Interview mit dem Missbrauchsbeauftragten im Bistum Speyer
"Das Unrecht beim Namen nennen"

Ansgar Schreiner
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Speyer.Die Ansprechpersonen im Bistum Speyer für Verdachtsfälle auf Missbrauch durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst stehen Hilfesuchenden in allen Missbrauchsfällen zur Verfügung. Sie arbeiten unabhängig und sind gegenüber dem Bistum nicht weisungsgebunden.

Cornelia Bauer sprach mit einem der beiden unabhängigen Missbrauchsbeauftragten des Bistums Speyer.Ansgar Schreiner war zunächst Staatsanwalt in Frankenthal und Landau, war als Oberstaatsanwalt in Zweibrücken in Landau und Germersheim tätig. Anfang der 90er Jahre wechselte er als Direktor ans Amtsgericht Landau, 2004 wurde er Direktor des Amtsgerichts Ludwigshafen. 2016 fragte ihn der damalige Generalvikar Dr. Franz Jung, ob er die Nachfolge von Franz Leidecker als Missbrauchsbeauftragter antreten wolle. Er wollte.

???: Wie finden die Opfer von Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter zu Ihnen?
Ansgar Schreiner: Seit das Bistum Speyer im Jahr 2010 unabhängige Missbrauchsbeauftragte eingesetzt hat, wurden insgesamt 238 Verdachtsfälle geprüft. Bei etwa einem Drittel ergab sich der Verdacht aus der Durchsicht der Personalakten des Bistums bis ins Jahr 1912. In den übrigen Fällen nahm die Untersuchung von einer persönlichen Mitteilung an die Missbrauchsbeauftragten ihren Ausgang. Die Opfer melden sich direkt bei uns - telefonisch oder per E-Mail. Manchmal kommen sie auch über Einrichtungen oder über Dritte auf uns zu.

???: Wie definieren Sie Missbrauch?
Schreiner: Unter Missbrauch verstehen wir nicht ausschließlich den sexuellen Missbrauch. Das können auch andere körperliche Übergriffe sein: Schläge, Züchtigungen. In den 60er Jahren war das durchaus üblich. Unter Missbrauch verstehen wir jedes grenzverletzende Verhalten.

???: Wie wichtig ist es, dass Sie unabhängig vom Bistum agieren?
Schreiner: Sehr wichtig. Dadurch kann erst gar kein Verdacht einer falschen Parteilichkeit aufkommen.

"Heute hat man die Chance,
dass einem geglaubt wird"

???: Inzwischen werden viel mehr Verdachtsfälle gemeldet. Wie kommt das?
Schreiner: Bei Missbrauch, der schon länger zurück liegt, ist es so, dass die Opfer damals gar keine Chance gehabt haben, mit ihrem Anliegen gehört zu werden. Nicht nur von der Kirche selbst, sondern auch von den eigenen Eltern, den Ärzten oder Ämtern nicht. Inzwischen hat sich ein Wandel vollzogen. Man ist für dieses Thema wesentlich sensibler. Heute findet man Ansprechpartner - und hat die Chance, dass einem geglaubt wird. Wer grenzverletzendes Verhalten selbst erfährt oder in seinem Umfeld beobachtet, der ist heute schneller bereit, die zuständigen Stellen in Kenntnis zu setzen.

???: Gerade, wenn der Missbrauch lange zurück liegt, ist es sicher schwer, Beweise zu finden ...
Schreiner: Wir hören jeden an. Die Grundhaltung hier im Bistum Speyer ist die, dass wir jedem Opfer glauben - und nicht jedes Mal hinterfragen, denn natürlich ist es nach 30 oder 40 Jahren schwer zu beweisen, dass schlimme Dinge passiert sind. Aber wir wollen den Menschen gerecht werden, die das erlitten haben.

???: Viele dieser Fälle sind doch sicher bereits verjährt?
Schreiner: Wir verfolgen jeden Hinweis, egal ob der Täter verstorben oder die Tat verjährt ist. Wir hören jeden Betroffenen an und leisten auch in diesen Fällen Hilfe. Bei verstorbenen Tätern macht es jedoch keinen Sinn, den Vorgang an die Staatsanwaltschaft weiterzugeben, da diese gegen Verstorbene nicht ermittelt. Wenn der mögliche Täter jedoch noch lebt, dann geben wir den Fall im Einverständnis mit den Betroffenen immer an die Staatsanwaltschaft weiter - vor allem dann, wenn wir den Eindruck haben, dass eine Straftat vorliegt. In Grenzfällen kommt es auch vor, dass - wiederum im Einvernehmen mit den Betroffenen - man es etwa bei einem Gespräch mit dem Vorgesetzten belässt. Die Frage der Verjährung klären wir im Bistum nicht selbst, das ist ein viel zu kompliziertes Feld und bedarf der Einzelfallprüfung.

