Artifizielle Störung: Warum manche Menschen „krank sein wollen“
- Menschen mit einer artifiziellen Störung geht es um Aufmerksamkeit - oft aus Mangel an emotionaler Sicherheit
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Artifizielle Störung. Wenn Krankheiten immer wieder dramatisch geschildert werden, medizinisch aber kaum erklärbar sind, kann dahinter eine psychische Störung stehen. Fachleute sprechen von einer artifiziellen Störung. In der schwersten Ausprägung ist sie als Münchhausen-Syndrom bekannt.
Betroffene erfinden, übertreiben oder verursachen Beschwerden selbst. Anders als bei bewusstem Vortäuschen aus Vorteilssuche geht es laut Experten meist nicht um finanzielle oder rechtliche Vorteile. Häufig steht der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Fürsorge im Mittelpunkt.
Der Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie Steffen Häfner erklärt: «Sie fühlen sich in der Rolle des Kranken wohl, weil sich andere dann um sie kümmern». In Situationen wie Krankenhausaufenthalten oder bei besorgten Angehörigen erhalten Betroffene häufig genau die Aufmerksamkeit, die ihnen innerlich fehlt.
Belastende Erfahrungen können eine Rolle spielen
Nach Einschätzung von Experten hängen artifizielle Störungen häufig mit frühen belastenden Erfahrungen zusammen. Dazu können Vernachlässigung oder fehlende emotionale Sicherheit in der Kindheit gehören. Wenn Zuwendung vor allem dann erlebt wurde, wenn jemand krank war, kann sich dieses Muster später im Leben wiederholen.
Manche Betroffene gehen dafür sehr weit. Laut Berichten können Blut- oder Urinproben manipuliert, Medikamente ohne ärztliche Verordnung eingenommen oder sogar Selbstverletzungen verursacht werden.
Typische Auffälligkeiten im Alltag
Eine artifizielle Störung lässt sich meist nicht an einem einzelnen Merkmal erkennen. Häufig entsteht der Verdacht erst durch mehrere Auffälligkeiten im Verlauf:
- Beschwerden werden ausführlich geschildert, lassen sich medizinisch jedoch kaum erklären.
- Symptome passen nicht zusammen oder verschwinden plötzlich wieder.
- Es kommt zu häufigen Arztwechseln, besonders wenn Zweifel an den Schilderungen entstehen.
Unbehandelt können artifizielle Störungen zu körperlichen Schäden führen. Ursache sind unter anderem unnötige medizinische Eingriffe oder riskante Manipulationen am eigenen Körper. Darauf weist auch die "Apotheken Umschau" hin.
Unterschiede zwischen Männern und Frauen
Die Störung zeigt sich teilweise unterschiedlich. Bei Männern tritt häufiger die besonders dramatische Form des Münchhausen-Syndroms auf. Beschwerden werden dann oft als akut und lebensbedrohlich geschildert, auch Besuche in Notaufnahmen kommen häufiger vor.
Frauen sind insgesamt häufiger betroffen, zeigen laut Experten jedoch meist weniger extreme Ausprägungen. Nach außen wirkt es dann oft so, als würden sie trotz vieler Behandlungen einfach nicht gesund.
Eine besondere Form ist das sogenannte Münchhausen-by-Proxy-Syndrom. Dabei werden Symptome gezielt bei nahestehenden Personen hervorgerufen oder vorgetäuscht, häufig bei eigenen Kindern.
Hilfe ist möglich – wenn das Problem erkannt wird
Damit eine Behandlung beginnen kann, müssen Betroffene das eigene Verhalten zumindest teilweise erkennen. «Erst wenn Betroffene ihr Verhalten zumindest ansatzweise erkennen, kann sich etwas verändern», erklärt Häfner.
Als mögliche Therapieformen gelten etwa kognitive Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische Ansätze. Ziel ist es, neue Wege im Umgang mit dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Nähe zu entwickeln.
Wie Angehörige mit einem Verdacht umgehen können
Für Angehörige gilt Zurückhaltung. Offene Vorwürfe führen häufig dazu, dass Betroffene den Kontakt abbrechen. Fachleute raten deshalb, Beobachtungen ruhig und möglichst konkret anzusprechen.
Hilfreich kann es sein, gemeinsam einen Termin bei einem Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie zu vereinbaren oder eine psychosomatische Ambulanz aufzusuchen. Unterstützung bieten auch Selbsthilfegruppen und Beratungsangebote für Angehörige psychisch erkrankter Menschen.
Entscheidend ist langfristige Begleitung, denn hinter dem Verhalten steht meist ein tiefer liegendes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Sicherheit und emotionaler Nähe. dpa/red
Autor:Cornelia Bauer aus Speyer |
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