"Tatort" Volkspark
Hohe bürokratische Hürden für die Chöre von Andy Dodt

„Tatort“ Volkspark: Hier wollte „Forever Young“ seine Chorprobe abhalten
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von Ralf Vester
Kultur. Es war einer der Aufreger der vergangenen Woche: Am Morgen des 22. Juli hatte sich Andy Dodt mit rund 60 Mitgliedern seines Ü65-Chors „Forever Young“ unter mehr als penibler Einhaltung der Sicherheitsabstände auf dem ausreichend groß bemessenen Vorplatz der Bühnenmuschel des Volksparks eingefunden, um einer Probe des rüstigen Seniorenchores zu frönen. Wie ein Fußballschiedsrichter hatte sich der 74-Jährige mit Rasierschaum bewaffnet und in einem Abstand von mindestens drei Metern – und damit mehr als dem in Zeiten von Corona geforderten Mindestabstand – Markierungen für jeden einzelnen auf dem Boden angebracht. Alles so wie Anfang Juli, als „Forever Young“ nach Monaten des gesanglichen Darbens schon einmal vor der Volksparkbühne Stellung bezogen hatte und seinem leidenschaftlichen Hobby nachgegangen war.

Erneut fein säuberlich aufgereiht, nahm der Ü65-Chor also auch an besagtem Mittwoch seinen melodischen Gesang auf. Dabei wurde der beliebte Lautrer Park nicht etwa regelrecht beschallt. Mit so viel Bedacht wie möglich und eher leise wurden alte Klassiker wie „Schuld war nur der Bossanova“ oder „Mit 66 Jahren“ zum Besten gegeben. Andy Dodt hatte zur besseren Verständlichkeit lediglich seine akustische Gitarre mit einem Verstärker verstöpselt. Wie schon bei der ersten Probe fanden sich in gebührendem Abstand rasch einige Passanten ein, die sich an der wohlklingenden Darbietung der passionierten Hobbysänger erfreuten. Gestört fühlte sich niemand, auf den weitläufigen Grünflächen des Volksparks war schon gar nichts mehr vom Gesang zu hören. Beschwert hat sich in der morgens ohnehin eher spärlich frequentierten Anlage sicherlich keiner.

Doch dann nahte das „Unheil“ in Form von Mitarbeitern des Kaiserslauterer Ordnungsamtes, die der durch Andy Dodt vorher bei den Behörden ordnungsgemäß angemeldeten Chorprobe ein jähes Ende bereiteten. Zwar nicht unfreundlich und bedrängend, jedoch unmissverständlich lösten die Ordnungshüter die Versammlung auf und beriefen sich dabei auf ein Schreiben ihres Referatsleiters Werner Schmidt. Dieser hatte darin die neuerliche Chorprobe verboten. Die diesbezügliche Mail war dem umtriebigen Chorleiter jedoch nicht explizit zugegangen – ein Versäumnis, das Schmidt inzwischen auch selbst mit Bedauern einräumte. Tags darauf sah sich das Ordnungsamt veranlasst, jeglichen bis dahin erteilten Ausnahmen des Trainings von Gruppen aller Größenordnungen im Sinne der Gleichbehandlung in öffentlichen Grünflächen wie dem Volks- oder Stadtpark endgültig einen Riegel vorzuschieben und diese grundsätzlich zu verbieten.

Wie dem auch sei, Andy Dodt und seine Mitstreiter waren natürlich entsprechend bedient, teilweise sind sogar Tränen geflossen. „Die Städte sollen doch froh sein, dass sich Gruppen kreativ zeigen, wenn es darum geht, sichere und ausreichend große Outdoor-Alternativen für Übungszwecke zu finden. Stattdessen reguliert man auch das schon wieder und steigert so die ohnehin schon zunehmende Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Kein Wunder, dass derzeit so viel Druck auf dem Kessel ist“, sagt der leidenschaftliche Sänger, der in Heidelberg wohnt.

