Interview: Eurofighter über der Südpfalz - Warum die Angst vor Krieg plötzlich ganz real ist

Südpfalz-Kaserne, Germersheim | Foto: Heike Schwitalla
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Südpfalz. Tieffliegende Eurofighter und Militärmaschinen sorgten Mitte März in der Südpfalz für zahlreiche besorgte Anrufe bei der Polizei. Was als Teil eines feierlichen Gelöbnisses in Germersheim geplant war, löste bei vielen Bürgerinnen und Bürgern Unsicherheit aus – und zeigt eine Entwicklung, die weit über das eigentliche Ereignis hinausgeht: die wachsende Angst vor Krieg in Deutschland. Gerade die Pfalz ist mit der Air Base Ramstein derzeit immer wieder im internationalen Fokus der Weltpolitik, das weckt in der Bevölkerung Sorgen und Ängste. 
Im Gespräch erklärt Oberstleutnant Christian Zerau, Kommandeur und Standortältester in Germersheim, die Hintergründe der Eurofighter- Überflüge, die Reaktionen der Bevölkerung – und ordnet die wachsende Verunsicherung ein.

Notrufe: Tiefflug sorgt für Verunsicherung

Am 19. März flogen mehrere Maschinen der Bundeswehr im Rahmen eines öffentlichen Gelöbnisses über Germersheim und die Südpfalz. Die ungewohnten Flugbewegungen – teilweise im Tiefflug – führten zu zahlreichen Nachfragen und Notrufen.
Zwar konnte die Polizei schnell Entwarnung geben, eine Gefahr habe zu keinem Zeitpunkt bestanden. Doch die Reaktionen der Bevölkerung zeigen: Die Sensibilität gegenüber militärischen Aktivitäten ist deutlich gestiegen. Auch der Kontext spielt eine Rolle. Beobachter berichten, dass die angespannte weltpolitische Lage die Wahrnehmung solcher Ereignisse verändert – was früher als spektakulär galt, wird heute schneller als bedrohlich empfunden.

Unerwartet heftige Reaktionen

Im Umfeld des Eurofighter-Überflugs anlässlich des Gelöbnisses in Germersheim kam es zu Anfragen, aber auch zu Notrufen bei der Polizei in der gesamten Südpfalz. Obwohl die Medien bereits im Vorfeld der Veranstaltung berichtet hatten, sorgte der Überflug für Sorge und Panik. Im Gespräch mit Oberstleutnant Christian Zerau, dem Kommandeur und Standortältesten des Luftwaffenausbildungsbataillons in Germersheim erfahren wir mehr über die Haltung der Bundeswehr, die Angst der Menschen vor Krieg und die allgemeine Sicherheitslage. 

???: Ganz ehrlich, hätten Sie im Vorfeld mit einer solch heftigen Reaktion gerechnet?
Oberstleutnant Christian Zerau: „Wir erleben es bei den Überflügen zu unseren Gelöbnissen leider immer wieder, dass sich Menschen darüber echauffieren oder aus Sorge bei der Polizei nachfragen. Leider erreichen wir mit unseren intensiven Vorabinformation nicht immer alle Bürgerinnen und Bürger vorab. Wir bemühen uns jedoch immer darum so transparent wie möglich zu sein um eben genau diese Unsicherheiten zu vermeiden.“

Die Aussagen machen deutlich: Solche Reaktionen sind aus Sicht der Bundeswehr nicht völlig neu – ihre Intensität scheint jedoch zuzunehmen. Aber warum reagieren die Menschen sensibler?

???: Wie erklären Sie sich diese Reaktionen? Die Pfalz ist – was das Thema Überflüge betrifft – eigentlich ja einiges gewohnt. Glauben Sie, dass es dem Krieg im Iran geschuldet ist, dass die Menschen so sensibel reagieren?
Oberstleutnant Christian Zerau: „Ich persönlich denke nicht, dass dies eine unmittelbare Reaktion des Iran-Konfliktes ist. Im Allgemeinen erkennen wir jedoch, dass die Bürgerinnen und Bürger größeres Interesse an der Bundeswehr haben und auch des Öfteren Fragen stellen.“

Ein wachsendes Informationsbedürfnis trifft dabei auf eine angespannte weltpolitische Lage. Das führt dazu, dass selbst bekannte Geräusche – wie das von Militärjets – neu bewertet werden.

Social Media als Verstärker? 