???: Man denkt beim Missbrauch innerhalb der Kirche zumeist an den Priester. Ist das so richtig?
Schreiner: Während sich bis zum Jahr 2000 der Tatverdacht in zwei Dritteln der Fälle gegen Priester richtete, lagen in den Jahren 2000 bis 2009 die Anschuldigungen gegen Priester und kirchliche Mitarbeiter in etwa gleichauf. Seit dem Jahr 2010 haben wir ein anderes Bild. Nur in fünf der insgesamt 28 angezeigten Verdachtsfälle waren die Beschuldigten Priester. Kein Wunder: Von 18.000 kirchlichen Mitarbeitern im Bistum sind nur 200 Priester - und die haben heute Aufgabenfelder, die sie nicht mehr oft mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt bringen. Täterpersönlichkeiten finden sich querbeet: von der Erzieherin bis zum Hausmeister.

???: Gab es auch schon ungerechtfertigte Anschuldigungen?
Schreiner: Nicht jeder Verdachtsfall ist automatisch ein Missbrauchsfall. Seit dem Jahr 2000 wurden nur zwei Tatverdächtige rechtskräftig verurteilt oder zu einer Geldstrafe verpflichtet. Dabei handelte es sich um einen Priester und einen Sozialpädagogen. Wir hatten auch schon eine falsche Anzeige - und im Anschluss daran eine Verurteilung wegen falscher Verdächtigung, ja.

"Die Menschen verarbeiten
Missbrauch sehr unterschiedlich"

???: Was erwarten sich die Opfer, wenn sie zu Ihnen kommen?
Schreiner: Das ist sehr verschieden. Die Menschen verarbeiten Missbrauch sehr unterschiedlich. Manche haben sich schon Hilfe geholt, wenn sie hierher kommen. Andere vertrauen darauf, dass wir ihnen weiterführende Hilfen vermitteln. Einige wenden sich auch wegen finanzieller Hilfen - etwa für eine Therapie - an uns.Das Bistum Speyer hat den Opfern mit der Übernahme von Therapiekosten und der Zahlung von Unterstützungsleistungen in Anerkennung des erfahrenen Leids geholfen und dafür seit 2010 etwa 315.000 Euro aufgebracht. Zahlungen wurden auch in den Fällen gewährt, in denen der Verdacht nicht eindeutig juristisch geklärt werden konnte.

???: Die Zahl der Kirchenaustritte steigt, glauben Sie, das hat auch mit Missbrauchsskandalen der Vergangenheit zu tun?
Schreiner: Ich kenne tatsächlich keinen einzigen Fall, in dem das Opfer der Kirche die Schuld gegeben hätte. Vielmehr gibt es viele Altfälle, bei denen die Menschen der katholischen Kirche immer noch sehr zugetan sind. Der Missbrauch hat ihren Glauben nicht in Zweifel gezogen. „Gott kann nichts dafür, dass die Menschen damals so waren“, hat ein Mann einmal zu mir gesagt.  Zwischenzeitlich hat ein grundlegender Haltungswechsel innerhalb der Kirche stattgefunden: von „das darf auf keinen Fall bekannt werden“ hin zu „das Unrecht beim Namen nennen“. Eine Wiedergutmachung kann es zwar nicht geben, aber Kirche bietet Hilfen an - ohne Rücksicht aufs Image. Dahinter steht die Erkenntnis: Der Missbrauch zerstört das Vertrauen, nicht das Bekanntwerden. Spätestens seit 2010 hat eine Kultur der Achtsamkeit das Wegschauen abgelöst.

???:
Kann man bei dem Thema präventiv etwas tun, so dass Missbrauch in Zukunft möglichst kein Thema mehr ist?
Schreiner: Mitarbeiter, die im Bistum mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, werden geschult. Wir wollen uns so aufstellen, dass Kinder in der Kirche geschützt sind. Aktuell sind wir auf der Suche nach einem Partner für die sozialwissenschaftliche Aufarbeitung des Missbrauchs im Bistum Speyer. Die soll helfen, Grundmuster der Täter zu erkennen und die Prävention weiter zu verbessern.

Weitere Informationen

Wer einen Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter erfahren hat, den ruft das Bistum Speyer dazu auf, mit einem der beiden Missbrauchsbeauftragten Kontakt aufzunehmen.
Ansgar Schreiner
0151 14880009
ansprechpartner@bistum-speyer.de
Dorothea Küppers-Lehmann
Caritas-Zentrum Kaiserslautern
Engelsgasse 1
67657 Kaiserslautern
015114880014
ansprechpartnerin@bistum-speyer.de

Ansgar Schreiner
Dorothea Küppers-Lehmann
Autor:

Cornelia Bauer aus Bruchsal

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