„Singe is e cooli Sach“ – Kinderchorprojekt bringt Pfälzisch ins Studio

Gemeinsames Abschlussbild nach erfolgreichen Aufnahmen | Foto: Carsten Hofsäß
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Lachen-Speyerdorf. Ungewöhnlich viele Kinder trafen sich an einem Samstag im Juni in der Lachen-Speyerdorfer August-Becker-Schule: Mitglieder der Chöre Notenhüpfer und „just4Music“, den Nachwuchschören von ChorKult Lachen-Speyerdorf.

Trotz der vielen Stimmen ist es im Filmsaal im Keller erstaunlich still. Vorne stehen zwei Mikrofone, dahinter drängen sich die Kinder in Reihen – die Kleinen vorne, die Größeren dahinter. Wo sonst Unterricht oder Filmvorführungen stattfinden, ist ein provisorisches Tonstudio aufgebaut. Auf den Stühlen sitzen die Eltern mucksmäuschenstill: „Hier ist ja ein ganzes Mini-Studio entstanden“, lobt Chorleiterin Silke Schick und dirigiert ihre Schützlinge an die richtige Position.

Silke Schick singt mit den Notenhüpfern und just4Music die Lieder ein  | Foto: Carsten Hofsäß
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„Singe is e cooli Sach“, setzt der Chor an, erst zögerlich, dann immer sicherer. Am Mischpult sitzt ein Mann, der seit Jahrzehnten Kinder mit seinen Liedern begleitet: Reinhard Horn, Kinderliedermacher, Pädagoge, Theologe. An diesem Wochenende arbeitet er mit seiner Frau Ute in der August-Becker-Schule mit den beiden Chören von ChorKult – und mit pfälzischen Texten. „Ich habe eure Stimmen gehört und viel Pfälzisch gelernt“, begrüßt er die jungen Sängerinnen und Sänger.

Dass sie Pfälzisch singen, ist Teil eines größeren Projekts: Zehn seiner Lieder werden in verschiedene Sprachen und 15 deutsche Dialekte übertragen. Über den Neustadter Theologen und Autor Michael Landgraf, der die Lieder ins pfälzische übersetzte und mit beiden befreundet ist, sowie Fortbildungen für Musiklehrer lernte Horn Silke Schick kennen; nun führt ihn der Weg in die Pfalz – und in den Schulkeller.

Wenn Horn von Musik spricht, benutzt er ein Bild, das ihn seit Jahren begleitet: „Seelenproviant“. Den Begriff hat er sich vom Pädagogen Armin Krenz ausgeliehen: „Wir alle tragen einen Rucksack auf dem Rücken, in dem das ist, was wir zum Leben brauchen“, sagt er – dazu zählten neben verlässlichen Beziehungen auch gute Musik und gute Geschichten. In Singstunden mit Demenzpatienten erlebe er, wie Menschen, die kaum noch den Tag einordnen könnten, plötzlich ein Lied aus ihrer Kindheit mitsingen. „Der letzte Bereich des Gehirns, der geschützt ist, ist das musikalische Gedächtnis“, sagt Horn. Deshalb sei gemeinsames Singen nicht nur „netter Zeitvertreib“, sondern „etwas Substanzielles“.

Dies bestätigt Silke Schick. Für sie gehört Singen zum Menschsein dazu: „Wir sind von Grund auf musikalisch, das merkt man auch bei Kleinkindern. Wenn Kinder in Chören oder Orchestern musizieren, machen viele auch als Erwachsene weiter.“

Projekten wie den Notenhüpfern misst Horn besondere Bedeutung bei. Kinder lernten dort, ihre Stimme zu benutzen, sich in eine Gruppe einzufügen, Verantwortung zu übernehmen und eigene Bedürfnisse auch einmal für ein gemeinsames Ziel zurückzustellen. „Eigentlich müsste unsere Gesellschaft ständig Applaus klatschen für Menschen, die sich in Chören engagieren“, sagt er.

Nervosität verwandelt sich in Neugier, als klar wird, was aus den Aufnahmen werden soll. „Wisst ihr, das kommt später auf YouTube und Spotify“, heißt es. „Oh, ich kann es dann selbst hören“, ist eine spontane Reaktion.

Reinhard Horn bespricht mit Rosalie Heinz und Dana Schäfer ihre Lieder, im Hintergrund Silke Schick und Ute Horn | Foto: Carsten Hofsäß
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Dass dabei auf Pfälzisch gesungen wird, ist für viele neu – und manchmal komisch. Zu Hause sprechen nicht alle Dialekt, manche kennen ihn eher von den Großeltern. In den Proben wurden Wörter wie „Zores“ oder „Recheboche“ wie Vokabeln geübt. Peinlich sei es aber nicht gewesen: „Es hat voll Spaß gemacht“, sagt die achtjährige Dana Schäfer, „ich habe einfach meine Augen zugemacht beim Singen.“ Als sie und die ebenfalls achtjährige Rosalie Heinz ihre Soli aufnehmen, nimmt Horn ihnen mit Fragen, Witzen und Erklärungen die Aufregung. „Es war erst mal ungewohnt, aber seine Erklärung war witzig, dann war ich entspannter“, sagt Rosalie. Für Dana sei Pfälzisch nicht schwer gewesen, sie spreche es zuhause und „übersetzte“ anderen Kindern.

Ungewohnt sei vor allem das Singen mit Kopfhörern gewesen, sagen sie: Die eigene Stimme klinge anders. Pfälzisch zu singen sei „cool“ und zugleich komisch, habe aber viel Spaß gemacht.

Horn sieht in solchen Erfahrungen mehr als nur regionale Folklore. Wenn Kinder in der Sprache ihrer Eltern und Großeltern singen, entstehe Nähe, betont er. Zugleich seien seine Lieder Träger von Themen wie Gemeinschaft, Mut, Gerechtigkeit und Selbstwert – Dialekt mache diese Inhalte besonders lebensnah.

Kritisch sieht der Kinderliedermacher den wachsenden Einfluss digitaler Medien im Alltag von Kindern. Seit Jahren warnt er davor, digitale Geräte in Kita und Grundschule zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Studien zeigten, so Horn, dass Instrumentalunterricht und Singen Konzentrationsfähigkeit, Wahrnehmung und Ausdauer stärken, während ständiger Digitalkonsum eher zu kurzen Aufmerksamkeitsimpulsen führe. „Das Leben ist analog“, sagt er, „und das, was Kinder in einem Chor erleben, lässt sich durch kein Display ersetzen.“ Zum Schluss des Aufnahmetages bekommen die Kinder noch einen Ausblick. Wenn alle Spuren bearbeitet sind, gehen sie an eine große Musikfirma, erzählt Horn. Veröffentlicht werden die Lieder als Musikclips, etwa auf YouTube; darunter liegt dann ihre Tonspur. „Im nächsten Jahr wollen wir ein Liederheft dazu machen“, kündigt er an, damit Schulen und Kindergärten die pfälzischen Versionen nutzen können. Zum Abschluss gibt es für Familie Horn mit „Es gibt kä schäner Länd’l“ noch ein Mundartstück – eine Liebeserklärung an die Pfalz, die bei den Gästen Eindruck hinterlässt. Am Ende dieses beeindruckenden Tages bleiben ein paar neue Wörter im Sprachschatz der Kinder, die Erfahrung eines Solos vor Mikrofonen – und ein Stück Seelenproviant, das sie länger begleitet, als sie heute ahnen. [red]

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Autor:

Eva Bender aus Neustadt/Weinstraße

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