Karlsruher Künstler trotzen Corona-Pandemie
Plakatkunst an der Litfaßsäule: weiße Flächen werden „zu Kunstfassade“

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Karlsruhe (stj) – Es gibt fest eingebürgerte Begriffe im Sprachgebrauch, die sich – was nur wenige wissen – auf konkrete Familiennamen zurückführen lassen: der Schreber-Garten etwa, Kleinod für manchen Stadtbewohner, geht auf Moritz Schreber zurück. Die Litfaßsäule gibt es, weil Ernst Litfaß – ein Berliner Druckereibesitzer und Verleger, 1854 die erste „Annoncen-Säule“ aufstellen ließ. Litfaß-Säulen gehören in Städten zum gewohnten Bild – auch wenn deren Bedeutung in digitalen Zeiten wohl abnimmt.

In Karlsruhe zählt man 270 solche Säulen, die regelmäßig mit Plakaten beklebt werden. Dazu kommen noch jene, die mit einer Art Klappfenster versehen, geöffnet werden können – und die Werbematerialen vor Wind und Wetter schützen. Dann kam Corona: In den letzten Monaten waren – auch in der nordbadischen Stadt – viele diese in der Regel mehr als drei Meter hohen, und im Umfang bis zu vier Meter messenden Säulen vor allem von weißen Flächen geprägt: kaum jemand wollte „Außenwerbung“ betreiben, Termine – vor allem im kulturellen Bereich – fanden lange Zeit keine statt.

„Die weiße Litfaßsäule ist eine tolle Fassade“, hatte der Karlsruher Künstler Markus Jäger bereits im vergangenen Jahr für sich entdeckt. Vorigen Sommer startete er sein Projekt „Mann mit Hut“, mietete großflächig 90 solche Litfaßsäulen; vom Typ „Ganzstellen“. Für ihn die Möglichkeit, drei identische Bilder rundum auf die Säule zu kleben – mit einer Höhe von 3,6 Metern und jeweils 1,2 Meter breit. Im Juli diesen Jahres startete er ein zweites Projekt, mietete diesmal 180 „Allgemeinstellen“, Säulen, die auch von anderen genutzt werden, um jeweils ein Plakat im Format DIN A 1 aufzubringen. Seit Januar entwarf er dazu Schwarz-Weiß-Zeichnungen, 100 Stück exakt, die er über die Stadt verteilen ließ. Jäger griff zeitaktuelle Motive auf, die ins Auge fallen – QR-Codes, Künstliche Intelligenz und Klimawandel gehören ebenso dazu, wie „Überbrückungshilfen“ (wovon er selbst als Künstler betroffen war).

Die Motive erinnern an Scherenschnitte – und Jäger will damit zum Nachdenken über das alltägliche Leben anregen. „Nachttiere im Warteraum“, heißt sein Projekt in diesem Sommer, das er selbst aus einem (von seinem Sohn animierten) Instagram-Auftritt entwickelte und für das sich auch inzwischen ein Berliner Kunstverlag interessiert. Ein Antrag für eine Hängung auf Stuttgarter Litfaßsäulen läuft derzeit, wie er erläutert. „Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen hängen mitten in einem lärmenden Farbrausch“, sagt er. Die Idee gäbe es nicht ohne Corona. Ziel für ihn war es, „mit einfachen Symbolen verständliche Kunst zu produzieren“. Für ihn war die Aktion „sehr hilfreich um aus dem Corona-Loch herauszukommen.“

Auf zwölf der so genannten „Ganzstellen-Litfaßsäulen“ – von denen es, wie erwähnt, 90 in Karlsruhe gibt –, ist ein weiteres, gleichartiges Projekt der Künstler-Initiative „achteintel.org“ fokussiert. Es handelt sich um Werke von sechs Künstlerinnen und Künstlern: Carolin Segebrecht, DEAR DEER ART CONSPIRACY, Chiharu Koda, DOME, Jana Gruszeninks und Michael Gibis ausgestellt. Da geht es um Comics, Graffiti, Malerei und Collage: hochgezoomt auf Plakatgröße. Als Plakatkunst an der Litfaßsäule. Chiharu Koda befasst sich an einer Säule, nach dem Zooeingang „West“ mit Hirsch- und Nashornkäfern. Bei anderen geht es um „eingetopfte Sonnenblumen“, oder wie bei DEAR DEER ART CONSPIRACY, am anderen Ende des Zoos, bei der Ettlinger Straße um eine Hommage an Disneys „Bambi“, mit Reh-Skizzen.

Die Laufzeit der Hängungen, sowohl von Markus Jäger, als auch der sechsköpfigen Initiative „achteintel.org“, ist zeitlich begrenzt: sobald ein neuer Mieter für Außenwerbung auftritt, werden die Plakate wieder überklebt – bei „achteintel.org“ wurde die offizielle Laufzeit aktuell nochmals verlängert bis zum 12.August. (Text: S.Jehle)

Fotos: Jehle (6); und: Josef Steiner-Faath (3)

Die Fotos sind entstanden: an der Hildapromenda, Hirschstraße, West- und Ost-Seite des Zoos. Südweststadt. In der Weststadt.

Weitere Info: zur Aktion „Nachttiere im Warteraum“
www.mj-konzept.de

Sechs Künstlern auf den 12 „Ganzstellen“:
https://achteintel.org

Autor:

S. Jehle aus Karlsruhe

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