Rückendeckung erhält der Chor aus dem Seniorenbeirat der Stadt. „Die Freude war groß, die Enttäuschung umso größer. Jeder weiß, Singen macht froh, setzt Glückshormone frei, gibt gerade älteren Menschen psychisch und physisch Wertschätzung – und dann stoppen Gesetzeshüter wegen Ruhestörung diese Freude. Der Seniorenbeirat der Stadt Kaiserslautern, dem das Wohl der älteren Bürger am Herzen liegt, wurde von vielen enttäuschten Menschen – ob Sänger oder nicht – auf dieses Unverständnis angesprochen. Gerne setzen wir uns dafür ein, dass ein Umdenken der Stadtverantwortlichen möglich sein sollte, zum Wohle der betroffenen Bürger“, betont Helga Bäcker, die 1. Vorsitzende des Seniorenbeirats.

Chorproben sind wegen der Corona-Pandemie seit Monaten so gut wie unmöglich. Während Kontaktbeschränkungen mehrfach gelockert wurden, müssen Chöre weiterhin vorsichtig sein. Das Ansteckungsrisiko beim Singen ist aufgrund des hohen Aerosolausstoßes groß. Das Diakonissenheim, zuvor Heimat regelmäßiger Proben der von Andy Dodt geleiteten Chöre, scheidet daher als Location noch bis auf Weiteres weitgehend aus. Daher die fieberhafte Suche des umtriebigen Chorleiters nach möglichen Alternativen. Man darf sicher sein, dass er weiter am Ball bleibt und nicht ruht, bis er eine tragfähige Lösung gefunden hat.

So wie bei seinem Paradechor „Fresh!“, der aktuell aus 17 Sängerinnen und Sängern besteht und inzwischen längst semiprofessionelles Niveau erreicht hat und immer wieder für Furore sorgt. Mit dieser im Gegensatz zum maximal bis zu 130 Teilnehmer starken Ü65-Chor überschaubaren und nicht zuletzt auch körperlich mobileren Gruppe sind die Möglichkeiten natürlich andere, passende Austragungsorte für die Proben zu finden. So tut es auch mal ein größerer Privatgarten bei Chormitgliedern oder auch das weitläufige Wiesenareal am Aschbacherhof, das ihnen unbürokratisch zur Verfügung gestellt wurde.

Dort entstand auch das Video von „Fresh!“ zum Lied „Happy together“, das seit kurzem auf YouTube zu sehen ist. Unter dem Motto „Die Bären sind los“ bediente man sich moderner Technik und schnitt einen Clip zusammen, wie er in Zeiten von Corona vielfach aus dem Boden sprießt. Jedes Mitglied hat zu Hause einzeln seinen Part eingesungen, die Tonspuren wurden übereinandergelegt, und letztlich machte jeder noch ein Homevideo im Playbackverfahren. Zudem eben noch der gemeinsame Gruppenauftritt am Aschbacherhof.

Heraus kam ein ebenso sehens- wie hörenswertes Video des bekannten Turtles-Songs. Bereits zwei Monate zuvor bediente man sich des gleichen Verfahrens und spielte so den YouTube-Clip zum Lied „Price Tag“ ein. Kleine Trostpflaster für die seit langer Zeit machtlosen Chöre, die sich nach Monaten der Zwangspause so sehr nach öffentlichen Auftritten vor Publikum sehnen. Das Singen im Freien ist die einzig probate Alternative, allerdings mit dem Nachteil einer im Vergleich zu geschlossenen Räumen erheblich schlechteren Akustik.

Es bleibt zu hoffen, dass die für Chöre extrem strengen Auflagen in naher Zukunft weiter gelockert werden können, sodass auch Indoor wieder die Möglichkeit regelmäßigen Probens gegeben ist – verbunden mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass sich Andy Dodt und seine Mitstreiter möglichst nicht mehr mit derlei bürokratischen Ärgernissen wie letzte Woche zu kämpfen haben und endlich wieder ungehindert ihrer großen Leidenschaft nachgehen können.

YouTube-Videos:

„Price Tag“ (https://youtu.be/cwFxgWEFEEs)

„Happy together“ (https://www.youtube.com/watch?v=HF0Lq1Jr2EI

)

Autor:

Ralf Vester aus Kaiserslautern

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