Bindungsangst erkennen: Was hinter Nähe‑Angst steckt

Menschen mit Bindungsangst verspüren oft eine große Sehnsucht nach Verbindung - und fliehen gleichzeitig davor.  | Foto: dpa
  • Menschen mit Bindungsangst verspüren oft eine große Sehnsucht nach Verbindung - und fliehen gleichzeitig davor.
  • Foto: dpa
  • hochgeladen von Cornelia Bauer

Bindungsangst erkennen. Wer sich nach Nähe sehnt, Beziehungen aber immer wieder auf Abstand hält, könnte in einem typischen Beziehungsmuster feststecken. Der sogenannte ängstlich‑vermeidende Bindungsstil beschreibt, warum manche Menschen Partnerschaft wünschen und gleichzeitig davor zurückschrecken.

Nach außen wirken Betroffene häufig unabhängig und selbstsicher. Innerlich entsteht jedoch ein Konflikt zwischen dem Wunsch nach Verbundenheit und der Angst vor emotionaler Nähe. Diese Dynamik kann Beziehungen belasten und dazu führen, dass Nähe immer wieder vermieden wird.

Bindungsangst ist kein offizieller medizinischer Begriff. Er stammt aus der Alltagssprache und bezieht sich auf Erkenntnisse der Bindungstheorie. Sie beschreibt, wie frühe Beziehungserfahrungen Bindungsmuster prägen, die bis ins Erwachsenenleben wirken.

Selbstständige Fassade, innerer Wunsch nach Nähe

Menschen mit einem ängstlich‑vermeidenden Bindungsstil «wirken sehr tough und selbstbewusst», sagt Psychologin und Coachin Linda-Marlen Leinweber. «Sie können gut auf eigenen Beinen stehen, weil das Höchste und Wichtigste für sie die eigene Freiheit und Autonomie ist.»

Gleichzeitig steckt hinter dieser Haltung oft ein gegenteiliger Wunsch. «Innerlich aber wünschen sie sich eigentlich, jemanden zu finden, dem sie dann doch mal vertrauen können», so die Autorin, die sich auch in ihrem Buch («Frei und trotzdem verbunden») mit dem Thema auseinandersetzt.

Frühe Erfahrungen prägen das Beziehungsmuster

Nach Einschätzung der Expertin hängt dieser Bindungsstil häufig mit Erfahrungen in der Kindheit zusammen. Gemeint sind Situationen, in denen ein Mensch nicht dauerhaft die Aufmerksamkeit oder emotionale Sicherheit erlebt hat, die Kinder normalerweise brauchen.

Daraus kann eine starke innere Ambivalenz entstehen. Betroffene wünschen sich Nähe, reagieren darauf jedoch mit Rückzug. «Da ist so eine Angst vor echter Nähe, eine Angst vor großen Gefühlen – und deshalb machen sie immer wieder Rückzieher», sagt Leinweber.

Nach außen wirkt das Leben oft stabil. Beziehungen bleiben jedoch schwierig, weil der Wunsch nach Verbundenheit mit der Angst vor Verletzung kollidiert.

Typische Hinweise im eigenen Verhalten

Nicht jede vorsichtige Haltung in einer Partnerschaft deutet auf Bindungsangst hin. Wiederkehrende Verhaltensmuster können jedoch Hinweise geben.

  • starkes Bedürfnis nach Kontrolle über Nähe und Distanz in Beziehungen
  • Rückzug, sobald emotionale Tiefe entsteht
  • Überzeugungen wie «Ich kann auf niemanden zählen»
  • Gedanken wie «Ich will keine Hilfe annehmen, ich schaffe alles alleine»

Leinweber empfiehlt in solchen Fällen eine ehrliche Selbstbeobachtung. Wer bemerkt, dass Nähe regelmäßig Unsicherheit auslöst, kann genauer auf eigene Reaktionen und Gedanken achten.

Verstehen hilft beim Verändern

Das Muster lässt sich nach Einschätzung der Psychologin verändern. Häufig geschieht das im Austausch mit anderen Menschen, etwa in einer Therapie, im Coaching oder im Gespräch mit vertrauten Personen.

«Zu verstehen, warum der Schmerz da ist und warum diese Schutzstrategie entstanden ist und wie ich sie auflösen kann, kann sehr intensiv werden», erklärt Leinweber. Veränderungen brauchen Zeit und wiederholte Erfahrungen mit neuen Verhaltensweisen.

