„Die Partei“ hat Aufmerksamkeit / Bad Herrenalb wählt am 20.Oktober
Mit 29 Kandidaturen sorgt Kurort für Schlagzeilen

 foto: STJ

Region. Bad Herrenalb schickt sich an, erneut landesweit für Schlagzeilen zu sorgen. Vor einer Woche beriet der Gemeindewahlausschuss über die bis Frist- ende eingegangen 29 Bewerbungen für die Bürgermeisterwahl am 20. Oktober.
Der bisherige Amtsinhaber Norbert Mai (parteilos) tritt nach 16 Jahren nicht erneut an. Die Bewerberflut, die wohl einen neuen Rekord bei einer Bürgermeisterwahl darstellt, löst am Ort selbst bei kaum jemand Freude aus.

Nach „Wochenblatt“-Recherchen steckt die Satiretruppe „Die Partei“ hinter dem höchst ungewöhnlichen Vorgang. Mindestens 17 der 29 Kandidaten, stammen aus deren Reihen – viele davon gar aus anderen Bundesländern. Schon früh hatte sich beispielsweise ein 30-jähriger „Freier Autor“ aus Berlin zu Wort gemeldet – und noch in den letzten sieben Tagen der vierwöchigen Bewerbungsfrist waren weitere zehn Bewerbungen eingegangen.

Wird Bad Herrenalb damit bald selbst zur Satire? Der derzeitige Amtsinhaber, der seinen Stuhl zum Jahresanfang 2020 räumen wird, meinte noch vor wenigen Tagen, die Vielzahl der Bewerber sei „auf die gute Infrastruktur, das optische Erscheinungsbild und die Aufenthaltsqualität“ der Kurstadt zurückzuführen.

Die wirklichen Gründe für die Anzahl von 29 sind aber wohl tatsächlich andere. Mai, der 2011 mit 66,1 Prozent der Stimmen für eine zweite Amtszeit gewählt worden war, hatte mit dafür gesorgt, dass Bad Herrenalb im Sommer 2017 eine Gartenschau ausrichten konnte. Dazu gab es in den vergangenen Jahren Kontroversen: etwa rund um die Dezember 2013 und Oktober 2016 durchgeführten zwei Bürgerentscheide. Vor sechs Jahren hatte ein ominöser Investor Mittel in Höhe von bis zu 100 Millionen Euro angeboten für den Neubau einer monströs wirkenden „Bäderlandschaft“ am südlichen Stadteingang – bis der ganze Traum zerplatzte. Selbst die Kontoauszüge einer Baseler Bank, die für Seriosität sorgen sollten, erwiesen sich als gefälscht. 2016 und danach beschäftigten sich die Herrenalber und der Landtag mit einem Kreiswechsel – weg von Calw, näher hin zu Karlsruhe. Auch das blieb Wunschtraum.
„Bad Herrenalb ist ein wunderschöner Ort“, versichert der CDU-Stadtrat Christian Romoser – als Dienstältester seit über 20 Jahren Mitglied des Gremiums, zuletzt zwei Mal hintereinander Stimmenkönig. Die Stadt habe „überregionale Strahlkraft“: Doch Romoser gab schon vor der Bekanntgabe der 29 Namen zu bedenken: „Die Hälfte der Bewerber nehmen sie einfach mal weg, die sind nicht ernsthaft“.

Das mit der Ernsthaftigkeit sieht der 25-jährige Student Max Braun – erwartungsgemäß – etwas anders. Er sitzt seit 2014 für „Die Partei“ im Karlsruher Gemeinderat. Auf der jetzt zugelassenen 29-köpfigen Bewerberliste steht er auf Platz 17. „Wir wollen auf ein Phänomen aufmerksam machen, dass sich im Englischen ’parachute candidate’ nennt“, sagt er, und am ehesten übersetzt wird mit „Fallschirmkandidaturen“. Das seien Kandidaten „die nicht in der Gemeinde leben und keinen sonstigen Bezug haben“. Auf die Frage, ob mit der Massenkandidatur nicht die mit dem Wahlprocedere befassten Mitarbeiter der Stadt in den Wahnsinn getrieben würden, sagte er: es sei „eher ein Plus für die Demokratie, wenn wir Aufmerksamkeit für die Wahl schaffen und ein erhöhtes überregionales Medieninteresse“. Zudem behauptet Braun mehr oder weniger ernsthaft: „Absprachen gab es natürlich nicht“. Das Wahlrecht ermöglicht es: in Kommunen unter 20.000 Einwohnern braucht es keine Unterstützerunterschriften.

Bei der Stadt gibt’s nun „einen extrem langen Wahlzettel“, so Sprecher Christian Siebje – und auch lange Vorstellungsrunden durch die Anzahl der Bewerber.

Mancher Bewohner des Kurorts würde sich einen Kandidaten von außerhalb der Gemeinde herbeiwünschen: weil „die nicht in typische Herrenalber Netzwerke eingebunden sind“, so Axel W. Bauer. Gerhard Geschwill, 2013 der Sprecher der Bürgerinitiative gegen die geplante „Bäderlandschaft“, wünscht sich „professionelle Sachkenntnis in der Verwaltung, dazu Souveränität und Fairness im Umgang“. Darauf setzt auch die 2011 als Gegenkandidatin zu Bürgermeister Mai für die Grünen unterlegene Anwältin Sonja Feistauer. „Ich wünsche mir die Wahl einer Persönlichkeit, die nicht eigene Interessen verfolgt, sondern das Potenzial Herrenalbs erkennt und die Stadt zukunftsfähig macht“, sagt sie. All das dürfte bei der Satiretruppe von „Die Partei“ vermutlich nicht von vornherein anzutreffen sein. stj

Autor:

Jo Wagner

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