Schüler*innen erleben „Cabaret“- Eine Mahnung für alle Generationen

Die Schülerinnen und Schüler nutzten die Gelegenheit, sich mit den Schauspielern zu unterhalten und Fragen zu stellen. | Foto: TKD/HVS
  • Die Schülerinnen und Schüler nutzten die Gelegenheit, sich mit den Schauspielern zu unterhalten und Fragen zu stellen.
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Mannheim. Am Freitag, 6. März, bot sich kurz vor 12 Uhr ein ungewohntes Bild vor dem Capitol: Viele Menschen strömten zu dieser eher ungewöhnlichen Uhrzeit ins Veranstaltungshaus – vor allem junge Leute, die in Gruppen ankamen. Rund 250 Schülerinnen und Schüler aus zehn Schulklassen besuchten gemeinsam mit ihren Lehrer*innen eine Sondervorstellung des Musicals „Cabaret“. Zudem sahen etwa 250 weitere Erwachsene die Aufführung, unter anderem über das Kulturparkett.

Begrüßt wurden die Besucher*innen vor Beginn von Antje Geiter, Leiterin des Ideellen Bereichs der Heinrich-Vetter-Stiftung. Sie betonte, wie wichtig es sei, sich aktiv mit diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte auseinanderzusetzen.

Das Stück „Cabaret“

Das vom Capitol-Team eindrucksvoll inszenierte Musical spielt im Berlin der frühen 1930er Jahre. Es zeigt, wie Antisemitismus und Nationalsozialismus in immer mehr Lebensbereiche vordringen – auch dort, wo zunächst alles unpolitisch scheint. Das Stück beginnt mit Tanz, Erotik, glitzernder Unterhaltung und sich anbahnenden Liebesgeschichten: eine Welt, die unbeschwert wirkt. Doch der aufkeimende Nationalsozialismus verschiebt die Atmosphäre zunehmend. Ein Schockmoment markiert das Ende des ersten Teils, als auf der Bühne eine große Hakenkreuzfahne entrollt wird. Als „Fräulein Schneider“ diese zu Beginn des zweiten Teils herunterreißt, bricht Applaus aus – zu bedrückend war der Anblick. Die Flagge verschwindet, doch die zerstörerische Dynamik des Nationalsozialismus bleibt.

Die Fragerunde

Nach der Aufführung hatten die Schüler*innen Gelegenheit, mit den Darsteller*innen ins Gespräch zu kommen. Dabei wurde unter anderem gefragt, wie es sei, eine Rolle mit NS-Bezug zu spielen. Tim Stolberg (im Stück Ernst Ludwig, der „Nazi“) erklärte, man nähere sich einer solchen Figur mit großem Respekt. Im Hintergrund stünden immer die unvorstellbaren Verbrechen, die später folgen werden – mehr als 17 Millionen ermordete Menschen in Konzentrationslagern. Auch wenn diese Taten im zeitlichen Rahmen des Stücks noch nicht geschehen sind, wisse man als Schauspieler, was kommen wird – und das wirke in die Rolle hinein. Das Hakenkreuz auf der Bühne gehe auch an den Darstellenden nicht spurlos vorbei: „Am Ende vom ersten Akt komme ich oft auch zitternd von der Bühne, weil es einfach eine heftige Geschichte ist“, so Stolberg.

Auf die Anmerkung aus dem Publikum, das Thema sei leider erschreckend aktuell, sagte Tilman Madaus (im Stück Herr Schultz) sichtlich bewegt, er sei entsetzt über die Gegenwart. Er berichtete aus seiner Familiengeschichte: Er sei Jahrgang 1962, die erste Nachkriegsgeneration. Sein Vater habe im Zweiten Weltkrieg kämpfen müssen. Sein Urgroßvater habe sich im Dachstuhl seines Warenhauses in Osnabrück das Leben genommen, nachdem er nach den Gesetzen von 1935 plötzlich als „Halbjude“ galt. Madaus erklärte zudem, sein zweiter Name „Henner“ gehe auf einen Onkel zurück, der mit 16 Jahren in den letzten Kriegstagen eingezogen worden und wenige Tage vor der Kapitulation an der Elbe gefallen sei. Sein Fazit: Das Thema sei nicht verschwunden – „deswegen ist es so wichtig, sich gegen diesen Scheiß aktiv zu wehren“.

Auf die Frage, wie befreiend der Moment sei, in dem die Nazi-Flagge von der Bühne gerissen wird, antwortete Susan Horn (im Stück „Fräulein Schneider“), sie empfinde es als Ehre, dies tun zu dürfen, und freue sich über jeden Applaus an dieser Stelle. Gleichzeitig erlebe sie immer wieder, wie bedrückend es allein sei, dieses Symbol auf der Bühne zu sehen. Diese Beklemmung, so Horn, sollten die Jugendlichen ernst nehmen und mitnehmen. Sie sagte: „Seid Euch gewiss: Mit der AfD kommt Bedrückung. Bedrückung der schlimmsten Art und Weise.“

Das Projekt

Die Sondervorstellung war Teil eines generationenübergreifenden Projekts von Capitol Mannheim, Marchivum und Heinrich-Vetter-Stiftung, das Geschichte, Erinnerungskultur und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbinden soll – unter Einbezug von Jugendlichen ebenso wie von Senior*innen. Begleitend wurden ein Vortrag zur politischen und gesellschaftlichen Situation „Am Abend vor 1933“ in der Heinrich-Vetter-Stiftung sowie ein Besuch der Ausstellung „Was hat das mit mir zu tun?“ im Marchivum angeboten.

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Autor:

Charlotte Basaric-Steinhübl aus Ludwigshafen

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