Als Unterstützung im Alltag kann es helfen, Gefühle bewusster wahrzunehmen. Ein Emotionstagebuch etwa hält fest, welche Situationen Freude, Dankbarkeit oder Ärger ausgelöst haben und wie darauf reagiert wurde.

Beziehungen bleiben ein Lernprozess

Viele Betroffene hoffen, irgendwann vollständig frei von Bindungsangst zu sein. Leinweber rät zu realistischen Erwartungen. «Das ist wie eine Zwiebel zu schälen – und dann kommt irgendwie die nächste Schicht und die nächste Schicht. Den Anspruch zu haben, dass man jetzt irgendwie völlig befreit ist – diesen Druck möchte ich nehmen.»

Partnerschaften entwickeln sich demnach oft Schritt für Schritt. Wenn beide Seiten bereit sind, an schwierigen Momenten zu arbeiten und bei Bedarf Unterstützung zu suchen, kann sich das Beziehungserleben langfristig verändern. dpa/red

Weitere Artikel zum Thema Familie & Kinder

Ratgeber

Kindersitztest: Zwei Sitze versagen beim Frontalcrash

Kindersitztest. Zwei von 16 geprüften Babyschalen und Kindersitzen versagten im Frontalcrash und wurden von den Herstellern zurückgerufen, wie der ADAC mitteilt. Die besten Noten erzielten Babyschalen: Testsieger ist der Maxi-Cosi Coral Slide Pro mit der Isofix-Station Family Fix Slide Pro und der Gesamtnote 2,1. Bei den Kleinkindersitzen liegt der Recaro Toron 1 mit der Note 2,3 vorn. Der Maxi-Cosi MobiFix Pro erreicht ebenfalls eine gute Gesamtbewertung und eignet sich für Kinder bis etwa...

Ratgeber

Kontaktverbot für Eltern: Auch ein High Five kann teuer werden

Kontaktverbot für Eltern. Auch ein kurzer Gruß im Vorbeifahren kann gegen eine gerichtliche Umgangsregelung verstoßen und ein Ordnungsgeld nach sich ziehen. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main bestätigte in einem Fall 1.000 Euro Ordnungsgeld für einen Vater, der seiner Tochter außerhalb der festgelegten Umgangszeit ein «High Five» gab. Nach der Trennung lebten die beiden Kinder bei der Mutter. Dem Vater war begleiteter Umgang zugesprochen worden. Gleichzeitig untersagte das Gericht Kontakte...

Ratgeber

Streit, Rückzug, Schulprobleme: Wo Familien in Landau Hilfe finden

Landau. Wenn Regeln im Familienalltag nicht funktionieren, Streit häufig wird und Eltern wie Kinder sich überfordert fühlen, gerät das Zusammenleben schnell aus dem Gleichgewicht. Die Belastungen zeigen sich dann oft auch außerhalb der Familie: Kinder kommen unausgeschlafen in die Schule, ziehen sich zurück oder fallen durch ihr Verhalten auf. In solchen Situationen kann die Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) Raum Landau des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschlands (CJD) Eltern und...

Lokales

Neueröffnung in Trier: Kinderhospiz startet im November

Trier. Familien mit schwer kranken Kindern erhalten ab November in Trier einen neuen Ort für Entlastung, Pflege und Begleitung. Im „Nestwärme-Haus“ auf dem Petrisberg sollen dann die ersten Kinder und Jugendlichen mit lebensverkürzenden Erkrankungen aufgenommen werden. Das stationäre Kinder- und Jugendhospiz verfügt über acht große Zimmer für die Gäste und ihre Familien. Zum Haus gehören außerdem Familienzimmer, Spiel- und Therapieräume, Gemeinschaftsräume mit Küche sowie ein Begegnungszentrum....

