Wenn das Schlüsselloch die Neugierde weckt und das Kribbeln im Bauch größer wird
Der Weihnachtszauber

 Foto: Wiegel

Von Claudia Bardon/Weihnachten. Die Weihnachtskirche ist vorbei. Wir sind mit Oma und Opa sowie der ganzen Familie nach Hause gefahren, um zusammen Heiligabend zu feiern.
In Omas Küche werden die letzten Vorbereitungen zum Essen getroffen und ich, ich bin neugierig und laufe in den Flur. Durch die Milchglastür schimmern die Kerzen des Weihnachtsbaumes, den ich einen Tag zuvor mit Opa schmücken durfte. Die Tür zum Ess- und Wohnzimmer ist noch verschlossen. „Nicht spitzeln, sonst fliegt das Christkind weg, wenn du es beim Geschenke verteilen störst“, ruft Mama aus der Küche.

Es kribbelt im Bauch

Ich schaue nicht durch das Schlüsselloch der Milchglastür, damit ich das Christkind nicht am Weihnachtsbaum störe. Nein, eher lockt mich das Schlüsselloch des Esszimmers, denn dort muss ich es ja sehen, wenn es das Haus auch wieder verlässt. Ich schaue zur Küchentür, alle noch beschäftigt. Leise schleiche ich mich zur Tür, senke meinen Kopf und wage einen Blick durch das Schlüsselloch. Ich sehe allerdings nur den festlich gedeckten Tisch. Ich hebe meinen Kopf wieder und laufe langsam zu den Anderen zurück in die Küche.
Dann aber höre ich Geräusche aus dem Wohnzimmer. Ich versuche mein Glück erneut. Langsam schaue ich das zweite Mal durch das Schlüsselloch und plötzlich kommt mir ein Lufthauch entgegen, so dass ich erschrocken in die Küche flüchte und mich an Mama festklammere. Sie nimmt mich auf den Arm und ich flüstere ihr zu: „Ich habe gespitzelt. Aber nur durch das Schlüsselloch ins Esszimmer, nicht ins Wohnzimmer, damit ich das Christkind beim Verteilen der Geschenke nicht störe. Aber als ich durch das Schlüsselloch geschaut habe, kam mir ein Windhauch entgegen“. Mama lächelt mich an und fragt mich, ob ich denn etwas erkennen konnte. Aber das war leider nicht der Fall.
Ich schaue erneut zur Glastür, um das Schimmern der Kerzen zu sehen, doch ich werde sofort wieder gerufen. Aber warum? Ich frage, wo Opa steckt, denn er ist der Einzige, der die ganze Zeit nicht zu sehen ist. Plötzlich kommt er direkt aus dem Wohnzimmer und lächelt mich an. Verwundert schaue ich zu ihm auf und strecke meine Arme nach ihm aus. Auf seinem Arm angekommen sagt er leise: „Das Christkind war da“. Erschrocken frage ich, ob es denn überhaupt Geschenke zurück gelassen habe, wenn es von ihm doch gestört wurde. Er lächelt erneut und erklärt mir, dass er auserwählt wurde das Christkind in unserem Haus zu unterstützen und es bei ihm auch nicht wegfliege. Ich lächle und das Kribbeln in meinem Bauch ist nun so stark, dass ich sofort runtergelassen werden möchte, um in die Küche zu rennen, in der mittlerweile auch alle mit den Vorbereitungen fertig sind. Ich rufe: „Das Christkind war da!“
Endlich - die Tür zum Wohn- und Esszimmer wird geöffnet. Der geschmückte Weihnachtsbaum erstrahlt in seinem vollsten Glanz, der Tisch ist festlich gedeckt, Weihnachtslieder erklingen und an Mamas Hand laufe ich zum Baum. Mein Herz pocht - welch ein schöner Moment. Die Kerzen leuchten den mit bunten Kugeln und silbernem Lametta geschmückten Baum aus. Darunter entdecke ich schön verpackte Geschenke - schon wieder kribbelt es in meinem Bauch.
Doch bevor es zur Bescherung kommt, wird das Weihnachtsessen mit der Familie genossen, bei dem sich meine Aufregung immer weiter steigert.

Die gute alte Tradition

In unserer Familie ist es seit Generationen so, dass vor der Bescherung Weihnachtslieder am Weihnachtsbaum gesungen werden. „Alle Jahre wieder“ und „Oh du Fröhliche“ werden gerade angestimmt und ich singe auf Opas Schoß kräftig mit.
Dann ist es soweit. Opa läutet das Glöckchen - Bescherung. Er wurde vom Christkind beauftragt die Geschenke zu verteilen. Ich bekomme auch welche und setze mich mit diesen direkt an den Baum: Eine Puppe und ein Möbelstück für mein von Opa selbst gebautes Puppenhaus. „Danke liebes Christkind“!
Und wieder kribbelt es in meinem Bauch... denn jetzt darf ich mit meinen Geschwistern und Opa auf den Dachboden, denn dort steht das selbst gebaute Puppenhaus und eine Eisenbahn.
Auf dem Weg nach oben öffnet Opa die Plätzchendosen von Oma. „Psst Kinder, nichts verraten, ich nehme uns Süßigkeiten mit auf den Dachboden“. Kichernd laufen wir Opa bis in seinen Bastelraum nach. Ich setze mich sofort vor mein Puppenhaus, welches ich nach meiner Mutter mein Eigen nennen durfte und feiere den Einzug meines neuen Möbelstücks.
Während die Familie nach und nach zu uns kommt, mein Opa mittlerweile als Schaffner an der Eisenbahn steht, ich meine Puppen frisch gekleidet habe, pfeift Opa durch die Trillerpfeife: „Zug kommt, Abfahrt los“. Weihnachtslieder laufen, Oma hat Gebäck dabei, Mama und Papa einen Umtrunk für die Erwachsenen und Kinderpunsch für uns Kinder.
Das ist Weihnachten: Alte Traditionen und die Familie. Das ist das, was zählt.
Und „das Kribbeln im Bauch“ ist auch Jahre später noch da, denn es ist mein persönlicher Weihnachtszauber.
Mittlerweile weiß ich auch, was Opa so alles dem Christkind helfen musste: Er war beauftragt hinter der Tür zu stehen und durch das Schlüsselloch zu pusten, wenn ich gespitzelt habe. clh

Autor:

Claudia Bardon aus Wochenblatt Kirchheimbolanden

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