf. Mit Blumen auf den Balkonen, Plätzen, auf denen sich Erwachsene und Kinder tummelten, kleinen Geschäften und Werkstätten, deren Türen offen standen, dutzende Cafés, sprudelnde Springbrunnen. Menschen, die sich am Flussufer der Lauter vergnügten und mehrere Gemeinschaftsgärten gab es auch. Ein Kaiserslautern, in dem man offenkundig noch Zeit findet, sich zu treffen, sich zu unterhalten, oder sogar eine Zigarette zu rauchen. Ich fand das Plakat großartig, doch nach einigen Jahren ist es so zerfleddert und zerrissen gewesen, dass ich es wegwerfen musste, zu meinem Bedauern. Ich wünschte, ich hätte es noch. Es sollte neu gedruckt und überall aufgehängt werden, für die Zukunft der Vision von Kaiserslautern".
Wieder begann ein freudiger Tanz, die Gäste rundum wurden zum Mitmachen aufgefordert, was faktisch auch alle außerhalb der Viertel einschloss, die ganze Welt soll "noh Lautre kumme".

Was gab es noch?

Wie sah das Kontrastprogramm aus, sprich, kulturelle Vielfalt. Wenig später im Hof vor der Werkstattbühne des Pfalztheaters wurde der Roman von Christian Baron "Ein Mann seiner Klasse" vorgelesen (mit Hannelore Bähr), danach fand eine Diskussion mit Menschen statt, welche von Armut betroffen sind oder waren, und solchen, die sie mit viel Engagement bekämpfen. Eine Vertreterin von alt-arm-allein war zugegen. Diesem Verein, Initiator war Norbert Thines, kamen Erlöse aus einer Aktion mit dem Verkauf von alten Emaille-Straßenschildern der Viertel zugute.

Autor:

Peter Herzer aus Kaiserslautern

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