???: Denken Sie, dass auch das Internet (bzw. die Verbreitung solcher Vorkommnisse über Social Media) zu dieser extremen Reaktion beigetragen hat?
Oberstleutnant Christian Zerau: „In erster Linie sind wir froh darüber, dass auch in sozialen Medien über die Bundeswehr gesprochen (und gerne auch diskutiert) wird. Somit erreichen wir auch die jüngere Generation und ein größeres Publikum. Sicherheit und Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit und muss geschützt werden, dazu liefern wir als Bundeswehr unseren wichtigen Beitrag. Flugzeuge (auch über Deutschland) gehören hier nun einmal dazu. Und natürlich schützen und verteidigen wir auch die Meinungsfreiheit in Deutschland.“

Diskussionen verbreiten sich heute schneller denn je – und können Unsicherheit ebenso verstärken wie aufklären.

Kritik am Überflug

Im Netz wurde der Überflug teilweise scharf kritisiert – von „Zynismus“ bis „Steuergeldverschwendung“ war die Rede.

???: Was antworten Sie Kritikern, die sagen, eine Show dieser Art hätte es nicht gebraucht?
Oberstleutnant Christian Zerau: „Die Überflüge bei unseren öffentlichen Gelöbnissen, sind niemals extra hierfür durchgeführte Flüge, sondern werden immer nur dann geflogen, wenn dies im zeitlichen und räumlichen Zusammenhang mit einer geplanten Ausbildungsmission stattfinden kann. Wir begrüßen jedoch diese Art der Darstellung auch für unsere jungen Rekrutinnen und Rekruten sowie deren Angehörigen. Ein Gelöbnis ist ein besonderer Moment im Leben unserer jungen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger in Uniform und soll auch lange im Gedächtnis bleiben. Darüber hinaus werden viele dieser Soldatinnen und Soldaten wenngleich sie Luftwaffenuniform tragen nicht regelmäßig Flugzeuge zu sehen bekommen. So begrüßen wir sie mit dieser kleinen Einlage im `TEAM Luftwaffe`.“

???: Warum haben Sie sich für diesen Programmpunkt gerade jetzt entschieden?
Oberstleutnant Christian Zerau: „Wir versuchen seit je her bei unseren öffentlichen Gelöbnissen Überflüge zu integrieren. Da dies in Abhängigkeit der örtlichen Auflagen, dem Wetter, und wie oben beschrieben der Verfügbarkeit der Flugzeuge (nur bei ohnehin stattfindenden Trainingsflügen) nicht immer realisierbar ist, erscheint es von daher vielleicht wie eine Ausnahme.“

Der Überflug war also kein Sonderereignis – sondern Teil etablierter Abläufe. Dennoch wurde er anders wahrgenommen als früher.

Wachsende Angst vor Krieg - konkrete Sorge vor Eskalation

Viele Menschen verbinden solche Ereignisse inzwischen direkt mit globalen Konflikten.

???: Die Menschen haben auch hier in Deutschland derzeit Angst vor Krieg. Halten Sie diese Angst für berechtigt bzw. ist sie nachvollziehbar?
Oberstleutnant Christian Zerau: „Natürlich sind die aktuellen Weltpolitischen Entwicklungen besorgniserregend. Dennoch wäre es falsch den Menschen in Deutschland Angst zu machen. Wir als Bundeswehr setzen alles daran unsere Verteidigungsfähigkeit zu steigern und gemeinsam mit unseren Partnern und Verbündeten in NATO und EU unsere Verteidigungsbereitschaft und auch   Verteidigungsfähigkeit glaubhaft zu demonstrieren. Kämpfen zu können um nicht kämpfen zu müssen; glaubhafte Abschreckung ist die Devise.“

Im Gespräch mit Oberstleutnant Christian Zerau, Kommandeur und Standortältester Germersheim

 | Foto: Paul Needham
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???: Aber wenn es zu einer deutschen Beteiligung am Iran-Krieg der USA käme, wie würde sich das ganz konkret hier in Germersheim und in der Südpfalz auswirken?
Oberstleutnant Christian Zerau: "Es gibt keinerlei Anzeichen für eine deutsche Beteiligung im IRAN Krieg.“
Daher wären alle Spekulationen dieser Art im Moment unseriös und ungerechtfertigt.

Sicherheitslage vor Ort

Auch das beschäftigt die Menschen in Germersheim und in der Südpfalz.
???: Gilt die Südpfalz-Kaserne als potenzielles Ziel für terroristische Anschläge?
Oberstleutnant Christian Zerau: „Grundsätzlich ist die Südpfalz Kaserne wie alle anderen Liegenschaften der Bundeswehr zu betrachten. Neben den bereits deutschlandweit immer wiederkehrenden stattfindenden Ausspäh- und Sabotageversuchen ist derzeit von keiner besonderen Gefährdung auszugehen.“

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Autor:

Heike Schwitalla aus Germersheim

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