Lokales
Pascal und Julie-Marie Mangold sind froh über die Übergangswohnung, in die sie mit ihren beiden Kindern nach dem Hausbrand in Niederkirchen einziehen konnten  | Foto: Monika Klein
3 Bilder

Hausbrand in Niederkirchen: Familie Mangold sucht dringend ein Zuhause

Niederkirchen. Eine alte Couch ist eines der wenigen Möbelstücke, die Julie-Marie und Pascal Mangold nach einem Hausbrand retten konnten. Längst ausrangiert, steht sie heute im provisorischen Wohnzimmer der jungen Familie. Ihr Zuhause ist unbewohnbar, die Übergangswohnung für vier Menschen und zwei Hunde beengt. Nun suchen Mangolds dringend eine längerfristige Unterkunft – am liebsten in ihrem Heimatdorf. Von Monika Klein Der 27. September verläuft für Familie Mangold zunächst wie ein...

Lokales
Bei dem Treffen kam es zu einem offenen Austausch im Foyer des Jugendamtes in Landstuhl | Foto: Hofe/Kreisverwaltung KL/gratis
2 Bilder

Von Pflegekindern bis Prävention: Ministerin besucht Jugendamt Kaiserslautern

Kreis Kaiserslautern. Wie lassen sich Kinder besser schützen, Familien frühzeitig unterstützen und Pflegekinder gut begleiten? Mit diesen Fragen hat sich die rheinland-pfälzische Ministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler bei einem Besuch im Jugendamt des Landkreises Kaiserslautern am Mittwoch, 14. Oktober, beschäftigt. Dabei ging es auch um ein Modellprojekt an zwei Grundschulen und die Herausforderungen für die Fachkräfte vor Ort. Um die Arbeit der Jugendämter und insbesondere der Sozialen...

Ratgeber

Mehr Langeweile: Klaws spricht über Pausen für Kinder

Rheinland-Pfalz. Für Familien kann der bewusste Umgang mit Pausen ein Anstoß sein: Sänger Alexander Klaws hält Langeweile für ein wertvolles Gefühl und will seinen drei Söhnen vorleben, sich nicht dagegen zu wehren. Das sagte der Vater von drei Kindern in der Radio- und Podcast-Show „Music Made in Germany“ der Sender RPR1. und Radio Regenbogen. Langeweile müsse man vielmehr „umarmen“, sagte Klaws. Je älter man werde, desto seltener erlebe man dieses Gefühl. Er selbst müsse sich bisweilen dazu...

Lokales

Wenn Babys Hilfe brauchen: Stiftung unterstützt Malteser in Speyer

Speyer. Die Hans Paul Gessner Stiftung unterstützt die Malteser in der Diözese Speyer mit 22.500 Euro für Kurse zu Kindernotfällen. Das Geld finanziert Schulungs- und Übungsmaterialien für Menschen, die bei Notfällen von Säuglingen und Kleinkindern helfen wollen. In den Kursen üben die Teilnehmenden unter anderem, wie eine Herz-Druck-Massage bei Säuglingen funktioniert und was sie tun können, wenn sich ein Kleinkind verschluckt hat. Die Malteser vermitteln theoretische Grundlagen und praktische...

Ratgeber

Enkel sehen: Wann Großeltern Umgang bekommen

Enkel sehen. Großeltern können auch bei Familienstreit ein Recht auf Umgang haben, wenn der Kontakt dem Kindeswohl dient und die Kinder ihn ausdrücklich wünschen. Entscheidend ist nicht allein, ob ein Elternteil den Kontakt ablehnt. Das Pfälzische Oberlandesgericht Zweibrücken stellte in einem Beschluss klar, dass der Blickwinkel der Kinder maßgeblich ist. Ein begleiteter Umgang kann Konflikte abfedern und familiäre Bindungen erhalten. Der Wunsch der Kinder kann den Ausschlag geben Im...

Ratgeber

Eckpunkte beschlossen: Bundesregierung plant strengere Regeln für Kinder in sozialen Netzwerken

Berlin. Soziale Netzwerke sollen für Kinder unter 13 Jahren künftig grundsätzlich tabu sein. Die Bundesregierung hat am Mittwoch, 14. Oktober, Eckpunkte für einen besseren Kinder- und Jugendmedienschutz beschlossen und damit nach eigenen Angaben die Umsetzung erster Maßnahmen gestartet. Wie das Bundesfamilienministerium mitteilt, stützt sich das Vorhaben auf 56 Empfehlungen einer unabhängigen Expertenkommission. Im Mittelpunkt stehen mehr Schutz vor Risiken im Netz, mehr Medienkompetenz und...

Autor:

Sarah Isele aus Mannheim-Nord

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
Kommentare sind deaktiviert.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.