Impulse für eine freie, demokratische Gesellschaft
Publikumsmagnet Kirchenvolksfest

Kaiserslautern. Einen Impuls für eine freie, demokratische Gesellschaft solle von diesem Fest ausgehen, wünschte sich Kirchenpräsident Christian Schad am Samstag, 8. September, in der von vielen Besuchern gefüllten Kaiserslauterer Unionskirche. Er fand abschließende Worte für die Veranstaltung „Marktplatz der Demokratie“ der Evangelischen Jugend beim Kirchenvolksfest „200 Jahre Pfälzer Kirchenunion“. Auf dem Podium hatten sich die Integrationsministerin Anne Spiegel, Moderatorin Jennifer Sieglor sowie die Landtagsabgeordnete Giorgina Kazungu-Haß Fragen von Jugendvertretern und aus dem Publikum gestellt.
„Mutig voran“ war das Motto des zweitägigen Festes und einen Weckruf, die demokratische Gesellschaft zu verteidigen, sandte nicht nur der Kirchenpräsident aus. Er wünsche allen Christen den Mut, einzuschreiten und nicht den Menschen das Wort zu überlassen, die rassistische Standpunkte verbreiteten, sagte Schad. Er selbst suche den Dialog, wohl wissend, dass es auch Protestanten gebe, die der Alternative für Deutschland (AfD) nahestünden, die rechtspopulistische Ansichten vertrete.
Klare Position bezog auch Kazungu-Haß, die kultur- und kirchenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, in der Diskussionsrunde „Ist unsere Demokratie noch zu retten?“ mit Heidrun Krauß, geschäftsführende Referentin des Landesjugendpfarramtes, und der ehrenamtlichen Jugendlichen Katharina Hoffmann: Toleranz und Freiheit bedeuteten nicht, rassistische Äußerungen zu akzeptieren, sagte sie unter Applaus. Die Politik müsse sich „mehr um Sorgen der Bürger kümmern, als um besorgte Bürger“, sagte die Tochter eines aus Kenia stammenden Vaters und Mutter von vier Kindern. Ja, die SPD lasse sich von den rechten Parteien vor sich hertreiben, bestätigte sie eine Frage aus dem Publikum, sie sei jedoch auch in Bedrängnis, „weil wir uns nicht trauen, mehr Haltung zu bewahren“. Demokratie sei der höchste Anspruch an ein gesellschaftliches Zusammenleben, jeder sei wichtig dafür. Sie müsse nicht gerettet, sondern immer neu geformt werden. Ihre Politikerkollegen forderte Kazungu-Haß zu mehr Mut zu Wahrhaftigkeit auf – auch mit der Gefahr, dadurch Wählerstimmen zu verlieren.
Anne Spiegel äußerte sich in der Podiumsdiskussion „Bildung braucht Demokratie – Demokratie braucht Bildung“ zu den jüngsten Äußerungen des Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, es gebe keine Belege für Hetzjagden in Chemnitz. Sie seien unglücklich zu dieser Zeit gewesen, sagte die Ministerin, und vor allem in einer nicht akzeptablen Sprache vorgetragen worden. „Achtet auf die Sprache, sie kann eine Debatte formen, aber sie kann sie auch richtig gefährlich machen“, rief sie den Zuhörern bei der Podiumsdiskussion in der Unionskirche zu. Aussagen wie die Maaßens sowie die Vorfälle in Chemnitz machten ihr Sorge, wie es mit unserer Demokratie weiter gehen werde. Aber sie machten sie auch kämpferisch, sagte die Ministerin. Im Gespräch mit Volker Steinberg vom Landesjugendpfarramt sowie dem ehrenamtlich aktiven Jugendlichen Lukas Schwarz trat sie klar für mehr Diskussion über Politik in Schulen ein. Sie forderte Schulvertreter dazu auf, mehr Demokratie in ihren Einrichtungen zuzulassen, auch bei grundsätzlichen Fragen. Jugendliche früh einzubinden und sie über das, was in der Welt passiert, zu informieren, sei ein Grundstein für eine freiheitliche Gesellschaft, sagte auch Jennifer Sieglor. Sie glaube nicht an die „Mär der politikverdrossenen Jugend“, betonte die Fernseh-Moderatorin. Wichtig sei es, die Jugendlichen zu erreichen, Politik verständlich zu machen, wie das die Kindernachrichtensendung Logo tue. „Sonst bleibt die Angst“, warnte sie.
