Angst vor dem Älterwerden lindern: Was im Alltag hilft

Grenzen und Möglichkeiten: Vieles fällt im Alter leichter. | Foto: Oneinchpunch/Westend61/dpa-mag
  • Grenzen und Möglichkeiten: Vieles fällt im Alter leichter.
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Angst vor dem Älterwerden. Wer das Alter nicht nur als Verlust deutet, kann mit mehr Handlungsspielraum auf körperliche Veränderungen, Sorgen und neue Lebensphasen schauen. Der Nutzen liegt im Alltag vor allem darin, zwischen realen Einschränkungen und negativen Altersbildern zu unterscheiden. Das kann helfen, nicht vorschnell passiv zu werden.

Der Gedanke kommt oft plötzlich: an einem runden Geburtstag, vor dem Spiegel oder wenn der Körper anders reagiert als früher. Dann geht es nicht nur um Falten, graue Haare oder Rückenschmerzen, sondern um größere Fragen nach Wert, Kontrolle und Zukunft.

Negative Altersbilder machen Sorgen oft größer

"Altern ist verbunden nicht nur mit Verlusten, sondern auch mit Gewinnen», sagt die Psychologin und Altersforscherin Prof. Jana Nikitin von der Universität Wien. «Dadurch, dass wir uns auf die Verluste fokussieren, vergessen wir sehr schnell, dass die Gewinne immer noch da sind."

Viele Menschen rechnen beim Älterwerden vor allem mit Abbau. Sie erwarten, schwächer, unattraktiver oder vergesslicher zu werden. Solche Vorstellungen müssen im Einzelfall nicht stimmen, prägen aber den Blick auf den eigenen Körper und auf andere Menschen.

Auch scheinbare Komplimente können dieses Bild verstärken. Sätze wie "Du siehst viel jünger aus" oder "Ich fühle mich zehn Jahre jünger" legen nahe, dass Altsein grundsätzlich etwas Schlechtes sei. "Eigentlich betonieren wir damit die negativen Altersbilder", sagt Nikitin.

Kontakt zu anderen Altersgruppen kann Stereotype abbauen

Ein Grund für pauschale Altersbilder ist nach Einschätzung der Forscherin, dass viele Menschen wenig Kontakt zu anderen Altersgruppen haben. Familienkontakte allein reichen dafür oft nicht aus, weil dort Rollen und Erwartungen bereits festgelegt sind.

"Wir wissen aus sehr viel sozialpsychologischer Forschung, dass Kontakt dazu führt, dass man Stereotype abbaut", sagt Nikitin. Ihr Rat lautet deshalb: "Eignen Sie sich Wissen an und haben Sie Freunde in anderen Altersgruppen - nicht immer nur innerhalb der eigenen Altersgruppe."

Für den Alltag bedeutet das: Wer ältere Menschen nur aus Klischees kennt, verbindet Alter schneller mit Verlust. Wer dagegen verschiedene Lebensentwürfe, Fähigkeiten und Erfahrungen älterer Menschen erlebt, kann die eigene Zukunft realistischer einschätzen.

Altersangst kann Verhalten unbewusst verändern

Altersbilder beeinflussen laut Nikitin nicht nur Gedanken, sondern auch das tatsächliche Altern. Ein Beispiel sind Rückenschmerzen. Wer sofort denkt: "Das ist das Alter, da kann ich nichts machen", sucht seltener nach Handlungsmöglichkeiten.

So kann eine selbsterfüllende Prophezeiung entstehen. Veränderungen werden als unvermeidbarer Abbau gedeutet, obwohl Bewegung, Abklärung oder Anpassungen im Alltag weiterhin eine Rolle spielen können.

Hilfreich ist deshalb eine realistische Einordnung. Die Lösung besteht nicht darin, das Alter ausschließlich positiv zu sehen. "Man hat bestimmte Möglichkeiten, aber nicht alle Möglichkeiten dieser Welt", sagt Nikitin.

Gestalten statt nur aushalten entlastet im Alltag

Altern ist aus Sicht der Psychologin kein Prozess, der Menschen nur passiert. "Altern ist das, was ich aus meinen Voraussetzungen mache. Das ist nicht etwas, was kommt, sondern etwas, was wir mitgestalten."

Zu den Faktoren, die in jedem Alter eine Rolle spielen, zählen vor allem:

  • regelmäßige Bewegung im Rahmen der eigenen Möglichkeiten
  • eine ausgewogene Ernährung
  • soziale Kontakte auch außerhalb der eigenen Altersgruppe
  • Aufgaben, die als sinnvoll erlebt werden
  • ein genauer Blick auf Beschwerden, statt sie automatisch dem Alter zuzuschreiben

Nikitin ordnet ein, dass solche Schritte keine vollständige Kontrolle über das Altern bedeuten. Sie können aber dazu beitragen, vorhandene Möglichkeiten besser zu nutzen.

Mit dem Alter können emotionale Stärken wachsen

Neben Verlusten gibt es nach Angaben der Forscherin auch mögliche Gewinne. Im Durchschnitt seien ältere Menschen ausgeglichener, emotional stabiler und besser darin, ihre Gefühle zu regulieren.

Auch soziale Begegnungen würden häufiger als bedeutungsvoll erlebt. Das hängt nach Nikitin mit dem wachsenden Bewusstsein zusammen, dass die eigene Zeit begrenzt ist. Daraus kann mehr Klarheit entstehen.

"Will ich jetzt wirklich noch jeden Blödsinn mitmachen? Nein, will ich nicht", beschreibt die Altersforscherin diese Entwicklung. Viele Menschen wählen bewusster aus, mit wem sie Zeit verbringen und welche Aufgaben ihnen wichtig erscheinen.

Der Blick in den Spiegel ist nicht die ganze Bilanz

Wenn das Spiegelbild betrübt oder der Körper sich verändert, kann ein zweiter Blick helfen. Entscheidend ist, nicht beim ersten Verlustgedanken stehenzubleiben, sondern die eigene Lebensbilanz breiter zu betrachten.

Dazu gehören Fragen nach Beziehungen, Erfahrungen, erlernten Fähigkeiten, bewältigten Krisen und Dingen, die aufgebaut wurden. Die Antworten fallen individuell aus. Falten verschwinden dadurch nicht, ihre Bedeutung kann sich aber verschieben.

Nikitin beschreibt noch einen weiteren Prozess: Menschen werden mit zunehmendem Alter oft besser darin, sich an das anzupassen, was vorhanden ist, und dessen Wert wahrzunehmen.

"Entweder wir verändern die Welt so, dass sie zu unseren Bedürfnissen und Zielen passt. Oder wir verändern uns, sodass unsere Bedürfnisse dem entsprechen, was wir haben." Dieser zweite Prozess werde im höheren Erwachsenenalter stärker.

Das ist nicht nur Sich-Abfinden. "Wir finden einfach das Gute, das Positive eher in dem, was wir haben, als in jungen Jahren", sagt Nikitin. Beziehungen, Erfahrungen, Fähigkeiten und ein Zuhause können dadurch stärker in den Vordergrund rücken.

Prof. Jana Nikitin leitet den Arbeitsbereich Psychologie des Alterns an der Universität Wien. Gemeinsam mit Christina Ristl veröffentlichte sie das Buch «Die sieben Mythen des Alterns - Was wir von der psychologischen Forschung lernen können». Praktisch heißt das: Angst vor dem Älterwerden wird kleiner, wenn Verluste ernst genommen werden, ohne die eigenen Möglichkeiten und Gewinne auszublenden. dpa/red

Autor:

Sarah Isele aus Mannheim-Nord

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