An eine solche Zeit, zu der Angst vor Andersartigkeit zu Hass und Gewalt in Deutschland geführt hatten, erinnerte Dietrich Lauter. Der ehemalige Ludwigshafener Jugendpfarrer und Kaiserslauterer Studentenpfarrer war als Zeitzeuge geladen bei der Hebung eines Memorandums, das die Evangelische Jugend der Pfalz beim 175. Jubiläum der Union im Jahr 1993 an der Stiftskirche vergraben hatte. In einem Zug, voran Kirchenpräsident Christan Schad, Landesjugendpfarrer Florian Geith und Kindergottesdienstpfarrerin Urd Rust, war die Evangelische Jugend mit vielen Besuchern von der Unionskirche zur Stiftskirche gezogen. Dort griff Schad zum Hammer, ging auf die Knie und hob mit zwei Jugendlichen den damals unter Widerständen der Kirchenvertreter gelegten Stein. Sie holten darunter die vergrabene Schrift hervor, die Schad vorlas: kirchlichen Schlagworten wie Freiheit, Offenheit, Toleranz, Gemeinschaft und Zuversicht hatten die Jugendlichen damals neue Begriffe zugeordnet: Profil, Charakter, Sensibilität, Konsequenz und Leidenschaft. Von „ewigen Worten“, die jede Generation für sich übersetzten müsse, sprach der Kirchenpräsident in einer ersten Analyse und betonte, dass dazu auch „das kritische Potenzial von euch Jugendlichen“ gebraucht werde. Dass sie die Botschaft ihrer Vorgänger ernst nehmen, diskutieren und analysieren werden, versprach Jugendpfarrer Geith.
Kaiserslautern zeigte sich am Samstag von seiner sonnigen, belebten Seite. „Himmel un Erd war do in Laudere“, sagte die Pfarrerin für Kindergottesdienst Urd Rust, verkleidet als historische Marktfrau Unions-Ursel. Und sie traf mit dem, was sie in ihrem Ein-Frau-Theater in der Unionskirche und später auch auf dem Unionsplatz vorstellte, nicht nur die Stimmung im Jahr 1818, sondern auch heute. Beim Fest mit Kirchentagsfeeling gab es viel zu entdecken, für zufällig sowie geplant Dazugestoßene, die von Logo-Aufklebern durch die Fußgängerzone Kaiserslauterns geleitet wurden: Stille Ecken wie bei der Non-Stop-Bibellesung im Chorraum der Stiftskirche durch angehende Lektoren und Pfarrer gab es ebenso wie laute Musik auf dem Stiftsplatz und eher ruhigere Töne auf der Lounge-Bühne auf dem Unionsplatz. Auch das Theaterfest des Pfalztheaters zog viele Besucher an. Informatives zum Unionsjubiläum wussten Historiker Roland Paul und Pfarrer Werner Schwartz im Alten Stadthaus, dem Ort der Synode im Jahr 1818, zu berichten. Diskutiert wurde über die Zukunft der Kirche bei einer Veranstaltung von „Frauen wagen Frieden“ und der „Arbeitsstelle Frieden und Umwelt“. Kritisch nachgefragt über Mut, Demokratie und die Rolle von Kirche in der Gesellschaft wurde auf der blauen Bank der Diakonie von Albrecht Bähr. Der Diakoniepfarrer hatte unter anderem Vertreter der rheinland-pfälzischen Landesregierung zu Gast: Innenminister Roger Lewentz, Wissenschaftsminister Konrad Wolf sowie Integrationsministerin Anne Spiegel. ps

Hintergrund:
1818 vereinigten sich in Kaiserslautern die bis dahin getrennten reformierten und lutherischen Gemeinden der Pfalz zu einer gemeinsamen Kirche. Die Pfälzer Kirchenunion entstand, weil die Gemeinden es wollten, sie war eine Basisbewegung. Dies feierte die Evangelische Kirche der Pfalz mit einem Festwochenende vom 7. bis 9. September an den historischen Schauplätzen in Kaiserslautern.
Mehr zum Thema:

www.kirchenunion-pfalz.de
www.evkirchepfalz.de

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